Studien
IWP 18. Februar 2026

Staatliche Unterstützung für Familien: Was wirkt wie?

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Elternurlaub, Familienzulagen, Kita-Subventionen – die Schweizer Familienpolitik bietet zahlreiche Leistungen für Familien. Aber welche Massnahmen wirken wirklich? Die neue IWP-Studie «Evidenzbasierte Familienpolitik in der Schweiz: Was wirkt wie?» von Dr. Melanie Häner-Müller, Nina Kalbermatter und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger gibt einen breiten Überblick über die Schweizer Familienpolitik auf Grundlage aktueller Daten und wissenschaftlicher Literatur.

Schweizer Familien sind im internationalen Vergleich gut gestellt

Die Mehrheit der Schweizer Familien verfügt über eine stabile finanzielle Situation. Die Armutsquote bei Haushalten mit Kindern liegt bei rund 6 % und gehört damit zu den niedrigsten in Europa. Auch die sozialen Aufstiegschancen sind intakt: Der Einfluss der familiären Herkunft auf das spätere Einkommen liegt seit rund 40 Jahren konstant bei durchschnittlich 17 % – ein international vergleichsweise tiefer Wert. Zudem fällt die subjektive Zufriedenheit von Eltern im internationalen Vergleich hoch aus.

Diese Ergebnisse sind umso bemerkenswerter, als die öffentlichen Ausgaben für Familienunterstützung in der Schweiz im internationalen Vergleich vergleichsweise moderat sind. Während viele Nachbarländer rund 3 bis 5 % ihrer öffentlichen Ausgaben für Familienpolitik aufwenden, bewegt sich die Schweiz seit rund 30 Jahren stabil zwischen 1 % und 2 %.

Die gute finanzielle Situation der Familien hierzulande bei gleichzeitig tiefen staatlichen Ausgaben spricht für einen funktionierenden institutionellen Rahmen, in dem staatliche Unterstützung private Verantwortung ergänzt, aber nicht ersetzt.

Diese Ausgangslage wirft die Frage auf, welche Rolle der Staat in der Familienpolitik einnehmen sollte. Bei der Gestaltung der Familienpolitik gelten zwei Grundprinzipien: Familien sollen gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen nicht bevorzugt werden, und die Hauptverantwortung liegt nach dem Subsidiaritätsprinzip bei Kantonen und Gemeinden. Staatliche Eingriffe sind sinnvoll, wenn sie nachweislich dazu beitragen, dass Eltern mehr arbeiten können, Kinder bessere Chancen haben oder Familienarmut reduziert wird. Gleichzeitig muss immer abgewogen werden, wie stark der Staat eingreifen sollte, damit Kinder und Eltern nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten bewertet werden und dabei auf reine Wirtschaftsfaktoren reduziert werden.

Vor diesem Hintergrund werden drei zentrale familienpolitische Instrumente systematisch darauf untersucht, wie wirksam sie sind und ob sie ihre Ziele erreichen.

1. Elternzeit: viel Geld, begrenzte Wirkung

Die internationale Forschung zeigt:

  • Bezahlte Elternzeiten von einigen Monaten fördern die Erwerbstätigkeit von Müttern.
  • Längere oder unbezahlte Elternzeiten erschweren die Rückkehr von Müttern in den Beruf. Studien zeigen bereits ab 4 bis 7 Monaten eine negative Wirkung.
  • Längere Elternzeiten tragen nicht zur langfristigen Gleichstellung zwischen Müttern und Vätern bei.

Für die Schweiz bedeutet das:

  • Mit 14 Wochen Mutterschafts- und 2 Wochen Vaterschaftsurlaub befindet sich die Schweiz bereits im wirksamen Bereich.
  • Eine Ausweitung brächte erhebliche Mehrkosten und nur geringen Zusatznutzen
  • Eine Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs auf 18 Wochen, wie sie die Familienzeitinitiative fordert, hätte 2023 Mehrkosten von rund 258 Mio. Franken (+29 %) verursacht; eine Ausweitung des Vaterschaftsurlaubs auf 18 Wochen hätte die Ausgaben um 1,25 Mrd. Franken (+800 %) erhöht.

2. Subventionierte Kinderbetreuung: zwischen Investition und Mitnahmeeffekt

Die Forschung zeigt:

  • Subventionierte Kinderbetreuung kann die Erwerbstätigkeit von Müttern moderat steigern.
  • Besonders wirksam ist institutionelle Betreuung für sozial benachteiligte Kinder, da dadurch ungleiche Startbedingungen teilweise ausgeglichen werden können.
  • Haushalte mit mittleren und höheren Einkommen profitieren jedoch überproportional von Kitaangeboten und deren Subventionierung.
  • Einkommensabhängige und dezentrale Lösungen erweisen sich als zielgerichteter als nationale Pauschallösungen.

Für die Schweiz bedeutet dies:

  • Breite, pauschale Subventionen sind wenig effizient und können zu einer Umverteilung von unten nach oben führen.
  • Einkommensabhängige, dezentral organisierte Modelle sind zielgerichteter und berücksichtigen regionale Unterschiede besser.
  • Der Fokus sollte insbesondere auf Familien mit niedrigem Einkommen und Kindern mit erhöhtem Förderbedarf liegen.

3. Finanzielle Familienunterstützung: Steuerliche Abzüge statt pauschaler Zulagen

Aus der Literatur ergibt sich:

  • Familienzulagen leisten einen wichtigen Beitrag zur Einkommensstabilisierung, insbesondere für sozioökonomisch schwächere Haushalte.
  • Gleichzeitig reduzieren direkte Zulagen die Arbeitsanreize – vor allem für Zweitverdiener.
  • Steuerliche Abzüge, insbesondere für Drittbetreuungskosten, wirken zielgenauer und sind stärker arbeitsmarktorientiert.

Für die Schweiz ergibt sich daraus:

  • Das bestehende System aus Zulagen und steuerlichen Entlastungen ist solide und bewährt.
  • Eine generelle Ausweitung der Familienzulagen ist weder empirisch gut begründet noch effizient.
  • Zielführender sind gezielte steuerliche Entlastungen für Zweitverdiener, Alleinerziehende, kinderreiche Familien sowie Familien mit tiefen Einkommen und hohen Betreuungskosten.
  • Steuerliche Abzüge vereinbaren finanzielle Sicherheit, Arbeitsanreize und Chancengerechtigkeit besser miteinander als pauschale Leistungsausweitungen.

Zukunftsfähige Familienpolitik mit Augenmass

Schweizer Familien stehen im internationalen Vergleich gut da – ein flächendeckender Ausbau der Familienpolitik ist daher nicht angezeigt. Entscheidend sind gezielte, wirksame Massnahmen dort, wo tatsächlicher Handlungsbedarf besteht.

Die vorliegende IWP-Studie zeigt auf Grundlage der wissenschaftlichen Evidenz, welche Instrumente tragen und wo Zielkonflikte bestehen. Sie liefert damit eine sachliche Orientierung für Reformen, die Wahlfreiheit, Arbeitsanreize und solide öffentliche Finanzen gleichermassen im Blick behalten.

Ausserdem lesen Sie im Bericht:

  • wie sich die Lebensrealitäten der Familien in der Schweiz im Zeitverlauf verändert haben,
  • wie sich die familienpolitischen Massnahmen entwickelt haben,
  • inwiefern sich gewünschte und tatsächlich gelebte Erwerbs- und Betreuungsmodelle unterscheiden – und welche Rolle die Politik dabei spielen kann.