Interviews
IWP 17. August 2022

Die Ökonomen Reto Föllmi und Christoph Schaltegger über Start-up-Subventionen.

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Innovative Jungunternehmen müssen einen möglichst einfachen Zugang zu Kapital haben, da sie ein Grundpfeiler der wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz sind – über diesen Punkt herrscht weitherum Einigkeit. Über die Frage, ob sich der Staat an der Finanzierung von Startups beteiligen sollte, gehen die Meinungen allerdings auseinander. Nachdem zahlreiche Staaten in den vergangenen Jahren Förderprogramme für Startups lanciert haben, wird auch in der Schweiz über die Einführung eines «Innovationsfonds» diskutiert. Dr. Martin Mosler, Bereichsleiter Fiskalpolitik am IWP, hat mit Professor Dr. Reto Föllmi von der Universität St. Gallen und Professor Dr. Christoph A. Schaltegger, Direktor IWP, über Sinn und Unsinn staatlicher Innovationsförderung in der Schweiz gesprochen.

Martin Mosler: Herr Schaltegger, gehen wir gleich in medias res. Bitte geben Sie uns einen kurzen Umriss über den Schweizer Startup-Markt!

Schaltegger: Die Schweizer Entrepreneurs sind innovativ und bei Investoren entsprechend beliebt. Im Vergleich zu unseren deutschen Nachbarn haben unsere Start-Ups gut 50 Prozent mehr Risikokapital erhalten, wenn man die Investitionen auf die Einwohner umrechnet. Das ist schon beeindruckend. Gerade der Pharma- und Biotech-Sektor, aber auch Fintechs oder Unternehmen der Informations- und Kommunikationsbranche ziehen grosse Investitionsvolumen auf sich. Natürlich merkt auch der Startup-Sektor die sich wandelnden makroökonomischen Rahmenbedingungen: Als Reaktion auf die Inflation steigen die Zinsen, und auch unter den Investoren machen sich Rezessionssorgen breit. Strukturell erscheint mir der Markt aber weiterhin robust zu sein.

Wie wichtig sind Startups für unsere Volkswirtschaft?

Föllmi: Langfristiges, qualitatives Wachstum ist nur durch Innovationen möglich. Physische Investitionen, beispielsweise in die Infrastruktur, sind für das Prokopf-Wachstum zwar auch wichtig. Ohne Innovationen nimmt der Zusatzertrag einer neuen Bahnlinie oder von besserem Breitbandanschluss aber ab. Innovationen können dabei neue oder bessere Produkte, aber auch verbesserte Produktionsprozesse sein. Technologische Durchbrüche sind von Natur aus eher unsicher. Startups spielen darum eine zentrale Rolle für technologische Durchbrüche, weil sie ein vielfältiges Experimentierfeld bieten. Das Risiko ist jedoch hoch: Viele junge Unternehmen scheitern, und es ist ex-ante unklar, welche Idee sich durchsetzen wird – denken wir nur an Trends in der Informations- und Kommunikationstechnik oder Medizinaltechnik.

Unterstützt der regulatorische Rahmen in der Schweiz denn Innovationen?

Schaltegger: Es gibt definitiv noch Verbesserungsspielraum bei den Rahmenbedingungen, vor allem beim administrativen Aufwand. Für eine Unternehmensgründung braucht ein Schweizer laut der Weltbank gut 10 Arbeitstage. In den Vereinigten Staaten sind es hingegen nur 4 Tage, in Deutschland 8 Arbeitstage. Auch bei anderen Indikatoren wie den Kosten für eine Unternehmensgründung oder die Anzahl an benötigten Dokumenten zur Registrierung hinken wir unseren direkten Wettbewerbern hinterher. Als Gründer muss man also erst einige Steine aus dem Weg räumen, bevor man überhaupt startet.

Momentan beträgt der Anteil der Schweizer, die ein neues Unternehmen gründen oder führen, etwa ein Zehntel der erwachsenen Arbeitsbevölkerung. Etwa jeder Achte im erwerbsfähigen Alter hat zudem konkrete Absichten, in den nächsten 3 Jahren ein Unternehmen zu gründen. Da geht noch mehr. Generell sind die Schweizer nämlich innovationsfreudig: Über die Hälfte der Eidgenossen sah im letzten Jahr gute Möglichkeiten, ein Unternehmen zu gründen – der höchste Wert in der Geschichte. Wir sollten motivierten Entrepreneurs es so einfach wie möglich machen, ihre Ideen auch umzusetzen.

Wie sieht es bei den Finanzierungsquellen aus: Kommen Schweizer Startups an genügend Kapital?

Föllmi: Die Schweiz verfügt über einen ausgezeichneten Kapitalmarkt. Eine Vielzahl von Akteuren mit privatem oder öffentlichem Hintergrund ist in der Wagnisfinanzierung tätig. Auch verschiedene Kantonalbanken investieren meist über Stiftungen in Startups. Der Bund hat mit Innosuisse ein etabliertes Förderinstrument. Gemäss des Swiss Venture Capital-Reports findet gar ein regelrechter Boom statt, seit 2018 haben sich die Investitionen in Startups verdreifacht. Im letzten Jahr 2021 wurde ein Betrag von über CHF 3 Mia. investiert. Eine Studie im Auftrag des Seco fand denn auch kein Marktversagen, was die Finanzierungsquellen betrifft. Einzig gibt es noch relativ wenige Kapitalgeber, die vor allem auf die zweite Phase der Startup-Finanzierung fokussieren, dem sogenannten „Scale up“, wo es um die Markteinführung geht. Die Marktdynamik führt aber dazu, dass sich diese Lücke auch rasch schliessen kann, wenn sich ein interessantes Eintrittsfeld für Investoren bietet.

Was sind denn dann Gründe, warum Startups staatlich gefördert werden sollen?

Föllmi: Innovationen haben positive externe Effekte: Sie steigern sowohl das technische Know-how als auch die Kenntnisse der Arbeitskräfte. Davon profitieren andere Firmen oder Startups für ihre eigenen Neuerungen. Das kann eine teilweise Förderung durch die Allgemeinheit rechtfertigen. Grundlagenforschung, wo die Marktanwendung noch weit weg ist, geschieht beispielsweise meist in universitären Hochschulen, die zu einem wesentlichen Teil über die öffentliche Hand finanziert sind. Mit dem Schweizer Nationalfonds existiert zudem ein etabliertes leistungsbasiertes Förderinstrument.

Gibt es auch Grenzen staatlicher Innovationsförderung?

Föllmi: Je anwendungsorientierter die Forschung und damit je näher eine Innovation am Markt ist, desto weniger braucht es staatliche Unterstützung. Die erfolgreiche Forschung im Pharmasektor findet ja zu einem grossen Masse in privaten Firmen statt. Dennoch gibt es hier mehrere erfolgreiche Gefässe der Öffentlichkeit. Innosuisse unterstützt gemeinsame Innovationsprojekte von Unternehmen und Forschungsinstitutionen, und verschiedene Hochschulen haben erfolgreiche Spin-off-Programme.

Können private Anleger, die ihr eigenes Geld investieren, nicht besser beurteilen, welche Startups förderfähig sind?

Schaltegger: Private Anleger haben tatsächlich starke Anreize, ihre Investitionsentscheidungen genau zu durchdenken. Liegen sie falsch, so ist ihr eigenes Geld weg. Das führt dazu, dass wirklich aussichtsreiche Projekte finanziert werden. Bei der staatlichen Startup-Förderung werden die Finanzierungsrisiken hingegen sozialisiert. Diejenigen, die beim Staat über eine Investition in junge Unternehmen entscheiden, haben im Fall eines Scheiterns keine wirklichen Konsequenzen zu fürchten – es wird letztlich der Steuerzahler zahlen müssen. Kommt dann noch hinzu, dass die öffentlichen Gelder eher nach politischen denn nach finanziell nachhaltigen Kriterien verteilt wird, können die Kosten für die Allgemeinheit schnell die möglichen Renditen übersteigen.

Es stellt sich generell die Frage, ob und wann der Staat in dem Sektor eingreifen sollte. Wie stark sollte der Staat im Innovationsmarkt mitspielen?

Föllmi: Es gibt grundsätzlich zwei Gründe, warum Staatseingriffe im Innovationsmarkt angezeigt sein können. Erstens könnten standortpolitische Gründe eine Rolle spielen. Wenn die anderen Staaten Startups fördern, wollen wir nicht abfallen. Dieses Argument zählt aber nicht wirklich, denn es gibt kaum Anhaltspunkte für eine Finanzierungslücke in der Eidgenossenschaft. Zweitens, und wie schon angesprochen, haben innovative Firmen positive Wissensspillovers, mit gegenseitigem Lernen tragen sie zu Produktivitätsfortschritten bei. Auf finanzieller Seite sind diese durch die bestehenden Gefässe wie den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gut abgedeckt.

Wo die Politik aber wirklich ihren Hebel ansetzen kann, sind die Rahmenbedingungen. Dazu zähle ich Patent- und Steuerrecht, aber auch schlanke Bewilligungsverfahren und guten Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften gerade auch aus Drittstaaten. Mich erstaunt, dass momentan politisch vor allem die finanzielle Förderung im Fokus steht, oder schlimmer noch, finanzielle Subventionen als Substitut für schlechte Rahmenbedingungen propagiert werden. Die Förderung muss ja letztlich auch bezahlt werden, und dieses Geld fehlt dann gerade zur Finanzierung neuer Innovationen.

Könnte man staatliche Gelder statt für die Förderung von Startups Ihrer Meinung nach an anderer Stelle sinnvoller einsetzen?

Schaltegger: Da sollten wir unterscheiden. Die erwähnte Forschung an Universitäten und Hochschulen sollte als Grundlage für Innovationen natürlich weiter finanziert werden. Öffentliche Mittel sollten in verbesserte Rahmenbedingungen fliessen, beispielsweise für die Digitalisierung von öffentlichen Prozessen. Das würden besonders jungen Unternehmen nützen. Wenn es jedoch um die direkte Wagnisfinanzierung geht, sollte sich die öffentliche Hand zurückhalten. Sinnvoller fände ich es, wenn diese Mittel über Investitionen in unsere Bildungslandschaft, einen höheren Abzug von Forschungsausgaben bei der steuerlichen Bemessungsgrundlage oder eine Reduzierung von Lohnnebenkosten den Gründern zugute käme.