Die Schweiz ist stolz auf ihren schlanken Staat. Das bekannteste Mass scheint ihr recht zu geben: 2023 entsprachen die Staatsausgaben 33,4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Nach Irland war das der zweittiefste Wert Europas. Auch über die Zeit blieb diese Staatsquote bemerkenswert stabil. Ein neues Policy Paper von Timothy Hopp, Joel Gysel, Dr. Marco Portmann und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern zeigt, dass hinter der tiefen Staatsquote mehr staatliche Dynamik steckt, als sie vermuten lässt.
Was von der Wirtschaftsleistung übrig bleibt
Wie hoch die Staatsquote ausfällt, hängt nicht allein von der Definition der Staatsausgaben ab, sondern auch davon, woran man sie misst. In der klassischen Berechnung werden die Staatsausgaben ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesetzt: Staatsquote = Staatsausgaben ÷ Bruttoinlandsprodukt × 100.
Das BIP umfasst allerdings auch Abschreibungen, also den Wertverlust von Maschinen, Gebäuden und Software. Dieser Teil der Wirtschaftsleistung wird benötigt, um den bestehenden Kapitalstock zu erhalten, und steht daher weder dem Staat noch Privaten für zusätzliche Ausgaben zur Verfügung. Zieht man die Abschreibungen vom BIP ab, erhält man das Nettoinlandsprodukt (NIP). Der deutsche Finanzwissenschafter Prof. Dr. Alfons Weichenrieder hat jüngst gezeigt, wie stark die Wahl zwischen BIP und NIP das Bild verändern kann (lesen Sie hier das Interview).
Für die Schweiz macht dieser Wechsel des Massstabs einen besonders grossen Unterschied: Die Abschreibungen entsprechen hier 23,4 Prozent des BIP, dem zweithöchsten Wert im EU/EFTA-Vergleich. Sinkt der Nenner in der Formel, wächst das Resultat. Gemessen am NIP lag die Schweizer Staatsquote 2023 bei 43,6 statt bei 33,4 Prozent. Auch die Entwicklung des staatlichen Fussabdrucks über die Zeit präsentiert sich anders: Während die klassische Quote seit 1995 praktisch stabil blieb, stieg sie gemessen am NIP um 1,3 Prozentpunkte.
Wem fliesst das Einkommen zu?
Die Wirtschaftsleistung lässt sich nicht nur danach betrachten, was nach den Abschreibungen übrig bleibt. Ebenso relevant ist, wem das daraus entstehende Einkommen zufliesst. Ein Teil des in der Schweiz erwirtschafteten Einkommens fliesst ins Ausland, etwa als Löhne von Grenzgängern oder Gewinne ausländischer Eigentümer. Die zugrunde liegende Wirtschaftsleistung wird im BIP mitgezählt, obwohl das daraus entstehende Einkommen nicht den Inländern zufliesst.
Gemessen am Bruttonationaleinkommen (BNE), das die Einkommen der Inländer erfasst, stieg die Quote zwischen 1995 und 2024 um 1,9 Prozentpunkte. Das ist deutlich mehr als bei der Messung am BIP.
Wo hört der Staat auf?
Bis hierhin ging es um den Nenner der Staatsquote. Doch auch der Zähler – die Staatsausgaben – lässt sich unterschiedlich abgrenzen. Pensionskassen sowie die obligatorische Kranken- und Unfallversicherung sind gesetzlich vorgeschrieben, aber privat organisiert. Deshalb erscheinen ihre Ausgaben nicht in der klassischen Staatsquote. Rechnet man sie hinzu, steigt die Quote für 2023 auf 45,9 Prozent des BIP. Deutschland kommt nach derselben Methode auf 48,1 Prozent.
Daneben kontrolliert der Staat zahlreiche Unternehmen wie die Post oder Kantonalbanken, die statistisch nicht zum Staat zählen. Auch sie vergrössern den staatlichen Einfluss über die klassische Staatsquote hinaus.
Was hinter den ausgeglichenen Haushalten steckt
Neben der tiefen Staatsquote gelten auch die seit der Jahrtausendwende meist ausgeglichenen öffentlichen Haushalte als Beleg für die Schweizer Ausgabendisziplin. Doch die Entwicklung von Ausgaben und Einnahmen zeigt, wie dieser Ausgleich zustande kam. Die Ausgabenquote blieb zwischen 1995 und 2024 mit 33,4 beziehungsweise 33,6 Prozent nahezu unverändert. Die Einnahmenquote stieg im selben Zeitraum hingegen von 31,5 auf 34,2 Prozent. Der Haushaltsausgleich kam damit vor allem über höhere Einnahmen zustande.
Keine Zahl zeigt das ganze Bild
Die bekannte Staatsquote von 33,4 Prozent ist nicht falsch. Sie zeigt aber nur eine begrenzte Perspektive. Gerade für die Schweiz macht die Wahl des Massstabs einen grossen Unterschied: Andere Berechnungen zeigen einen deutlich grösseren Staat – und einen, der relativ zur Wirtschaft gewachsen ist, obwohl diese selbst kräftig zulegte.