Wenn Armut in Familien über Generationen hinweg fortbesteht, stellt das die Chancengleichheit infrage – ein Grundpfeiler moderner Demokratien. Ist der Bezug von Sozialhilfe also Familienschicksal oder gelingt es, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Eine neue Studie von Dr. cand. Tamara Erhardt, Dr. Melanie Häner-Müller und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern beantwortet diese Frage erstmals für die Schweiz. Der familiäre Einfluss verliert bereits nach einer Generation spürbar an Bedeutung.
Die Autoren der Studie wählen einen innovativen Ansatz, um den Einfluss familiärer Herkunft auf den Sozialhilfebezug über Generationen hinweg zu messen. Anhand verwandtschaftlicher Beziehungen innerhalb derselben Generation bestimmen sie den Einfluss der Eltern und Grosseltern: Beziehen Geschwister Sozialhilfe, zeigt das den Einfluss der Eltern; beziehen Cousins Sozialhilfe, belegt dies den Einfluss der Grosseltern.
Die Ergebnisse für die Schweiz zeigen: Wer ein Geschwister hat, das Sozialhilfe bezieht, trägt ein um 22 Prozentpunkte höheres Risiko, selbst darauf angewiesen zu sein, als jemand ohne ein solches Geschwister. Hat man zusätzlich einen Cousin in der Sozialhilfe, steigt das eigene Risiko hingegen nur um weitere 4 Prozentpunkte. Damit entspricht der grosselterliche Einfluss etwa einem Fünftel des elterlichen. Die Frage, ob Sozialhilfe vererbt wird, lässt sich wie folgt beantworten: Familiäre Prägungen wirken kurzfristig, verfestigen sich in der Schweiz aber nicht dauerhaft. Sozialhilfebezug ist kein Familienschicksal.
Spannend ist die Frage, ob Sozialhilfe innerhalb von Familien eher vererbt wird als andere soziale Faktoren. Deshalb haben die Autoren untersucht, wie sich die Weitergabe von Sozialhilfe im Vergleich zu Einkommen und Bildung über Generationen hinweg unterscheidet:
- Sozialhilfe: Wird in der Kernfamilie am stärksten weitergegeben; der Einfluss der Grosseltern ist deutlich schwächer.
- Einkommen: Wird weniger stark weitergegeben als Sozialhilfe; auch hier spielt der Einfluss der Grosseltern nur eine geringe Rolle.
- Bildung: Wirkt über Generationen hinweg länger nach und nimmt nur allmählich ab.
Diese neuen Ergebnisse knüpfen an frühere Untersuchungen des IWP zur sozialen Mobilität in der Schweiz an:
- Der familiäre Einfluss auf das Einkommen bleibt gering: Herkunftsunterschiede erklären im Durchschnitt nur rund 17 Prozent der Einkommensunterschiede, wie eine Studie von Bühler et al. (2025) zeigt.
- Beim sozialen Status verliert sich der Einfluss der Familie spätestens nach drei Generationen, wie Häner und Schaltegger (2024) belegen.
- Die aktuelle Untersuchung zum Sozialhilfebezug bestätigt dieses Bild: Beim Zugang zu staatlicher Unterstützung lösen sich familiäre Prägungen über die Zeit. Sozialhilfe ist kein Familienschicksal, sondern Ausdruck vorübergehender Lebensumstände.