Früher berieten die Weisen die Regierung, heute wollten sie auch die Ziele der Politik bestimmen, sagt der Historiker Prof. Dr. Oliver Zimmer im Videocast. Eine Epistokratie ist die Herrschaft einer gebildeten Elite. Diese erlesene Gruppe behaupte, dass sie aufgrund ihres Fachwissens bessere Entscheidungen treffen könne als die normalen Bürger. Dies war solange nicht problematisch, wie wissenschaftliche Epistokraten sich rein auf die Beratung von Regierungen spezialisierten. Sie boten ihr Fachwissen an, und die Politiker profitierten bei der Ausarbeitung ihrer jeweiligen Reformen. In jüngster Zeit sei allerdings ein Wandel eingetreten, sagt Zimmer. Heute wollten moralische Epistokraten auch die Ziele der Politik bestimmen. Dafür dominierten sie die öffentliche Debatte und teilten die Welt in Gut und Böse ein.
Aus der Wissenschaft könne aber nicht gefolgert werden, welche Ziele richtig und welche moralisch falsch seien. So stünden sich beispielsweise in der Migrationsdebatte zwei verfeindete Lager gegenüber. Die uneingeschränkten Migrationsbefürworter auf der einen Seite, die sagten, Grenzen seien an sich schlecht und Offenheit ein Gebot der Menschlichkeit, und prinzipielle Migrationsgegner auf der anderen Seite, für die Grenzen und Geschlossenheit an sich gut seien. Ein Wissenschafter könne letztlich nicht moralisch über diesen Sachverhalt werten, sondern nur das bessere Argument für eine der Seiten ins Feld führen, sagt Zimmer.
Oliver Zimmer hat im März 2024 zu diesem Thema das Buch «Prediger der Wahrheit: Von der Reformation zur modernen Elitenherrschaft» im Claudius Verlag veröffentlicht.
Dieses Video stellt den ersten Teil von Oliver Zimmers Ideen zur Epistokratie dar. Das zweite Video wird in zwei Wochen veröffentlicht.