Herr Prof. Dr. Weichenrieder, das BIP gilt als zentrale Kennzahl für Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung. Wo stösst dieser Massstab an seine Grenzen?
Das BIP ist eine ausserordentlich nützliche Kennzahl für die wirtschaftliche Aktivität eines Landes und wie sich die gesamte Produktion entwickelt. Das BIP misst jedoch nicht, welcher Teil der Produktion tatsächlich als Einkommen verteilt werden kann. Denn es enthält auch die Abschreibungen auf den Kapitalstock bzw. die Ersatzinvestitionen, um diesen Kapitalstock zu erhalten. Diese Mittel können nicht konsumiert oder dauerhaft verteilt werden, ohne von der Substanz zu leben.
Wenn der Anteil der Abschreibungen steigt, wächst das BIP schneller als das tatsächlich verfügbare Einkommen. Deshalb plädiere ich dafür, dem Nettoinlandsprodukt (NIP) deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Es zieht die Abschreibungen ab und beschreibt damit besser die Einkommen, die einer Volkswirtschaft tatsächlich zur Verfügung stehen.
Für die OECD-Länder zeigt sich, dass die Abschreibungsquote in den meisten westlichen Volkswirtschaften über die Zeit gestiegen ist. Dadurch öffnet sich die Schere zwischen BIP und NIP zunehmend.
Sie zeigen für Deutschland auf, dass die Abschreibungen als Anteil am BIP von 1991 bis 2024 fünf Prozentpunkte gestiegen sind. Kann das auch positiv sein – etwa, weil es auf höhere Investitionen hindeutet?
Leider nein. Die Investitionsquote, insbesondere die Nettoinvestitionsquote, hatte in Deutschland seit der Wiedervereinigung eher einen negativen Trend.
Stattdessen sind andere Faktoren am Werk. Zum einen haben sich in den letzten Jahren Investitionsgüter – insbesondere Bauinvestitionen – stärker verteuert als das allgemeine Preisniveau. Damit steigt der Anteil des BIP, der für Ersatzinvestitionen in diesem Bereich aufgewendet werden muss. Zweitens besteht ein immer grösserer Teil der Investitionen aus kurzfristigen Vermögenswerten, oft auch aus geistigem Eigentum oder Software. Diese werden schneller abgeschrieben als klassische Maschinen oder Gebäude. Dadurch steigt die Abschreibungsquote auch ohne einen grösseren Kapitalstock.
In Deutschland stagniert das BIP in den letzten Jahren, das Nettoinlandsprodukt ist sogar gesunken. Muss man von einem Wohlstandsverlust sprechen?
Ich denke, ja. Das reale Nettoinlandsprodukt (NIP) wird vom Statistischen Bundesamt nicht als offizielle Zahl ermittelt. Aber wenn man die nominale Entwicklung des NIP seit 2021 mit dem Preisindex des BIP vergleicht (dem sogenannten BIP-Deflator), dann kann man zu der Schlussfolgerung kommen, dass das reale Nettoinlandsprodukt in Deutschland in diesem Zeitraum gesunken ist. Der Preisindex wuchs schneller als das nominale NIP.
Warum hat sich das BIP trotz seiner Schwächen als Massstab so stark etabliert?
Das BIP besitzt eine lange Tradition, ist international standardisiert und eignet sich sehr gut, um die Produktion und die Auslastung der Produktionskapazität zu beschreiben. Deshalb wurde es zu Recht zur wichtigsten Referenzgrösse in Politik, Medien und Wissenschaft. Daneben gilt: Obwohl das BIP nicht als Wohlfahrtsmass konzipiert wurde, korreliert der Logarithmus des Pro-Kopf-BIP erstaunlich gut mit der Lebenszufriedenheit, der Gesundheit, der Bildung und anderen Massen der gesellschaftlichen Entwicklung.
Sie zeigen: Gemessen am Nettoinlandsprodukt fallen die Staatsquoten vieler OECD-Länder höher aus – und sie sind stärker gewachsen. Welche Handlungsempfehlungen leiten Sie daraus ab?
Fakten allein implizieren noch keine Handlungsempfehlung. Ich würde auch nicht empfehlen, sämtliche offiziellen Statistiken auf das NIP umzustellen. Das BIP bleibt eine wichtige wirtschaftliche Kennzahl.
Aber ich plädiere dafür, wichtige Staatsquoten regelmässig sowohl auf Basis des BIP als auch auf Basis des NIP auszuweisen. Gerade bei langfristigen Entwicklungen erhält man so ein realistischeres Bild. Dadurch würde zum Beispiel transparenter, wie gross der staatliche Sektor im Verhältnis zu den tatsächlich zu verteilenden Einkommen wirklich ist. In Deutschland sind wir mit dem NIP im Nenner bereits bei einer Staatsquote von über 62 % angekommen. Wir sind näher am Sozialismus als am Kapitalismus, zumindest näher als die offizielle Staatsquote, die das BIP im Nenner hat, suggeriert.
«Das BIP besitzt eine lange Tradition, ist international standardisiert und eignet sich sehr gut, um die Produktion und die Auslastung der Produktionskapazität zu beschreiben.»
Die deutsche Schuldenbremse begrenzt die strukturelle Nettokreditaufnahme des Bundes auf 0,35 % des nominalen BIP. Sollte sich auch diese Regel am NIP orientieren?
Meine Untersuchung zeigt zunächst, dass sich Schuldenquoten auf NIP-Basis insbesondere trendmässig anders entwickeln als auf BIP-Basis. Kurzfristig hat aber das NIP das Manko stärkerer Ausschläge, weil relative Preisentwicklungen zwischen Konsumgütern und Investitionsgütern ein kurzfristiges Auseinanderdriften bewirken können. Das ist grundsätzlich auch sachgerecht: Wenn die Preise der Investitionsgüter stärker steigen, werden eben die Ersatzinvestitionen, die die Abschreibungen kompensieren, teurer. Aber die kurzfristigen Ausschläge beim NIP könnten die Politik in zu kurzfristige Gegenreaktionen lenken.
Auch der Staat investiert, tätigt Ersatzinvestitionen und schreibt entsprechend ab. Wie haben sich diese staatlichen Abschreibungen entwickelt – und sollte man sie ebenso ausklammern, wenn man über Staatsausgaben spricht?
Da kann ich aus dem Stegreif nur spekulieren. Zum einen investiert der Staat wohl weniger in kurzfristig abzuschreibende Güter wie geistiges Eigentum. Auf der anderen Seite ist der Staat über die zuletzt heftigen Preissteigerungsraten bei Bauinvestitionen stark betroffen von erhöhten Abschreibungen in diesem Bereich.
Bei den staatlichen Ausgaben entsprechen die Abschreibungen den Ersatzinvestitionen, sofern diese positiv sind. Ich sehe keinen Grund, diese auszuklammern, wenn man über Staatsausgaben spricht.
Die Schweiz weist mit 23,7 % die höchste Abschreibungsquote im EU/EFTA-Vergleich auf – und auch hier ist sie gewachsen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Die Schweiz bestätigt den internationalen Trend, den wir auch für viele andere entwickelte Volkswirtschaften beobachten. Er legt erstmal nahe, dass nicht so viel Wohlstand zu verteilen ist, wie das BIP suggeriert.
Eine hohe Abschreibungsquote muss aber kein Zeichen wirtschaftlicher Schwäche sein. In vielen Industrien entstehen zum Beispiel Abschreibungen, weil von zehn Start-ups nur ein bis zwei gelingen, die anderen aber scheitern. Während in Wachstumsmodellen meist sehr viel Aufmerksamkeit auf die Sparquote gelegt wird, führen die Abschreibungen ein Schattendasein. Ich glaube, dass hier interessante Forschungsfragen liegen und die Struktur der Abschreibungen deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient.
In der Schweiz wird die Staatsquote lebhaft diskutiert – allerdings weniger mit Blick auf die Bezugsgrösse BIP oder NIP. Je nachdem, ob man Pensionskassen, Krankenkassen und staatsnahe Unternehmen einbezieht, steigt sie von 32,7 % auf bis zu 46,3 %. Wie beurteilen Sie diese Debatte – und gibt es sie so auch in Deutschland?
Die Debatte, ob man das NIP oder das BIP für die Quotenbildung nehmen soll, existiert kaum. Eigentlich verwunderlich. Vor einigen Jahren hat die mit sechs Wirtschaftsnobelpreisträgern besetzte Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission im Auftrag des französischen Präsidenten das BIP als Wohlfahrtsmass diskutiert. Eine der Empfehlungen war: Schaut eher auf das NIP als auf das BIP.
Wen kümmert es? Unter Politikern und manchen «kritischen Ökonomen» scheint es schon als intellektuelle Meisterleistung zu gelten, wenn man das BIP mit ein paar Plattitüden als Wohlfahrtsmass kritisiert und dabei so tut, als würden die unterschiedlichen Probleme von den Wirtschaftswissenschaftern nicht schon seit vielen, vielen Jahren gesehen und erkannt.
«Die Schweiz bestätigt den internationalen Trend, den wir auch für viele andere entwickelte Volkswirtschaften beobachten.»
Für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz kann die Diskrepanz zwischen BIP und BNE erheblich sein. Welche Bezugsgrösse ist aus Ihrer Sicht zur Messung der Staatsgrösse am sinnvollsten?
Mir scheinen die Divergenzen in der Schweiz begrenzt, wenn man sie mit Irland vergleicht, wo zuletzt rund 30 % des BIP ins Ausland abfloss bzw. das BNE um diesen Prozentsatz unter dem BIP lag. Zumindest gibt es m.E. beim BIP/BNE-Verhältnis für die Schweiz keinen klaren langfristigen Trend, wie dies beim Auseinanderdriften von BIP und NIP zu beobachten ist.
Welche Bezugsgrösse man nehmen sollte, hängt davon ab, welche konkrete Frage man im Auge hat. Ist die Frage, welche Staatsausgaben man sich leisten kann, dann hat das BIP wahrscheinlich Vorteile. Ins Ausland fliessende Einkommen unterliegen oft der Körperschafts- und Quellenbesteuerung und sind daher für die Finanzierbarkeit relevant. Umgekehrt werden im Ausland erwirtschaftete Einkommen von Schweizern vielfach im Ausland besteuert und nicht in der Schweiz. Insofern würde man in diesem Fall lieber vom BIP ausgehen. Aber es lassen sich wohl auch Fragestellungen finden, die eher das BNE nahelegen.