Studien
Von Dr. Martin Mosler 30. Oktober 2023

Ruhigere Wasser im Inflationssturm.

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Weltweite Inflationserwartungen fallen

Obwohl die Inflationserwartungen weltweit weiterhin deutlich über dem Inflationsziel der meisten Zentralbanken liegen, zeigt sich ein leichter Rückgang der erwarteten Inflationsrate für 2023 im Vergleich zu den vergangenen Quartalen. Das ist das Ergebnis der aktuellen Welle des vierteljährlichen Economic Expert Surveys (EES) des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern und des ifo Instituts in München, an dem von Ende September bis Mitte Oktober 2023 insgesamt 1'541 Wirtschaftsexperten aus 128 Ländern teilnahmen.

Für 2023 liegt die erwartete Inflationsrate im weltweiten Mittel bei 6.2 Prozent. Die im aktuellen Quartal erwartete durchschnittliche Rate ist damit niedriger als die erwartete Rate von noch 7 Prozent im zweiten Quartal 2023. Die kurzfristigen Inflationserwartungen fallen demnach, bewegen sich aber weltweit weiterhin auf hohem Niveau.

Anmerkung: Die Abbildung zeigt die erwarteten Inflationsraten im weltweiten Mittel für die Jahre 2023 (6.2 Prozent), 2024 (5.2 Prozent) und 2026 (4.5 Prozent). Dargestellt ist der Median der Durchschnitte auf Länderebene. Der Median wird verwendet, weil sich die erwarteten Inflationsraten regional teils stark unterscheiden und aufgrund individueller Länder und Regionen ggf. zu ungewollten Verzerrungen führen könnten.

Auch für die kommenden Jahre rechnen Experten weltweit mit hohen Inflationsraten. Mit einer durchschnittlichen erwarteten Inflationsrate von 5.2 Prozent wird für das Jahr 2024 im Mittel ein Rückgang gegenüber 2023 erwartet. In der langen Frist bis 2026 bleiben die Inflationserwartungen mit 4.5 Prozent jedoch weiter hoch.

Anmerkung: Die Abbildung zeigt die erwarteten Inflationsraten im weltweiten Mittel für die Jahre 2023 und 2026 im Zeitverlauf der EES-Umfragewellen. Dargestellt ist jeweils der Median der Durchschnitte auf Länderebene.

Bei den befragten Experten gibt es zudem eine Trendumkehr. In den letzten Umfragen hatten sich ihre jeweiligen Erwartungen von Welle zu Welle kaum geändert. Nun sind die Preissteigerungen, die man in der Zukunft erwartet, erstmals wieder zurückgegangen. Die Wirtschaftsexperten erwarten inzwischen eine leichte Entspannung der Inflation. Man muss jedoch dazu sagen: Eine Entspannung bedeutet noch keine Entwarnung, die weltweite Inflation bleibt trotzdem hoch und deutlich über dem Schnitt des letzten Jahrzehnts.

Die Preissteigerungen unterscheiden sich in den Weltregionen dennoch weiterhin deutlich. Für 2023 erwarten die Experten in Nordamerika mit 4.1 Prozent die niedrigsten Inflationsraten in den untersuchten Weltregionen, auch in Mittelamerika fallen die Inflationserwartungen ähnlich aus. Im Gegensatz dazu rechnen die Experten in Regionen wie Nordafrika mit gut 55 Prozent oder Ostafrika mit etwa 36 Prozent kurzfristig mit weit überdurchschnittlichen Inflationsraten.

Anmerkung: Die Abbildung zeigt das arithmetische Mittel der erwarteten Inflationsraten in den Weltregionen für das Jahr 2023.

Für 2026 gehen die Experten in Westeuropa mit 2.4 Prozent, Nordamerika mit 2.7 Prozent sowie Nordeuropa mit 3.1 Prozent davon aus, dass die Inflationsraten fast wieder die von Zentralbanken angestrebte Inflationsrate von 2 Prozent erreichen.

Anmerkung: Die Abbildung zeigt das arithmetische Mittel der erwarteten Inflationsraten in den Weltregionen für die Jahre 2023, 2024 und 2026 für die aktuelle Umfragewelle im dritten Quartal 2023 des EES sowie in Klammern die Veränderung zur vorherigen Welle des EES im zweiten Quartal 2023.

Speziell für Europa befinden sich die Erwartungen im weltweiten Vergleich zwar auf einem eher niedrigen Niveau, was jedoch kein Grund zur Beruhigung ist. Gerade Nord- und Südeuropa leiden weiterhin stark unter den Preissteigerungen. Als Vergleich: In den beiden europäischen Regionen werden stärkere Inflationsschocks erwartet als etwa im südlichen Afrika oder Südostasien, d.h. in Entwicklungsländern. Das östliche Europa ist zudem weiterhin von den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine geprägt, das von Russland angegriffen wurde. Für alle Regionen Europas zeigt sich jedoch ein fallender Trend in den erwarteten Preissteigerungen in der kurzen, mittleren und langen Frist.

Für die Schweiz liegt die durchschnittliche Inflation für 2023 laut den Experten bei 2.6 Prozent. Das liegt über dem Zielwert für Preisstabilität der Schweizer Nationalbank (SNB). Auch im kommenden Jahr soll die Zielmarke nochmals gerissen werden: Für 2024 werden Preissteigerungen von 2.5 Prozent hierzulande erwartet. Erst in der langen Frist bis 2026 soll mit 1.8 Prozent ein Normalmass an Inflation erreicht werden.

Anmerkung: Die Abbildung zeigt das arithmetische Mittel der erwarteten Inflationsraten in den Ländern Europas für das Jahr 2023.

Krieg und Inflation

Zwei jüngere Untersuchungen haben sich mit den Inflationsauswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine beschäftigt. In einem Forschungsbeitrag der US-Zentralbank arbeiten Caldara et al. (2022) heraus, dass die verstärkten geopolitischen Risiken im Zuge des Russland-Ukraine-Konflikts zu einer Erhöhung der Rohstoff- und Ölpreise geführt haben, was die globale Inflation deutlich verstärkt hat. So schätzen Liadze et al. (2023), dass der Angriffskrieg im Jahr 2022 gut 2 Prozentpunkte und im laufenden Jahr 2023 etwa einen Prozentpunkt zur globalen Inflation beigetragen hat bzw. beitragen wird. Auch Maurya et al. (2023) finden empirische Evidenz, dass der Angriff auf die Ukraine eine globale Inflationswelle ausgelöst hat. Die Intensität der Preissteigerungen hängt dabei positiv von der geografischen Nähe zum Krieg und der bisherigen Handelsaktivität mit den Konfliktparteien ab.

Nach den terroristischen Attacken der Hamas gegen israelische Zivilisten und der laufenden militärischen Antwort Israels im Gaza-Streifen besteht zudem eine erhöhte Gefahr, dass der Konflikt eine grössere Dimension in Nahost erreicht. Während sich die Inflationsauswirkungen des Krieges in Osteuropa in den EES-Umfrageergebnissen bereits erkennen lassen, hat sich der Umfragezeitraum im dritten Quartal nur in den letzten Tagen mit der beginnenden Auseinandersetzung in Israel überschnitten. Die Effekte des militärischen Konflikts auf die Inflationserwartungen sind noch nicht absehbar.

Fazit

Global wird für das Jahr 2023 eine Inflation von 6.2 Prozent erwartet. Die Preissteigerungen sollen mittelfristig 5.2 Prozent für 2024 und langfristig 4.5 Prozent für 2026 betragen. Die weltweiten Inflationserwartungen gehen gegenüber der vorherigen Befragungswelle im zweiten Quartal 2023 damit zwar zurück, bleiben jedoch weiterhin auf einem hohen Niveau.

Quellen

Caldara, D., Conlisk, S., Iacoviello, M., und Penn, M. (2022). The effect of the war in Ukraine on global activity and inflation. https://www.federalreserve.gov/econres/notes/feds-notes/the-effect-of-the-war-in-ukraine-on-global-activity-and-inflation-20220527.html [letzter Zugriff am 27. Oktober 2023]. Liadze, I., Macchiarelli, C., Mortimer-Lee, P., und Sanchez Juanino, P. (2023). Economic costs of the Russia-Ukraine war. The World Economy, 46(4):874–886. Maurya, P. K., Bansal, R., und Mishra, A. K. (2023). Russia–Ukraine conflict and its impact on global inflation: an event study-based approach. Journal of Economic Studies, online first.