Herr Müller, wann haben Sie sich zuletzt eine klassische Freude als Pensionär gegönnt – zum Beispiel eine Kreuzfahrt oder ein Klassentreffen?
Letzte Woche habe ich zusammen mit meiner Frau unsere zweieinhalbjährige Enkelin gehütet. Wenn das nicht eine typische Tätigkeit für Pensionierte ist! Auf einer Kreuzfahrt war ich noch nie, ausser dass ich hin und wieder als Fachreferent eine Reisegruppe auf der Queen Mary auf der Überfahrt von Southampton nach New York begleite. Aber dabei handelt es sich um Arbeit, nicht um Vergnügen.
Dann arbeiten Sie also auch im Rentenalter weiter?
Ja klar, wieso auch nicht? Ich habe mich nie als pensioniert verstanden. Es handelt sich dabei um einen Zustand, der einem von der Gesellschaft aufgezwungen wird. Wer pensioniert ist, der wird von der Gesellschaft sofort als pensioniert gelesen – wie Sie es gerade getan haben.
Touché. Sie lehnen also das Pensionsetikett ab?
Klar. Und mich stört, dass gerade manche Jungen so eindimensional denken: Wer pensioniert ist, gilt für sie in der Gesellschaft als nutzlos, als jemand, der der Allgemeinheit nur noch Kosten verursacht, den Anschluss verpasst hat und die Umwelt belastet. Gestern noch vollwertige Arbeitskraft, ab dem Tag eins der Pensionierung ein Mensch, der anderen auf dem Portemonnaie liegt. Ich habe mich immer geweigert, diese Klischeeerwartungen der Gesellschaft zu erfüllen, und arbeite heute immer noch jeden Tag.
In Ihrem neuen Buch «Schafft die Pensionierung ab» fordern Sie – wie es der Titel sagt – die Abschaffung der klassischen Pensionierung. Warum genau?
Das heutige Rentenmodell stammt aus dem 19. Jahrhundert und geht auf Bismarck zurück, den Erfinder der modernen staatlichen Rentensysteme. Damals setzte der Rentenbezug faktisch Nichtstätigkeit voraus – eine Logik, die aus der schweren Fabrikarbeit jener Epoche entstand. Daraus entwickelte sich die Vorstellung des Alters als eigener Lebensabschnitt, eine unbeabsichtigte Folge des Systems. Seither ist unser Leben in klar getrennte Abschnitte gegliedert – «study, work, retire, expire», wie es eine Studie des WEF von 2015 zugespitzt formulierte. Das mochte vor 150 Jahren sinnvoll erscheinen. Aber heute gibt es diese Fabrikarbeit in der Schweiz und auch in anderen entwickelten Ländern nicht mehr...
...Sie kritisieren insbesondere das fixe Rentenalter von 65...
...auch das ist ein Relikt aus einer anderen Epoche. Das Rentenalter 65 stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Damals senkte der Deutsche Bundestag das von Bismarck eingeführte Rentenalter 70 auf 65. Seit über 100 Jahren gilt dieses Alter als Termin für das Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess. Bei der Einführung dieser Grenze lag die Lebenserwartung nur unwesentlich höher. Heute ist die Lebenserwartung gut 15 Jahre höher – und sie steigt weiter. Bald ist die Phase des beruflichen Nichtstuns die längste Lebensphase, länger als die Berufszeit.
Sie können nicht verstehen, warum sich so viele auf die Pensionierung freuen?
Wenn dies bedeutet, dass man nur noch herumreist - nein. Denn wenige Dinge prägen das Leben eines Menschen so sehr wie der Beruf. Vielen verleiht er Sinnhaftigkeit; er ist der Grund, warum man am Morgen aufsteht. Doch wann man damit aufhören möchte, darüber kann der Einzelne kaum etwas sagen. Gesetze, Unternehmenspolitik und die Reglemente der Pensionskassen befördern ihn mit 65 alternativlos in den sogenannten Ruhestand. Dieser massive Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen kann einen Liberalen doch nicht gleichgültig lassen!
Was bedeutet dies ökonomisch?
Die Schweiz entfernt ohne Not jährlich Zehntausende von gesunden, leistungsfähigen und leistungswilligen Menschen aus dem Arbeitsprozess. Gleichzeitig jammert die Wirtschaft über den Fachkräftemangel. Doch sie unternimmt nichts, um die Leute länger im Arbeitsprozess zu behalten. Laut einer Studie von Swiss Life bemühen sich bloss 14 Prozent der Unternehmen aktiv darum, ihre Angestellten auch über das Alter 65 hinaus im Arbeitsprozess zu behalten. Das Problem des Fachkräftemangels wird schliesslich durch die Personenfreizügigkeit gelöst, was zum starken Bevölkerungswachstum des Landes beiträgt – mit den entsprechenden politischen Folgen.
Wie könnte denn ein Rentensystem aussehen, das besser zur heutigen Arbeitswelt passt?
Würde man heute ein Rentensystem konzipieren, käme man sicher zu ganz anderen Lösungen. Man könnte individuelle Rentenkonten etablieren, die vom Einzelnen verwaltet werden. Renten würden an die Beitragsdauer gekoppelt; je länger man in das System einzahlt, desto höher die Leistung, die man daraus bezieht. Insgesamt würde es sich um ein viel flexibleres und stärker individualisiertes System handeln.
Warum werden solche Modelle heute nicht längst umgesetzt?
Nachdem sich das geltende System über viele Jahrzehnte entwickelt und verfeinert hat, lässt es sich wohl nicht mehr fundamental umbauen. Ich sehe niemanden, der eine solche Reform in einer Volksabstimmung durchsetzen könnte. Das Scheitern der meisten AHV- und Renten-Reformvorlagen in jüngster Zeit spricht da eine deutliche Sprache. Man muss sich bei Reformen folglich in den bestehenden Parametern bewegen und diese möglichst gut an die neuen Verhältnisse anpassen.
Welche realistischen Schritte könnten denn eine grosse Wirkung entfalten?
Ich würde als erste Massnahme ein gesetzliches Verbot der Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz einführen. Arbeitgeber dürften dann nicht mehr allein wegen einer arbiträren Altersschwelle entlassen, sondern müssten mit den Mitarbeitenden berufliche Perspektiven besprechen und individuelle Lösungen suchen. Kündigungen wären zu begründen. Niemand könnte mehr sagen: Du musst gehen, weil du 65 bist. Ist man denn mit 65 nicht mehr fähig, als Jurist, Webdesigner, Bauführer oder Umweltberater zu arbeiten?
Denken Sie, es genügt, wenn die rechtlichen Hürden fallen – oder braucht es weitere Voraussetzungen, damit eine Erwerbstätigkeit über 65 tatsächlich zur Norm werden kann?
Nein, es sollte mehr getan werden. In einem zweiten Schritt müsste der Staat die gesetzlichen Voraussetzungen dafür schaffen, um eine Beschäftigung über 65, 70 oder 75 hinaus finanziell und steuerlich attraktiver zu machen. Die Unternehmen schliesslich müssten etwas Phantasie entwickeln, wie sie die Arbeitsmodelle für ältere Arbeitnehmer individueller und flexibler ausgestalten könnten. Das kann nicht so schwierig sein – und damit wäre viel erreicht, nicht nur für die älteren Arbeitnehmer, sondern für die ganze Gesellschaft, die letztlich davon profitiert, wenn ältere Menschen länger selbstbestimmt arbeiten können.