In den vergangenen 15 Jahren hat die Vermögensungleichheit in der Schweiz zugenommen, während die Einkommensverteilung stabil geblieben ist. Dies erscheint auf den ersten Blick als widersprüchlich, da sich Vermögen üblicherweise aus dem gesparten Anteil des Einkommens bildet. Vor diesem Hintergrund sind Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger, Dr. Melanie Häner und Nina Kalbermatter vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern der Dynamik der Vermögensungleichheit in einem Beitrag für die Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» nachgegangen.
Im Kern ihrer Untersuchung stehen zwei zentrale Fragen: Erstens, welche Faktoren treiben die zunehmende Konzentration des Vermögens an – trotz einer gleichbleibenden Verteilung der Einkommen? Zweitens, inwiefern ist die Einkommensverteilung ein adäquater Massstab, um wirtschaftliche Ungleichheiten zu erfassen? Auf der Suche nach Antworten sind die Autoren allen möglichen Ursachen für die Zunahme der Vermögensungleichheit nachgegangen. Dazu zählen Veränderungen im Erbschaftswesen, der Zustrom von Vermögen aus dem Ausland sowie Entwicklungen an den Kapitalmärkten.
Der Blick auf die Daten zeigt: Der Anstieg der Vermögensungleichheit der vergangenen Jahre ist primär auf Kapitalgewinne im Niedrigzinsumfeld zurückzuführen. Die Wohlhabenden sind also vor allem auf dem Papier reicher geworden. Im Fachjargon spricht man von einer «Vermögensinflation»: Immobilien und Finanzanlagen haben im Niedrigzinsumfeld an Wert gewonnen, ohne dass dies mit höheren Kapitaleinkommen einherging.
Was sagt uns das im Allgemeinen? Wie leistungsfähig eine Person in unserer Gesellschaft ist, lässt sich durch eine reine Betrachtung der Vermögensbestände kaum ermitteln. Deshalb hat sich auch in der Steuerlehre das Einkommen als Indikator zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit eines Individuums durchgesetzt. Die Einkommensungleichheit ist ein angemessener Indikator der wirtschaftlichen Ungleichheit. Die Vermögenskonzentration sollte hingegen primär als Ergänzung zur üblichen Einkommensbetrachtung beigezogen werden.