Studien
IWP 16. Januar 2026

Wie Herkunft die kognitive Entwicklung prägt.

Cute and playful female child jumping in a puddle of water on the street wearing yellow rubber boots and a raincoat.

Kinder aus sozial besser gestellten Familien schneiden bereits ab dem zweiten Lebensjahr in Tests zu kognitiven Fähigkeiten besser ab als Kinder aus weniger privilegierten Haushalten. Das zeigt eine neue interdisziplinäre Studie von Prof. Dr. Oskar G. Jenni und Prof. Dr. Flavia M. Wehrle vom Kinderspital Zürich sowie Jonas Bühler, Dr. Melanie Häner-Müller und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP). Die Studie wurde kürzlich in der internationalen peer-reviewten Fachzeitschrift Intelligence publiziert. Sie basiert auf einem einzigartigen Datensatz aus der Schweiz, der die kognitive Entwicklung von Kindern über drei Generationen hinweg verfolgt.

Unterschiede entstehen im Kleinkindalter und bleiben stabil 

Im ersten Lebensjahr lassen sich kaum messbare Unterschiede in den kognitiven Fähigkeiten von Kindern aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen feststellen. Ab dem zweiten Lebensjahr zeigen sich jedoch klare Differenzen: Kinder aus sozial besser gestellten Familien erzielen im Durchschnitt höhere Testwerte als Gleichaltrige aus weniger privilegierten Haushalten. Diese Unterschiede nehmen in den folgenden Jahren zu und verfestigen sich im Schulalter. Die obligatorische Schule stabilisiert diese Unterschiede, gleicht sie aber nicht aus. Mit 14 Jahren sind die Unterschiede in kognitiven Tests deutlich ausgeprägt. Ihr Ausmass ist vergleichbar mit den Effekten, die bei Kindern mit schweren gesundheitlichen Startnachteilen auftreten, etwa bei Frühgeburten oder sehr niedrigem Geburtsgewicht.

Die Eltern zählen, die Grosseltern nicht 

Ein weiterer zentraler Befund der Studie betrifft die Rolle der Familie über mehrere Generationen hinweg. Der soziale Hintergrund der Eltern steht in einem engen und über die gesamte Kindheit hinweg stabilen Zusammenhang mit den kognitiven Fähigkeiten der Kinder. Für die Grosseltern gilt dies hingegen nicht: Weder ihre Bildung noch ihre berufliche Stellung zeigen einen zusätzlichen Einfluss auf die Entwicklung der Enkelkinder. Dieser Befund gilt für alle untersuchten Altersstufen – von der frühen Kindheit bis ins Jugendalter. Mit anderen Worten: Vorteile werden direkt über die Eltern, nicht jedoch über weitere Generationen hinweg weitergegeben.

Was bedeutet das wirtschaftspolitisch? 

Die Ergebnisse machen zweierlei deutlich. Erstens: Der familiäre Effekt hat klare Grenzen. Er wirkt über die Eltern, reicht aber nicht über Generationen hinweg. Zweitens: Unterschiede im Potenzial kognitiver Fähigkeiten entstehen lange vor der Einschulung – und bleiben in der Grundschulzeit stabil bestehen. Gerade für die Schweiz ist das bemerkenswert. Die Schweiz gehört international zu den Ländern mit hoher Einkommensmobilität, in denen der soziale Hintergrund den späteren wirtschaftlichen Erfolg vergleichsweise wenig festlegt. Trotz ausgeprägter Unterschiede in der frühen Entwicklung haben Kinder hier gute Chancen, sich später unabhängig vom Elternhaus nach oben zu arbeiten und ein hohes Einkommen zu erzielen.

Für den beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg zählen offenbar nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern auch andere Faktoren. Die starke Berufsbildung und ein Arbeitsmarkt, der nicht nur auf Hochschulabsolventen ausgerichtet ist, könnten dazu beitragen, dass frühe Unterschiede nicht automatisch den gesamten Lebensweg bestimmen. Die Studie zieht hierzu bewusst keine abschliessenden Schlussfolgerungen – macht aber deutlich: Früh entstehende Unterschiede im kognitiven Potenzial entscheiden nicht zwangsläufig über den späteren Lebensweg. 

Einzigartige Daten über drei Generationen 

Möglich wurde diese Analyse durch die Zürcher Longitudinalstudien (ZLS) – eine international aussergewöhnliche Datengrundlage. Seit den 1950er-Jahren werden Kinder am Zürcher Kinderspital ab der Geburt mit standardisierten Tests begleitet. Inzwischen lassen sich Kinder nicht nur mit ihren Eltern, sondern auch mit ihren Grosseltern verknüpfen. Dadurch lässt sich die Entwicklung kognitiver Unterschiede über die Kindheit hinweg besonders präzise nachzeichnen.