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Interview: Dr. Thomas Studer 29. April 2026

Vermögenssteuer: Was die Schweiz von Kalifornien lernen kann.

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Sie forschen an der Stanford University zu Steuerpolitik und Vermögensbesteuerung. In der Schweiz wird derzeit über eine Bundesvermögenssteuer diskutiert – was halten Sie davon?

Ich würde eine Vermögenssteuer auf Bundesebene nicht einführen. Vermögenssteuern wirken ganz grundsätzlich als Bremse für Kapitalinvestitionen und treiben Kapital aus dem Land.

Warum so kategorisch?

Die Schweiz kennt bereits auf Kantonsebene Vermögenssteuern. Eine zusätzliche Bundessteuer würde die Gesamtbelastung so stark erhöhen, dass ein Wegzug nach Liechtenstein oder Monaco für die Wohlhabendsten plötzlich sehr attraktiv wird. Und das ohne jede kulturelle Hürde – man bleibt in der Nachbarschaft, spricht dieselbe Sprache.

Zur Person

Joshua D. Rauh ist Professor für Finanzen an der Stanford Graduate School of Business und Senior Fellow in Economics an der Hoover Institution in Kalifornien. Von November 2019 bis März 2020 war er Chefökonom im Council of Economic Advisers des amerikanischen Präsidenten. Zuvor war er als Forschungsdirektor an der Hoover Institution tätig. Rauh schloss sein Studium der Wirtschaftswissenschaften 1996 an der Yale University ab und promovierte 2004 am Massachusetts Institute of Technology. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Steuerpolitik, staatliche Pensionsverpflichtungen, Unternehmensinvestitionen sowie Vermögensverwaltung.
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Welche Evidenz haben Sie für Ihre Behauptung?

Ganz aktuell und konkret: In Kalifornien soll eine einmalige Vermögenssteuer von 5 Prozent erhoben werden. Noch bevor genügend Unterschriften für die Initiative gesammelt waren, reagierten Tech-Milliardäre: Sergey Brin und Larry Page haben Kalifornien Ende 2025 verlassen, und im Februar 2026 verkündete auch Mark Zuckerberg seinen Umzug nach Florida.

«Vermögenssteuern wirken ganz grundsätzlich als Bremse für Kapitalinvestitionen und treiben Kapital aus dem Land.»

Joshua D. Rauh

Hatten die Befürworter denn nicht mit dem Wegzug guter Steuerzahler gerechnet?

Doch, aber sie haben eine Rechnung gemacht, die nicht aufgehen kann. Die Befürworter gingen von der Annahme aus, dass ein Zehntel des betroffenen Vermögens durch Wegzüge verloren geht. Das ist nicht plausibel: Weil sich das Vermögen auf sehr wenige Personen konzentriert, kann schon der Wegzug einzelner Milliardäre deutlich mehr als 10 Prozent ausmachen.

Wie sieht es konkret aus – gibt es schon Zahlen?

Allein sechs öffentlich bestätigte Wegzüge von Milliardären drücken die erwarteten Einnahmen von 100 auf 67 Milliarden Dollar – noch bevor irgendeine weitere Vermeidungsstrategie eingerechnet ist. Wie viel tiefer dieser Wert letztlich liegt, hängt davon ab, wie viele weitere Personen still und leise weggehen, ohne Schlagzeilen zu machen. Realistisch rechnen wir mit Einnahmen von rund 40 Milliarden.

Die Befürworter würden einwenden: Auch wenn mehr wegzieht als erwartet, bleibt unter dem Strich dennoch ein Gewinn für den Staat. Was entgegnen Sie?

Genau hier liegt ein zweiter Denkfehler. Man kann nicht nur schwer abschätzen, wie viel Vermögen tatsächlich abwandert, sondern übersieht auch die Folgewirkungen: Wenn die Reichsten gehen, verliert der Staat auch erhebliche Einnahmen aus der Einkommens- und Verbrauchsteuer.

Sie haben das in Ihrer Studie durchgerechnet – was zeigen Ihre Berechnungen?

Die betroffenen Milliardäre zahlen derzeit jährlich zwischen 3,3 und 5,8 Milliarden Dollar an Einkommensteuern. Ziehen sie weg, entstehen über die Zeit erhebliche Steuerausfälle. In 71 Prozent unserer Szenarien ist die Vermögenssteuer insgesamt ein Verlustgeschäft für den Staat – im Durchschnitt ergibt sich über die Zeit ein Minus von rund 24,7 Milliarden Dollar.

Geht es nur um Steuereinnahmen – oder hat die Steuer auch breitere wirtschaftliche Konsequenzen?

Schon die Ankündigung dieser Vermögensteuer hat dauerhafte Folgen – für Innovation, Unternehmertum und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Gründer überlegen es sich zweimal, ob sie ein Unternehmen in Kalifornien ansiedeln. Einige Milliardäre ermutigen Unternehmensgründer bereits öffentlich, Kalifornien zu verlassen, bevor sich das steuerliche Umfeld weiter verschlechtert.

Wie fragil ist das Silicon Valley als Zentrum der Technologiewelt?

Das Silicon Valley ist weiterhin das führende US-Technologie-Ökosystem, und die Immobilienpreise in San Francisco bleiben hoch. Doch diese Standortvorteile sind fragiler, als sie erscheinen. Wenn sich eine kritische Masse disruptiver Unternehmen anderswo ansiedelt, können die sich selbst verstärkenden Dynamiken, die das Silicon Valley gross gemacht haben, auch in die entgegengesetzte Richtung wirken.

«Wenn die Reichsten gehen, verliert der Staat auch erhebliche Einnahmen aus der Einkommens- und Verbrauchsteuer.»

Joshua D. Rauh

Sie sprechen von dauerhaften Folgen – dabei ist die Steuer doch einmalig geplant?

Das ist der grösste Irrtum. Wird die Initiative angenommen, schafft sie die verfassungsrechtliche Grundlage für künftige Vermögensteuern. Entscheidend ist deshalb nicht nur die heutige Belastung, sondern die Erwartung künftiger Belastungen. Diese Unsicherheit wirkt selbst wie eine Steuer auf Unternehmertum. Denn es steht mehr auf dem Spiel als nur Steuereinnahmen. Würden Sie eine Steuer einführen, die eine Milliarde einbringt, aber 100'000 Arbeitsplätze kostet? Der Beitrag von Unternehmern zum Arbeitsmarkt wird in dieser Debatte systematisch ignoriert.

Lässt sich das auf die Schweiz übertragen?

Für die Schweiz ist der Mechanismus derselbe: Hohe Vermögen sind mobil, und ihre Besteuerung löst Anpassungsreaktionen aus. In der Schweiz existiert bereits eine Vermögenssteuer auf Kantonsebene. Eine zusätzliche Bundessteuer würde die Gesamtbelastung weiter erhöhen und für die vermögendsten Haushalte einen Wegzug nach Liechtenstein oder Monaco finanziell attraktiv machen. Damit wird auch die fiskalische Rechnung unsicher. Das maximale Aufkommen läge bei rund 2,6 Milliarden Franken pro Jahr, berechnet als 0,33 Prozent auf einer Steuerbasis von rund 800 Milliarden Franken – knapp drei Prozent des Bundesbudgets. Und das nur unter der Annahme, dass kein einziger Steuerpflichtiger reagiert.

Was raten Sie der Schweiz?

Die erwarteten Einnahmen sind unsicher und die Risiken werden tendenziell unterschätzt. Eine zusätzliche Vermögenssteuer auf Bundesebene könnte sich fiskalisch als wenig ergiebig und wirtschaftlich als kostspielig erweisen.