«Wir unterhalten uns, ganz buchstäblich, jeden Tag mit Aliens», sagt Prof. Dr. Markus Gabriel, Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn, in seinem Vortrag am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern. Es war bereits sein vierter Auftritt am IWP, und er knüpfte an seinen Vortrag vom Vorjahr zum Thema künstliche Intelligenz an. Im Zentrum stand eine steile These: Grosse Sprachmodelle würden denken – ohne Bewusstsein zwar, aber tatsächlich. Damit, so Gabriel, beginne die eigentlich interessante Geschichte allerdings erst.
Bis vor kurzem sei Intelligenz im Sinne Alan Turings verstanden worden: als Fähigkeit, ein Problem in möglichst kurzer Zeit zu lösen – Effizienzintelligenz. Mit den sogenannten Transformer-Modellen habe sich das jedoch grundlegend geändert: Diese Systeme würden ganze Texte nicht linear, sondern gleichzeitig verarbeiten – eine vierte Dimension des logischen Raums, die selbst der klassischen Logik des Urteilens und Schliessens fremd gewesen sei. Den entscheidenden Wendepunkt datiert Gabriel auf den 13. Mai 2024: Mit der neuen, emotional geschulten Version von ChatGPT sei die KI von einem reinen Effizienzwerkzeug zu einem Gesprächspartner geworden, dem Millionen Menschen persönliche und intime Dinge anvertrauten, die sie keinem Menschen erzählen würden. Gabriels Bild dafür: Der Mensch habe sich vor selbstgebauten Aliens ausgezogen, die nun gleichsam in seinem Innersten sässen.
Daraus zieht Gabriel keine Forderung nach mehr Regulierung, sondern nach besserem Bauen. Wenn KI-Systeme als «magische Spiegel» funktionierten, komme es darauf an, was man ihnen zeige: Terminator-Szenarien liessen sich vermeiden, wenn man Spiegel unserer eigenen Güte baue – also «ethische Intelligenzen», die mit menschlichem Werturteil trainiert würden. Für Europa sei das keine Last, sondern eine ungenutzte Chance: Während China bereits gezielt in ethische KI investiere, liege hier ein strategischer Wettbewerbsvorteil, den bisher kaum jemand nutze. Ethik, so Gabriels Fazit, sei nicht teuer, sondern günstig – wer sie ernst nehme, gewinne am Ende auch ökonomisch.
Weitere Themen des Vortrags:
- Warum Heideggers Unterscheidung zwischen «Denken» und «Rechnen» nicht mehr haltbar ist.
- Wie die Durchbrüche der «Backpropagation» (1986) und der «Transformer-Architektur» (2017) den heutigen KI-Boom ausgelöst haben.
- Weshalb ausgerechnet China gezielt in «ethische Intelligenzen» investiert – und was das für Europas Wettbewerbsposition bedeutet.