Interviews
Von Dr. Martin Mosler 21. August 2023

«Trotz Zinswende werden steigende Immobilienpreise erwartet», sagt Timo Wochner.

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Die Wirtschaftsexperten des Economic Experts Survey (EES) erwarten langfristig wieder steigende Immobilienpreise weltweit. Wo liegen die wichtigsten Gründe hierfür?

Speziell in Deutschland und in der Schweiz wurde der fehlende Neubau in Städten häufig als Grund genannt. Aber auch andere Angebotsfaktoren, wie zum Beispiel höhere Preise für Baumaterialien oder ein Mangel an Baugrund, sind laut den Befragten Haupttreiber für den Immobilienpreisanstieg. Auf globaler Ebene sieht es anders aus. Hier nannten die Expertinnen und Experten vor allem Nachfragefaktoren als Gründe für die steigenden Immobilienpreise. Steigendes Einkommen, ein höherer Lebensstandard, aber auch starkes Bevölkerungswachstum sorgen in vielen Regionen der Welt dafür, dass die Nachfrage nach Immobilien steigt. Auch Änderungen der Präferenzen wie der Wunsch nach mehr Wohnfläche oder die Tendenz zu mehr Home-Office können die Preise steigen lassen.

Dämpft die Zinswende denn nicht die Immobilienpreisentwicklung?

In der Tat sorgten die Zinserhöhungen der Zentralbanken dafür, dass die Immobilienpreise in vielen Regionen erst einmal gefallen sind. Hohe Zinsen erschweren die Finanzierung eines Hauskaufes und verringern daher die Nachfrage. Auch die Baupreise können ansteigen. Ungewiss ist allerdings, wie lange die Inflation anhält und dadurch die Zentralbanken die Zinsen hoch lassen. In der mittleren Frist erwarten die Befragten, dass sich die Wachstumsraten im Immobiliensektor eher an den historischen Wachstumsraten orientieren werden.

Welche wirtschaftspolitischen Entwicklungen beobachten wir in Europa sonst noch basierend auf den Ergebnissen des EES?

Die Wirtschaftspolitik wird in fast allen Regionen Europas im Vergleich zum Vorquartal deutlich schlechter bewertet. Dies ist Teil eines anhaltenden Trends. Insbesondere die Befragten in Südeuropa gehörten im zweiten Quartal 2023 zu den kritischsten, sowohl was die politische als auch was die wirtschaftliche Dimension betrifft.

Woher kommen die pessimistischen Antworten?

Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Bewertungen hängt vor allem mit Bedenken hinsichtlich der Umsetzung der NextGenerationEU-Gelder der Europäischen Union zusammen. Diese Gelder sollen im Rahmen eines Aufbau- und Resilienzplans dazu führen, dass europäische Länder gestärkt aus der Pandemie hervorgehen. Es wird befürchtet, dass diese Gelder nicht effizient eingesetzt werden und die Implementierung von wirtschaftspolitischen Massnahmen, die eine strukturelle Transformation der Wirtschaft vorantreiben sollen, verzögert wird. Interessanterweise sehen wir auch einen Rückgang in der wahrgenommenen politischen Stabilität in Südeuropa. Dies lässt sich insbesondere auf bevorstehenden Wahlen in der Region zurückführen. Ein Grossteil der Befragten erwartet ungewisse Wahlausgänge und befürchtet, dass populistische Parteien an die Macht kommen könnten.

Den EES gibt es seit gut 1.5 Jahren, die aktuellen Ergebnisse stammen aus der schon 6. Umfragewelle. Was ist dein Fazit zum Kooperationsprojekt zwischen dem ifo Institut und IWP?

Das Economic Experts Survey ist die grösste weltweite Expertenbefragung – alleine das ist einzigartig. Wir sehen oft unterschiedliche Dynamiken in den Weltregionen, was das Potential aufzeigt, globale Entwicklungen festhalten zu können. Zudem liefern Sondermodule Einblicke in Expertenmeinungen zu aktuellen wirtschaftspolitischen Debatten wie dem Anstieg der Inflation oder zu dem globalen Einfluss des US-amerikanischen Inflation Reduction Acts. Wir stellen Daten für Wissenschaft und Politik bereit, liefern einen wichtigen Impuls für wirtschaftspolitische Debatten und sind immer am Puls der Zeit. Kurzum: Wir freuen uns, dass das Projekt so gut läuft.

Zur Person

Timo Wochner ist Doktorand am ifo Zentrum für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie. Er absolvierte seinen Master in Economics an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und erhielt dafür den Young Economist Award for Overall Grade (1.0). Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Politischen Ökonomie.
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