Wieviel Ungleichheit erträgt, wieviel braucht eine Gesellschaft? Wie sollte eine optimale Umverteilungspolitik ausgestaltet werden? Dies sind Fragen, die die Tagespolitik ebenso beschäftigen wie die wirtschaftspolitische Forschung. Die Umverteilungsdebatte dreht sich für gewöhnlich um Steuern und Sozialtransfers. Kaum Beachtung finden hingegen die Verteilungswirkungen von Entscheidungen, die jeder auf persönlicher Ebene trifft.
Zu diesen Entscheidungen gehört die Partnerwahl - die wohl wichtigste Lebensentscheidung eines jeden Menschen. Nur wenigen dürfte dabei bewusst sein, dass das «Ja-Wort» nicht nur das Leben und die finanzielle Situation des Paares verändert, sondern auch Folgen für die Einkommensgleichheit und die Umverteilung in der Gesellschaft hat. Genau dies zeigt unsere Studie eindrücklich: Die Partnerwahl erhöht die Ungleichheit stark.
Wie kommen wir zu dieser Feststellung? Zunächst untersuchen wir anhand von kantonalen Steuerdaten, wie ähnlich die Löhne zukünftiger Ehepartner sind. Wir schauen also, ob ein Gutverdiener eher eine Gutverdienerin oder eine Schlechtverdienerin heiratet. Die Einkommen beobachten wir jeweils im Jahr vor der Heirat.
«Wer auf dem Arbeitsmarkt viel verdient, nutzt auch auf dem Heiratsmarkt seine besseren Chancen auf eine gute Partie.»
Wie Abbildung 1 zeigt, hat das Sprichwort «Gegensätze ziehen sich an», jedenfalls mit Blick auf das Einkommen von Ehepartnern, kaum Gültigkeit. Bei der Partnerwahl gilt vielmehr «Gleich und gleich gesellt sich gern»: Wer auf dem Arbeitsmarkt viel verdient, nutzt auch auf dem Heiratsmarkt seine besseren Chancen auf eine gute Partie. Diese durchschnittliche Ähnlichkeit von Ehepartnern ist über die gesamte Einkommensverteilung zu beobachten. Jedoch ist sie bei den obersten und den untersten Einkommen besonders ausgeprägt: Topverdiener und Geringverdiener heiraten häufig unter sich.
Aber welche Auswirkungen hat die «selektive Partnerwahl» – im englischen Fachjargon auch «assortative mating» genannt –, wie sie in der Schweiz gang und gäbe ist, für die Einkommensungleichheit in der Gesellschaft? Dazu vergleichen wir die selektive Partnerwahl mit der Situation, in der die Paare zufällig zusammenfinden. Wie die Abbildung 2 zeigt, erhöht sich der Anteil der Topverdiener am Gesamteinkommen aufgrund der Partnerwahl deutlich («Partnerwahleffekt»).
Spannend wird es, wenn wir untersuchen, ob die steuerliche Umverteilung durch das progressive Steuersystem den Partnerwahleffekt kompensiert. Dazu stellen wir den Partnerwahleffekt dem gegensätzlich wirkenden Steuereffekt gegenüber.
Der Steuereffekt misst, wie stark der Anteil der Topverdiener am Gesamteinkommen aufgrund der progressiven Steuerzahlung, also der politisch gewollten Umverteilung zurückgeht. Aus Abbildung 2 geht ebenfalls hervor, dass die Ungleichheit unter den Top 20 %- Einkommensbezügern aufgrund der Partnerwahl stärker ansteigt, als sie durch die steuerliche Umverteilung gesenkt wird – aber nur bis zu den Top 5 %. Ab den Top-5 %-Einkommensbezüger dominiert der Steuereffekt aufgrund der Progression hingegen deutlich. Hier ist die steuerliche Umverteilung grösser als der gegensätzlich wirkende Partnerwahleffekt.
Unsere laufende Studie zeigt also, dass die Partnerwahl Verteilungswirkungen zugunsten der Topverdiener hat – das individuelle Heiratsverhalten macht die politisch gewollte Umverteilung wieder zunichte. Wenn bei den Topeinkommen zufällig statt selektiv geheiratet würde, bräuchte es die steuerliche Progression nicht mehr.
Doch gilt dies nur bis zum 95% Einkommensperzentil. Jenseits dessen führt das progressive Einkommenssteuersystem zur angestrebten Wirkung: Die Top 5 % werden in der Schweiz so stark besteuert, dass die Ungleichheitseffekte der Partnerwahl durch die Steuerbelastung überkompensiert werden.
Private individuelle Entscheide können grosse gesamtgesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen haben. Unsere Studie liefert wertvolle Hinweise zu den Ungleichheitseffekten. Es handelt sich jedoch um eine statische Betrachtung. In Zukunft wollen wir deshalb diese ersten Erkenntnisse um dynamische Betrachtungen ergänzen. So untersuchen wir etwa, ob sich die Partner nur in ihrem eigenen Status oder auch in ihrem Elternhaus ähneln. Wir betrachten also den Zusammenhang zwischen dem Heiratsverhalten und den gesellschaftlichen Auf- und Abstiegschancen in der Schweiz.