Wie gut wird ein Kanton im Nationalrat vertreten? Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Je mehr Sitze ein Kanton hat, desto mehr Gewicht sollten seine politischen Anliegen in Bern besitzen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Entscheidend ist nicht nur die Anzahl der Nationalratssitze, sondern auch, wie die Politiker tatsächlich abstimmen.
Genau hier setzt eine neue Studie von Yves Kläy, Dr. Marco Portmann und Prof. Dr. David Stadelmann vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an. Die Forscher greifen ein bekanntes Prinzip aus der Entscheidungsforschung auf: Wenn mehrere Personen unabhängig voneinander urteilen, steigt die Chance auf eine wohlfundierte Entscheidung. Übertragen auf die Politik würde das heissen: Viele unabhängige Nationalräte erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Mehrheitsmeinung auch derjenigen der Stimmberechtigten im Kanton entspricht.
Die Realität im Parlament sieht jedoch anders aus: Nationalräte stimmen meist entlang der Parteilinie. Zusätzliche Sitze bedeuten deshalb nicht automatisch mehr eigenständige Stimmen.
Hier kommt der neue Ansatz der Autoren zum Zug: Sie berechnen, wie viele Nationalräte eines Kantons der Parteilinie folgen und wie viele davon abweichen. Daraus ergibt sich die «effektive Wahlkreisgrösse». Sie zeigt, wie viele wirklich eigenständige Stimmen ein Kanton im Nationalrat hat – und nicht nur, wie viele Sitze er formell besitzt.
Auf dieser Grundlage prüfen die Forscher, wie gut ein Kanton im Nationalrat tatsächlich vertreten ist – also wie nahe die Entscheidungen seiner Nationalräte an den Mehrheitsmeinungen der Stimmberechtigten liegen. Die Auswertung in der untenstehenden Grafik zeigt: Entscheidend ist nicht die Zahl der Sitze, sondern wie viel Vielfalt und Eigenständigkeit die gewählten Vertreter in die Bundespolitik einbringen.
Das Ergebnis ist aufschlussreich: Je mehr unabhängige Stimmen ein Kanton im Nationalrat hat, desto besser wird er vertreten. Entscheiden die Nationalräte also häufiger eigenständig, stimmt ihre Mehrheitsmeinung deutlich öfter mit jener der Stimmbürger überein. Je stärker hingegen die Parteilinie dominiert, desto schlechter fällt die Repräsentation aus. Die Studie zeigt damit klar: Für eine gute Vertretung zählt nicht die Anzahl Mandate, sondern die Unabhängigkeit im Entscheiden der Nationalräte eines Kantons.
Für die Analyse nutzen die Forscher den IWP-Parlameter. Damit vergleichen sie 263 Volksabstimmungen zwischen 1992 und 2024 mit über 47’000 individuellen Entscheiden der Nationalräte. So lässt sich direkt messen, wie oft die Nationalräte eines Kantons gleich entscheiden wie die Mehrheit der Stimmbürger ihres Kantons.