Seit der Unterzeichnung des Freizügigkeitsabkommens mit den EU/EFTA-Staaten im Jahr 2002 ist die ausländische Wohnbevölkerung in der Schweiz um 1.2 Millionen Menschen gewachsen. Rund eine Million der Neuankömmlinge sind im Rahmen dieses Abkommens eingewandert, das die Steuerung der Zuwanderung im wesentlichen dem Arbeitsmarkt überlässt.
Verschiedene Studien zeigen, dass die Zuwanderung zu Wirtschaftswachstum geführt hat und sowohl für rekrutierende Unternehmen als auch für zugewanderte Arbeitskräfte klare Vorteile bietet. Eine umfassende Analyse der Auswirkungen zeigt jedoch ein komplexeres Bild. Die Zuwanderung hat auch tiefgreifende Effekte auf den Staat und das soziale Gefüge der Schweiz. Neuzugewanderte beteiligen sich an der Finanzierung des Sozialstaates und der öffentlichen Infrastruktur. Gleichzeitig beanspruchen sie Leistungen des Sozialstaates, nutzen die öffentliche Infrastruktur und tragen mancherorts zur Überfüllung bei. Diese Facetten werden bei der Personalrekrutierung aus dem Ausland nur teilweise berücksichtigt.
Die zentrale Frage, ob der Nutzen der Zuwanderung für Staat und Gesellschaft insgesamt überwiegt, bleibt offen. Ihre Beantwortung ist für die Bewertung des gegenwärtigen Zuwanderungsregimes der Schweiz jedoch entscheidend. Zur Klärung haben Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger, Dr. Marco Portmann und MA Joel Gysel die relevante Literatur zur Arbeitsmigration in ihrer Übersichtsstudie «Arbeitsmigration in die Schweiz: Die wichtigsten Erkenntnisse zu Bevölkerungswachstum, Wohlstand & Sozialstaat.» zusammengetragen, analysiert und eingeordnet. Die drei wichtigsten Erkenntnisse sind:
- Die Personenfreizügigkeit steigert insgesamt die Wertschöpfung in der Schweiz. Blickt man aber auf den Wohlstandsgewinn pro Kopf, so fällt dieser gering aus. Das Schweizer BIP pro Kopf ist seit dem Jahr 2000 inflationsbereinigt um 23 % gestiegen. Damit liegt die Schweiz im europäischen Mittelfeld. Andere Länder wie Deutschland haben im selben Zeitraum ein ähnlich hohes BIP-pro-Kopf-Wachstum bei deutlich tieferer Zuwanderung erreicht.
- Die hohe Zuwanderung bringt viele Fachkräfte in die Schweiz. Zugleich vermochte sie den Mangel an Fachkräften nicht zu beseitigen, sondern hat ihn verstetigt. Studien zeigen, dass für jede bei einem exportorientierten Unternehmen geschaffene Stelle für eine zugewanderte Fachkraft 0.6 bis 1.4 Stellen im lokalen Gewerbe neu entstehen. Jede Zuwanderung benötigt also weitere Zuwanderung, weil der Konsum der Neuzuzüger die Nachfrage zustätzlich erhöht.
- Die Zuwanderung trägt derzeit zur Linderung der strukturellen Probleme der AHV bei. Sie stellt jedoch keine langfristige, dauerhafte Lösung für die Altersvorsorge dar. Über den gesamten Lebenszyklus hinweg beziehen die meisten Personen mehr Leistungen aus der AHV, als sie selbst zu deren Finanzierung beigetragen haben: Pro Franken an Lohnbeiträgen erhalten EU-/EFTA-Bürger 1.76 Franken, übrige Zuwanderer über 2 Franken und Schweizer 1.83 Franken Rente.
Die Übersichtsstudie zur Arbeitsmigration in der Schweiz ist ein Werkzeug für alle an der Sache Interessierten. Es soll dazu dienen, eine wichtige Diskussion mit Fakten zu unterfüttern und zu versachlichen. Die Studie wird laufend mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen ergänzt. Zudem werden bestehende Forschungslücken benannt.