Wer im Leben aufsteigen will, braucht mehr als nur Talent – er braucht faire Chancen. Soziale Mobilität zeigt, wie gut es Menschen gelingt, ihre gesellschaftliche Stellung aus eigener Kraft zu verbessern. Dr. cand. Jonas Bühler, Dr. Melanie Häner-Müller und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern haben nun erstmals anhand aktueller Daten untersucht, wie sich die Chancen auf sozialen Aufstieg in der Schweiz seit den 1980er-Jahren entwickelt haben. Ihre Ergebnisse präsentieren sie im neuen Working Paper Intergenerational Mobility in Times of Rising Global Inequality: USA vs. Switzerland.
Ausgangspunkt der Studie war die Entwicklung in den USA, wo der American Dream in jüngerer Zeit Schaden nahm: Die Ökonomen Jonathan Davis und Bhashkar Mazumder haben nachgewiesen, dass in den 1980er Jahren nicht nur die Einkommenskonzentration stark zunahm, sondern zugleich auch die soziale Mobilität spürbar zurückging.
Diese Befunde veranlasste die Autoren, einer zentralen Frage nachzugehen: Wie steht es um die Aufstiegschancen in der Schweiz? Tatsächlich unterscheidet sich die Schweiz in einem entscheidenden Punkt: Die Einkommensungleichheit hat sich seit den 1980er-Jahren kaum verändert. Das belegen die Daten der Swiss Inequality Database (SID) des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik: Die Einkommensverteilung blieb über Jahrzehnte bemerkenswert stabil. Doch spiegelt sich diese Stabilität auch in der sozialen Mobilität wider? Die Beantwortung dieser Frage war Ziel der neusten Studie.
Gleiche Chancen? Der Blick auf Geschwistereinkommen zeigt es
Die Studie misst den Einfluss der Familie auf das spätere Erwerbseinkommen über einen Zeitraum von vierzig Jahren. Um diesen Einfluss möglichst umfassend zu erfassen, greifen Dr. cand. Jonas Bühler, Dr. Melanie Häner-Müller und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger auf sogenannte Geschwisteranalysen zurück. Diese Methode erlaubt es, das gesamte familiäre Umfeld und die gemeinsamen Lebensbedingungen einzubeziehen. Geschwister teilen sich nicht nur das Elternhaus, sondern wachsen meist im gleichen sozialen Umfeld auf, besuchen ähnliche Schulen und bewegen sich in vergleichbaren Netzwerken. Daher analysiert die Studie, wie ähnlich sich die Einkommen von Geschwister sind – ein verlässlicher Hinweis auf den Einfluss des Elternhauses auf den eigenen Lebensweg. Je ähnlicher das Einkommen von Geschwistern, desto stärker wirkt das familiäre Umfeld – und desto geringer ist die soziale Mobilität. Grundlage der Analyse ist ein umfangreicher Administrativ-Datensatz mit Informationen zu über zwei Millionen Personen.
Stabile Chancen statt wachsender Ungleichheit: Die Schweiz ist nicht die USA
Das Ergebnis für die Schweiz ist eindeutig und erfreulich: Wie Abbildung 1 verdeutlicht, bleiben die sozialen Aufstiegschancen über den gesamten Zeitraum von 1981 bis 2021 intakt. Im Durchschnitt lassen sich lediglich 17 Prozent des eigenen Einkommens auf die familiäre Herkunft zurückführen – ein Wert, der in den vergangenen vierzig Jahren nie über 21 Prozent stieg. Gleichzeitig verharrt die Einkommenskonzentration der Top 10 % stabil bei rund 30 Prozent.
Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung in den 1980er- und 1990er-Jahren – während in den USA die Ungleichheit wie auch der familiäre Einfluss auf das Einkommen spürbar zunahmen, blieben in der Schweiz beide Grössen nahezu unverändert. Der familiäre Einfluss lag hierzulande in beiden Jahrzehnten konstant unter 15 Prozent – ein Hinweis auf stabile und faire Aufstiegschancen.
Die Schweiz weist eine im internationalen Vergleich ausserordentlich hohe soziale Mobilität auf – sogar höher als in den vielgelobten skandinavischen Ländern und deutlich über dem US-amerikanischen Niveau. Das legt nahe: Zwischen Einkommensverteilung und Chancengleichheit besteht ein enger Zusammenhang – nicht nur im internationalen Vergleich, sondern auch im zeitlichen Verlauf innerhalb eines Landes.