Studien
IWP 26. August 2026

Warum Abweichler im Parlament die Wähler besser vertreten.

Blick in die Säle von National- und Ständerat.

Nationalräte, die gelegentlich nicht mit der eigenen Partei stimmen, vertreten die Wähler ihres Kantons besser als Nationalräte, die stets der Parteilinie folgen. Das zeigt eine neue Studie von Yves Kläy, Dr. Marco Portmann und Prof. Dr. David Stadelmann, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Public Choice erschienen ist. Die Forscher messen, wie häufig die Nationalräte gleich entscheiden wie die Mehrheit der Wähler in ihrem Kanton. Dafür vergleichen sie 47'368 Abstimmungen im Nationalrat mit den Ergebnissen von 263 eidgenössischen Volksabstimmungen zwischen 1992 und 2024. 

Viele Köpfe urteilen besser – wenn sie unabhängig sind 

Die Studie stützt eine alte Einsicht der Demokratietheorie: das Condorcet-Jury-Theorem, benannt nach dem französischen Mathematiker und Philosophen Marquis de Condorcet. Es besagt vereinfacht: Je mehr Menschen unabhängig voneinander entscheiden, desto wahrscheinlicher liegt die Mehrheit richtig. Auf das Parlament übertragen heisst das: Je mehr Nationalräte einen Kanton vertreten, desto eher entspricht die Mehrheit der Kantonsdelegation auch der Mehrheit der Wähler. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Nationalräte tatsächlich unabhängig voneinander stimmen. Diese Voraussetzung wird durch die Parteidisziplin eingeschränkt.  

Parteidisziplin verringert die Zahl unabhängiger Stimmen 

Schweizer Nationalräte stimmen fast immer wie ihre Partei. Stimmen mehrere Vertreter regelmässig gleich ab, zählen sie statistisch nicht als voneinander unabhängige Stimmen. Die Studie berechnet deshalb, wie viele unabhängige Stimmen es innerhalb der Nationalratsdelegation eines Kantons gibt. Diese Zahl nennt sie die «effektive Wahlkreisgrösse». Zürich wählt 36 Nationalräte, kommt aber nur auf gut sechs unabhängige Stimmen. Wie weit beide Zahlen in den übrigen Kantonen auseinanderliegen, zeigt die folgende Grafik.

Was unabhängige Stimmen bringen 

Wie stark unabhängige Stimmen die Vertretung verbessern, lässt sich beziffern: Jede zusätzliche unabhängige Stimme erhöht die Wahrscheinlichkeit um rund 1.8 Prozentpunkte, dass die Mehrheit einer Kantonsdelegation gleich entscheidet wie die Mehrheit der Wähler. Ein zusätzlicher parteitreuer Sitz bringt nur einen Bruchteil davon. Der einzelne Nationalrat vertritt seine Wähler dabei etwas schlechter, je grösser der Kanton ist. Auf Ebene der Delegation überwiegt jedoch der Gewinn durch zusätzliche unabhängige Stimmen. Die Zahlen passen fast exakt zu den Vorhersagen des Condorcet-Jury-Theorems – allerdings nur, wenn man mit der effektiven statt mit der tatsächlichen Wahlkreisgrösse rechnet. 

Was bedeutet das institutionell? 

Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf eine alte Verfassungsregel. Artikel 161 der Bundesverfassung hält fest, dass die Mitglieder der Bundesversammlung bei ihren Entscheidungen an keine Weisungen gebunden sind. Die Studie zeigt, warum diese Regel wichtig ist: Unabhängige Urteile verbessern die Vertretung der Wähler. In der Praxis können Parteien die Unabhängigkeit ihrer Vertreter jedoch über Listenplätze, Kommissionssitze und andere Ressourcen beeinflussen. Mehr Sitze allein führen deshalb nicht automatisch zu einer besseren Vertretung. Ab etwa acht unabhängigen Stimmen werden die zusätzlichen Vorteile zudem kleiner. Entscheidend ist am Ende nicht die Zahl der Sitze, sondern wie viele Nationalräte unabhängig urteilen und stimmen. 

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