Studien
Przemyslaw Brandt, Martin Mosler und Christoph A. Schaltegger 27. Oktober 2023

Wir präsentieren: Den IWP Swiss Taxometer.

Wp 15164 9 Xn34 3

In der Schweiz gibt es einen Bund, 26 Kantone und mehr als 2'000 politische Gemeinden. Entsprechend komplex ist auch das hiesige Steuer-, Abgaben- und Transfersystem. Hierbei einen Überblick zu behalten, ist keine einfache Aufgabe. Das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik schafft nun endlich Abhilfe: Wir freuen uns, den IWP-Taxometer offiziell vorzustellen. Der Taxometer beantwortet die grossen und drängenden Fragen unserer Zeit – zumindest, was die Schweizer Staatsfinanzen angeht.

Einen ersten Einblick in die vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten des Taxometers bietet der grosse nationale Vergleich zwischen dem verfügbaren Haushaltseinkommen in verschiedenen Schweizer Gemeinden, den das IWP im Auftrag von 20 Minuten erstellt hat:

  • Himmel und Hölle für ein Mittelstands-Single: In Auenstein im Kanton Aargau bezahlt ein Single mit einem Einkommen von rund 80'000 Franken jährlich etwa 22'000 Franken weniger Steuern und Miete als in Samedan im Kanton Graubünden
  • Himmel und Hölle für Geringverdiener: Mit einem Einkommen von 50'000 Franken lebt es sich am günstigsten in der Romandie. Besonders günstig lebt sich in Fontaines-sur-Grandson im Kanton Waadt.
  • Wo die Reichen am meisten bluten müssen: Hier zeigen wir, wo man am meisten Steuern und Miete bezahlt, wenn das Jahreseinkommen zwischen 130’000 Franken und einer Million Franken liegt – nämlich in Samedan im Graubünden. Am wenigsten ist sind es im Muotathal im Kanton Schwyz.
  • Die Finanzhöllen für Singles: Ein exklusiver Vergleich aller 2148 Schweizer Gemeinden zeigt, wo Singles am meisten Steuern und Miete bezahlen – nämlich in Mauborget und in Fontaines-sur-Grandson im Kanton Waadt.

Natürlich gibt es viele weitere Anwendungsmöglichkeiten für den Taxometer: Welche Haushalte profitieren und verlieren finanziell bei der Einführung der Individualbesteuerung? Wie müsste eine Steuerreform aussehen, um eine Erhöhung der Rentenausgaben zu finanzieren – oder wie könnte man wen bei einer Rentenreform entlasten? Sind die Armen oder Reichen, die Alleinstehenden oder die Grossfamilien bei einer Ausweitung von Familienleistungen am stärksten betroffen? Was würde passieren, wenn wir eine schweizweite Einheitssteuer einführen? Und was passiert bei all diesen Reformen eigentlich mit der Ungleichheit im Land? Unsere Berechnungen liefern die Antworten

Der Taxometer ist ein Dissertationsprojekt unseres Doktoranden Przemyslaw Brandt und bündelt in bisher einmaliger Tiefe die fiskalischen Regelungen für natürliche Personen an einem Ort. Das Modell startet mit dem Bruttoeinkommen von uns Bürgern und berechnet mit Tausenden von Informationen das verfügbare Haushaltseinkommen, also was man am Ende nach allen Zahlungen an und von dem Staat wirklich in der Tasche übrig hat. So ergibt sich ein detailliertes Bild der Finanzsituation für die Schweiz und die Schweizer.

Der Taxometer geht aber noch einen Schritt weiter, als nur den Ist-Zustand abzubilden: So können angedachte Reformen des Schweizer Steuer-, Abgaben- und Transfersystems vom Taxometer berechnet werden, ohne dass man die Veränderungen tatsächlich erst umsetzen muss. Unser Modell simuliert die Auswirkungen von Reformen detailliert für diverse Haushaltstypen, etwa aufgeschlüsselt nach Einkommenssituation, Wohnort, Kinderanzahl oder Familienstand. Wir können aber auch die Auswirkungen auf die Staatsfinanzen von Bund und Kantonen oder Ungleichheitsmasse und verteilungspolitische Aspekte betrachten.

Heatmap einer fiktiven Reform
Quelle: Taxometer

Das Modell berücksichtigt die direkte Bundessteuer, kantonale Steuergesetze und die steuerlichen Regelungen der Gemeinden. So können etwaige Änderungen der Einkommensteuer und Vermögensteuer, aber auch andere Arten wie die Personalsteuer, Kirchensteuer und die Steuer auf Kapitalleistungen auf allen politischen Ebenen simuliert werden. Es werden hierbei auch umfänglich die jeweils gültigen steuerlichen Abzugsmöglichkeiten und Optimierungskalküle beachtet.

Zusätzlich zu den Steuern werden die Sozialabgaben von AHV über Krankenversicherung bis zur Arbeitslosenversicherung abgebildet. Auch potenzielle Transferzahlungen wie die Sozialhilfe oder Familienleistungen sind im Modell abgebildet. Zuletzt können sogar die Mietkosten auf Gemeindeebene berücksichtigt werden.

Es können sowohl die reale Schweizer Wohnbevölkerung als auch hypothetische Musterhaushalte betrachtet werden. Die Ergebnisse können dabei detailliert in Tabellen und Diagrammen ausgegeben werden, aber auch intuitiv nachvollziehbar über Karten oder Heatmaps. Das Modell kann flexibel genutzt werden.

Und der Taxometer lebt: Es wird stetig an den aktuellen Rechtsstand angepasst und um neue Module erweitert. Bisher sind die Berechnungen etwa statisch, d.h. ohne Verhaltensänderungen der Bürger. Die nächste Ausbaustufe wird dies ändern: Dann berücksichtigen wir auch das Zusammenspiel mit dem Arbeitsmarkt, z.B. dass Steuern, Transfers und Abgaben auch die Entscheidung zwischen Teilzeit und Vollzeit beeinflussen.

Werden Reformen am Schweizer Fiskalsystem angedacht, so kann bisher nur grob und mit grossem Aufwand abgeschätzt werden, welche Auswirkungen abzusehen sind. Entscheidungen über potenzielle Reformen werden eventuell getroffen, ohne sich halbwegs sicher zu sein, welchen Einfluss diese auf das Gesamtsystem der öffentlichen Haushalte und die Geldbörsen der Bürger haben. Eine so komplexe und entwickelte Volkswirtschaft wie die Schweiz braucht eine bessere Basis für solch weitreichende wirtschaftspolitische Entscheidungen. An dieser Stelle setzt das Mikrosimulationsmodell vom IWP an.

Sie haben selbst eine mögliche Reform des Schweizer Steuer-, Abgaben- und Transfersystems im Kopf und wollen vorab berechnen, was die Auswirkungen wären? Dann melden Sie sich bei uns unter taxometer@iwp.swiss.