Wohlhabende unter sich, Geringverdiener unter sich: In vielen Ländern leben die Einkommensgruppen in weitgehend getrennten sozialen Welten. Die Schweiz hebt sich davon deutlich ab. Eine neue Studie des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) zeigt, wie häufig hier Kontakte über Einkommensgrenzen hinweg entstehen – und weshalb das für den wirtschaftlichen Aufstieg wichtig ist.
Geringverdiener in der Schweiz kennen weit häufiger jemanden in einer hohen beruflichen Position als jene in den meisten anderen untersuchten Ländern. Solche Kontakte können den wirtschaftlichen Aufstieg erleichtern. Untersucht haben dies Jonas Bühler, Dr. Melanie Häner-Müller und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger vom IWP. Ihre Analyse basiert auf einer international vergleichbaren Befragung von mehr als 14'000 Personen in 13 Ländern und wurde in der peer-reviewten Fachzeitschrift B.E. Journal of Economic Analysis & Policy veröffentlicht.
Wer kennt wen?
Die Studie untersucht, ob Menschen aus der unteren Einkommenshälfte mindestens eine Person in einer hohen beruflichen Position kennen – etwa eine Unternehmenschefin oder einen Anwalt. Gemeint sind Personen aus der Familie, dem Freundes- oder Bekanntenkreis, die sie mit Namen kennen und kontaktieren könnten.
Je häufiger solche Kontakte vorkommen, desto stärker reichen die sozialen Netzwerke eines Landes über Einkommensgrenzen hinweg. Die Forscher nennen dieses Mass «Economic Connectedness». Welche Berufe als besonders hoch gelten, leiten die Autoren aus einer international anerkannten Rangliste ab.
Die Schweiz gehört zur Spitze
Die Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern sind beträchtlich. In der Schweiz kennen mehr als 75 Prozent der Menschen aus der unteren Einkommenshälfte jemanden in einer hohen beruflichen Position. Ähnlich hoch ist der Anteil in Island und Schweden. In Deutschland, Grossbritannien und Frankreich sind es rund 60 Prozent, in Japan nur gut 25 Prozent. Damit ist ein solcher Kontakt in der Schweiz fast dreimal so verbreitet wie in Japan.
Diese Verbindungen können Chancen eröffnen. Kinder aus einfachen Verhältnissen erfahren dadurch eher von Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten, die sonst vor allem in privilegierten Kreisen bekannt sind. Umgekehrt erhalten Menschen aus privilegierten Verhältnissen einen besseren Einblick in die Lebenswelt anderer Gesellschaftsschichten.
Dieser Zusammenhang zeigt sich auch im Ländervergleich: Wo soziale Netzwerke häufiger über Einkommensgrenzen hinweg reichen, ist die Einkommensmobilität tendenziell höher. Kinder haben dort bessere Chancen, wirtschaftlich aufzusteigen – auch wenn sie in weniger privilegierte Familien hineingeboren werden.
Wo Begegnungen entstehen können
Eine Auswertung des Schweizer Haushalt-Panels liefert eine mögliche Erklärung für das gute Abschneiden der Schweiz. Das Panel befragt Haushalte regelmässig zu ihren Lebensbedingungen. Die Autoren untersuchen damit, ob Menschen aus verschiedenen Einkommensgruppen ähnliche Gelegenheiten für soziale Begegnungen haben. Denn nur wo man sich begegnet, entstehen Kontakte über Einkommensgrenzen hinweg.
Die Auswertung zeigt ein bemerkenswert ausgeglichenes Bild: Menschen verschiedener Einkommensgruppen haben ähnlich viele Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen. Auch in Vereinen sind Menschen mit tiefen und hohen Einkommen ähnlich häufig aktiv. Damit unterscheidet sich die Schweiz deutlich von den USA. Dort entstehen Freundschaften im Quartier, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit viel stärker innerhalb der sozialen Schichten. In der Schweiz sind die Möglichkeiten für Begegnungen zwischen den Einkommensgruppen gleichmässiger verteilt.
Inspiriert von einer berühmten Facebook-Studie
Methodisches Vorbild ist eine vielbeachtete Studie des Ökonomen Raj Chetty und seiner Koautoren aus dem Jahr 2022. Sie zeigt anhand von Facebook-Daten aus den USA einen engen Zusammenhang zwischen Kontakten über soziale Grenzen hinweg und der sozialen Mobilität. Das IWP-Team überträgt diesen Ansatz erstmals auf einen internationalen Vergleich. Grundlage sind persönliche Kontakte aus dem International Social Survey Programme (ISSP).