In den vergangenen zehn Jahren habe die moralische Selbstdarstellung in den sozialen Medien stark zugenommen, sagt Prof. Dr. Philipp Hübl, Gastprofessor für Kulturwissenschaft und Philosophie an der Universität der Künste Berlin, in seinem Vortrag am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern. Dies sei einerseits auf einen allgemeinen Trend zu stärkerer moralischer Sensibilität zurückzuführen. Andererseits trage die Einführung von Kommentarspalten und Like-Buttons in den sozialen Netzwerken dazu bei. Da jeder Beitrag bewertet werden könne, werde die Pflege des eigenen Images durch die Bewertung der Anderen für alle zur Notwendigkeit.
Es werde ein «Moralspektakel» aufgeführt: Nutzer präsentierten sich moralisch und ernteten dafür Anerkennung, ohne jedoch zwangsläufig moralisch zu handeln. Statt der Beseitigung von Missständen stehe oftmals die Selbstinszenierung im Vordergrund. Gesellschaftlich verändere sich dadurch jedoch kaum etwas. So habe sich beispielsweise der Anteil schwarzer Männer in der US-Finanzbranche seit den 1970er Jahren kaum verändert und liege weiterhin bei rund fünf Prozent – trotz der allgegenwärtigen moralischen Inszenierung in den sozialen Medien.
Hübl plädiert für eine evidenzbasierte Moral und daraus abgeleitete Politik. Empirische Studien zeigten, dass Mentoring Programme besonders wirksam seien, um marginalisierte Minderheiten im Arbeitsmarkt zu fördern. Dennoch habe sich diese Form der Förderung nicht durchgesetzt, da sie langfristig angelegt sei und nicht in das progressive Weltbild passten. Schliesslich seien es meist die berüchtigten alten weissen Männer, die als Mentoren fungierten, sagt Hübl.
Weitere Themen des Vortrags sind:
- Welche Motivationen Unternehmen dazu führen, moralisches Kapital aufzubauen
- Wie man auf einen Shitstorm kommunikativ reagieren sollte
- Warum Unternehmen an sogenannten Diversity, Equity and Inclusion (DEI)-Trainings festhalten, obwohl es keinen empirischen Nachweis ihrer Wirksamkeit gibt
Die Quellen zu den Studien finden Sie in Hübl, Philipp (2024) Moralspektakel. Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht. München: Siedler.