Im Herbst 2023 erhielten rund fünf Millionen Menschen in der Schweiz ein Päckchen vom Bund: Jodtabletten für den Fall eines schweren Atomunfalls. Sie sollen im Ernstfall die Gesundheit schützen, wirken aber gleichzeitig auch als Warnsignal: Wer die Tabletten erhält, wird daran erinnert, dass ein gefährliches Unglück in seiner Nähe möglich ist.
Ein neues Working Paper von Dr. Martin Mosler und Simon Schmitter vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) untersucht, ob die als Vorsorge gedachte Jodtablettenverteilung auch die Einstellung von Schweizern zur Atomkraft verändert oder gar das Wahlverhalten zu Themen rund um Kernkraftwerke beeinflusst. Die Ergebnisse zeigen: In der näheren Umgebung von Kernkraftwerken scheint die Verteilung die kritische Haltung gegenüber der Atomkraft zu verstärken. An der Wahlurne zeigt sich jedoch keine entsprechende Reaktion.
Wenn Vorsorge zum Warnsignal wird
In der Schweiz erhalten Haushalte in der Umgebung von Kernkraftwerken seit Jahrzehnten vorsorglich Jodtabletten. Im Falle eines schweren Reaktorunfalls sollen diese bei rechtzeitiger Einnahme die Schilddrüse vor radioaktivem Jod schützen. Doch die Tabletten haben möglicherweise eine unbeabsichtigte Nebenwirkung, die weniger medizinischer als psychologischer Natur ist.
Denn die Verteilung kann zwei unterschiedliche Botschaften vermitteln. Einerseits signalisiert sie, dass der Staat auf einen möglichen Ernstfall vorbereitet ist. Andererseits erinnert sie die Empfänger daran, dass sie in einem Gebiet wohnen, in dem besondere Schutzmassnahmen notwendig erscheinen. Was als Beruhigung wirken kann, könnte auch Sorgen auslösen.
Die Schweizer Jodtablettenverteilung bietet eine einzigartige Gelegenheit, die möglichen Auswirkungen einer solchen Massnahme empirisch zu untersuchen. Während 2004 und 2005 noch Haushalte innerhalb eines Radius von ungefähr 20 Kilometern um die Kernkraftwerke Tabletten erhielten, wurden bei der Verteilung 2014 und damit drei Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erstmals auch Haushalte im Umkreis von bis zu 50 Kilometern beliefert. Nach der Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg wurde das Verteilgebiet 2023 erneut angepasst.
Diese geografischen Grenzen ermöglichen einen besonders aussagekräftigen Vergleich: Während Haushalte auf der einen Seite der Grenze automatisch Jodtabletten erhalten, werden sie auf der anderen Seite nicht vorsorglich beliefert. Dort halten die Kantone Tabletten für eine Verteilung im Notfall bereit. Abgesehen von dem Erhalt der Jodtabletten sollten sich die nahegelegenen Gemeinden rund um die «Jodgrenze» aber nicht grundlegend unterscheiden.
Die IWP-Forscher vergleichen die in Umfragen geäusserten Einstellungen der Einwohner gegenüber der Atomkraft sowie die Abstimmungs- und Wahlergebnisse in Gemeinden unmittelbar innerhalb und ausserhalb der Verteilgebiete. Da die Grenzen anhand technischer Kriterien und nicht aufgrund politischer Überlegungen festgelegt wurden, lassen sich die Auswirkungen der Schutzmassnahme mithilfe eines geografischen Regressions-Diskontinuitäts-Designs untersuchen.
Jodtabletten können die Skepsis gegenüber Kernkraftwerken verstärken
Die Auswertung von Befragungsdaten des Schweizer Haushaltspanels zeigt ein bemerkenswertes Ergebnis: An der ursprünglichen Verteilgrenze von ungefähr 20 Kilometern äussern sich Empfänger von Jodtabletten deutlich kritischer gegenüber der Atomkraft als vergleichbare Einwohner gerade ausserhalb des Verteilgebiets.
Die geschätzten Unterschiede entsprechen rund 15 bis 30 Prozent der gesamten Skalenbreite, die von einer voll atomkraftfreundlichen bis zu einer voll atomkraftkritischen Haltung reicht. Besonders deutlich zeigt sich der Effekt auf die geäusserte Opposition gegen Atomkraft im Jahr 2011, unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima.
Eine mögliche Erklärung: Die Bilder aus Fukushima könnten den zuvor erhaltenen Jodtabletten eine neue Bedeutung verliehen haben. Was zuvor als abstrakte Vorsichtsmassnahme erschien, wurde plötzlich zur Erinnerung an ein konkretes Risiko. Die Ergebnisse sind mit einem solchen Mechanismus vereinbar, auch wenn sich dieser nicht unmittelbar nachweisen lässt.
An der später auf 50 Kilometer ausgeweiteten Verteilgrenze finden sich keine vergleichbaren Effekte auf die Einstellung zur Atomkraft. Das Warnsignal einer Schutzmassnahme scheint somit insbesondere dort relevant zu sein, wo das zugrunde liegende Risiko auch geografisch näher liegt.
Gleichzeitig untersucht die Studie, ob die Verteilung das Vertrauen in die eidgenössische Regierung verändert. Schliesslich könnte die staatliche Vorsorge auch Zuversicht in die Schweizer Institutionen vermitteln. Dafür finden die Autoren jedoch keine systematischen Hinweise.
Kritischere Einstellungen, aber keine Reaktion an der Urne
Eine in Umfragen geäusserte Skepsis gegenüber der Atomkraft muss sich jedoch nicht zwangsläufig im Wahl- und Abstimmungsverhalten niederschlagen. Genau hier liefert die Studie einen zweiten wichtigen Befund.
Die Autoren untersuchen die Ergebnisse der eidgenössischen Atomausstiegsinitiative von 2016, die einen verbindlichen Zeitplan für die Stilllegung der Schweizer Kernkraftwerke verlangte. Zusätzlich betrachten sie die Stimmenanteile der Grünen, die sich parteipolitisch klar gegen die Atomkraft positioniert, bei den Nationalratswahlen 2011 und 2015 sowie die Stimmbeteiligung.
Trotz der kritischeren Einstellungen gegenüber der Atomkraft finden sich keine robusten Hinweise auf verändertes politisches Wahlverhalten. Weder erhielt die Atomausstiegsinitiative innerhalb der Jodtabletten-Verteilgebiete systematisch mehr Zustimmung, noch stiegen die Stimmenanteile der Grünen oder die Stimmbeteiligung nachweisbar an.
Besonders aufschlussreich ist die Nationalratswahl von 2011. Im selben Jahr, in dem die Befragungsdaten nach Fukushima besonders deutliche Unterschiede in der Einstellung zur Atomkraft in den Umfragen zeigen, lässt sich keine entsprechende Zunahme der Unterstützung für die Grünen feststellen.
Fazit: Vorsorge verändert nicht zwangsläufig das politische Verhalten
Für die Energiepolitik ist dies eine wichtige Erkenntnis: Vorsorgemassnahmen können über ihre unmittelbare Schutzfunktion hinaus die Wahrnehmung einer Technologie beeinflussen, ohne jedoch zwingend Veränderungen im politischen Wahl- und Abstimmungsverhalten auszulösen. Die Befürchtung mancher Beobachter, dass eine sichtbare Notfallvorsorge zwangsläufig politischen Widerstand gegen Kernkraftwerke mobilisiert, findet in unseren Ergebnissen keine Bestätigung.