Interviews
Von Laura Zell 20. Juni 2023

«Zombie-Firmen binden wichtige Ressourcen», sagt Simon Evenett.

SWITZERLAND ST. GALLEN SYMPOSIUM

In den letzten Jahren gab es aufgrund der Niedrigzinsphase und grosszügiger Kreditbedingungen vermehrt Stimmen, die vor einer Ausbreitung von Zombieunternehmen gewarnt haben. Teilen Sie diese Bedenken?

Kurz gesagt: ja. In Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen ist der Anteil der börsennotierten Unternehmen, die Schwierigkeiten haben, die Zinsen für ihre Schulden aus den laufenden Betriebsgewinnen zu bezahlen, klar gestiegen: von rund 33 % im Jahr 2010 auf 40 % im Jahr 2019. Die Pandemie verschlimmerte die Lage, noch bevor die staatliche Unterstützung einsetzte. Anhaltende Liquiditätshilfen und eine Lockerung der Insolvenzregelungen trugen dazu bei, die Insolvenzen während der Pandemie zu verringern. Wir sehen jedoch einen starken Aufholeffekt.

Die COVID-Unterstützungsmassnahmen werden häufig als Grund für ein erhöhtes Risiko für Zombifizierung angesehen. Wie beurteilen Sie die Situation?

Die Gestaltung effizienter Massnahmen zur Unterstützung von Unternehmen in Krisenzeiten ist eine politische Herausforderung, auch wenn sie technisch machbar sind. Es ist schwierig, zwischen Unternehmen mit echten kurzfristigen Liquiditätsproblemen und solchen mit fehlerhaften Geschäftsmodellen zu unterscheiden. In Krisenzeiten ist der Druck gross, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten, selbst wenn diese Arbeitsplätze bei Zombie-Firmen sind. Wenn sich die Unternehmen erst einmal an die staatliche Unterstützung gewöhnt haben, besteht ausserdem die Gefahr, dass sie Kostensenkungen vernachlässigen und weniger innovativ sind. Wenn Zombie-Firmen länger überleben, als sie sollten, binden sie Ressourcen, die von vielversprechenden Neugründungen der nächsten Unternehmergeneration genutzt werden könnten.

Welche Herausforderungen sehen Sie in Bezug auf Zombiefirmen für die Schweiz?

Bei den börsennotierten Schweizer Unternehmen ist der Anteil der Zombies deutlich geringer als in den Nachbarländern. Dennoch war ihr Anteil im Jahr 2020 doppelt so hoch wie im Jahr 2014, wenn man den Zinsdeckungsgrad als Mass nimmt. Erfreulicherweise ist in den letzten zwei Jahren die Zahl der Schweizer Unternehmen in Schieflage deutlich zurückgegangen. Bei anderen Messgrössen ist die Leistung der Schweiz weniger beeindruckend. Die Aufrechterhaltung eines lebendigen und wettbewerbsfähigen Schweizer Kapitalismus ist der Schlüssel zum Produktivitätswachstum und zur langfristigen Steigerung unseres Lebensstandards.

Welche konkreten Massnahmen würden Sie für die Schweiz empfehlen?

Wie in vielen anderen Ländern ist auch in der Schweiz der Anteil der notleidenden Unternehmen im Gesundheitswesen deutlich höher als in anderen Branchen. Jemand sollte untersuchen, warum das so ist, und welche Schritte unternommen werden können, um diesen sehr wichtigen Sektor auf eine solidere finanzielle Basis zu stellen. Eine immer wiederkehrende Empfehlung ist die Überprüfung der Konkursgesetze und Gerichtsurteile, um sicherzustellen, dass eine effiziente Schliessung gescheiterter Unternehmen nicht übermässig verzögert wird oder zu kostspielig ist.

Was halten Sie für die dringendsten Themen, mit denen sich die Forschung in dem Bereich befassen sollte?

Schwache operative Leistungen von Unternehmen können durch geschickte finanztechnische Operationen verschleiert werden. Wir müssen mehr darüber wissen, wie wir strauchelnde Unternehmen sanieren können, so dass wir mehr Optionen zur Verfügung haben. Auch müssen wir mehr darüber wissen, welche politischen Massnahmen das Management ungewollt vor den Realitäten einer unzureichenden betrieblichen Leistung schützen. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass der Kapitalismus Innovation und Produktivitätswachstum hervorbringt, um die wachsende Zahl von Herausforderungen zu bewältigen, mit denen unsere Gesellschaft heute konfrontiert ist.

Können Sie uns mehr über den Zusammenhang zwischen Ihrer Forschung zu Firmenkrisen und Zombifizierung erzählen?

Unsere Forschung verwendet verfügbare Finanzdaten von Unternehmen, um Kennzahlen zu berechnen, die mit der Notlage von Unternehmen verbunden sind. Wir untersuchen, ob ein Unternehmen sich in einer Notlage befindet – nicht ob es ein Zombie ist oder nicht. Viele sprechen über Zombies, als ob es sich um eine binäre Angelegenheit handelt. Wir ziehen es vor, die Notlage eines Unternehmens entlang eines Kontinuums zu betrachten – so lässt sich besser erkennen, ob sich die Leistung eines Unternehmens im Laufe der Zeit sowohl absolut als auch relativ gesehen verschlechtert oder verbessert.

Welche Fragen stehen derzeit im Mittelpunkt Ihrer Forschung?

Die spannendsten Fragen sind: Wie verbreitet sind Unternehmenskrisen und gibt es Erfolgsrezepte zu deren Überwindung? In welchen Sektoren sind solche Krisen am weitesten verbreitet? In welchen Volkswirtschaften gibt es weniger Unternehmenskrisen – und warum? Um die Perspektive zu wechseln, sind wir auch daran interessiert, wie viel wirtschaftliche Gewinne die Unternehmen tatsächlich erzielen, wenn sie die Opportunitätskosten des Kapitals decken. Und da man davon ausgeht, dass wettbewerbsfähige Märkte die wirtschaftlichen Gewinne im Laufe der Zeit verringern: Wie wettbewerbsfähig ist der heutige Kapitalismus? Wir betonen den Plural des Kapitalismus, da die Regierungen in ihrer Politik zur Förderung des Wettbewerbs zwischen Unternehmen unterschiedlich sind.

Prof. Dr. Simon Evenett

Simon Evenett lehrt seit 2005 an der Universität St. Gallen und ist dort Direktor des Schweizerischen Instituts für Aussenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung. Zuvor war er zweimal bei der Weltbank tätig und Senior Fellow im volkswirtschaftlichen Programm der Brookings Institution in Washington DC. Von 2003 bis 2005 lehrte er als Dozent International Business an der Saïd Business School in Oxford. Er promovierte 1995 an der Universität Yale und studierte von 1987 bis 1990 Volkswirtschaftslehre an der Universität Cambridge. Er hat über 200 wissenschaftliche Artikel, Bücher und Buchkapitel veröffentlicht. Darüber hinaus hat er über 50 Studien für öffentliche Einrichtungen und internationale Organisationen verfasst.
Isabelle Durand, UNCTAD Secretary-General ad-interim. 8 february 2021. UN photo by Violaine Martin