Unseren Bereichsleiter Martin Mosler erreichte kürzlich eine besondere Anfrage der New York Times. Es wurde besorgt gefragt, wie es dem Schweizer Käse gehe – immerhin wurde hierzulande im letzten Jahr erstmals mehr Käse importiert als exportiert. Drei seiner Forschungsthemen konnte Dr. Mosler auf diese doch sehr spezielle Fragestellung anwenden: Handel, Inflation und Subventionen. Das ist IWP: eigenständig forschen, angewandt umsetzen, verständlich erklären.
Die grosse Käsedynamik in der Schweiz begann spätestens mit den Bilateralen Abkommen I mit der Europäischen Union, die eine weitestgehende Liberalisierung beim Käsehandel bewirkten. Dieser Zollabbau führte dazu, dass sich die Schweiz auf das spezialisieren konnte, was sie am besten kann: hochwertigen und hochpreisigen Käse. So exportiert die Schweiz heute tendenziell teuren Hartkäse zu gut 10 CHF pro Kilogramm, und importiert eher billigen Frischkäse zu gut 7 CHF pro Kilogramm. Zur Einordnung: Die Schweizer Käseimporte haben sich seit 2003 nach Gewicht gut verdoppelt, nach Wert sind sie im gleichen Zeitraum aber nur um etwas mehr als die Hälfte gestiegen.
Durch die Importe im Tiefpreissegment können Detailhändler vermehrt preisbewusste Kunden mit geringen Einkommen bedienen – die Konsumentenseite gewinnt durch den verstärkten Handel. Das Handelsdefizit deutet aber nicht gleichzeitig auf eine Schwäche der Schweizer Produzenten hin. Die Käseexporte steigen seit Jahren deutlich an, erst 2021 wurde ein neues Rekordjahr beim grenzüberschreitenden Verkauf von Gruyère und Co. erreicht. Ein Teil der Käseimporte wird hierzulande zudem veredelt und wieder re-exportiert. Die Handelszahlen spiegeln somit zunächst nur eine hohe Dynamik auf dem Käsemarkt wider.
Einen Dämpfer erhielt der Schweizer Käsemarkt im vergangenen Jahr dennoch aufgrund der hohen Inflation im Ausland. Gerade deutsche Kunden, und damit der mit Abstand wichtigste Exportmarkt, hielten in 2022 aufgrund der hohen Preissteigerungen ihr Geld zusammen. Generell reagieren Konsumenten beim Käse besonders preissensibel: Wenn das Geld knapper wird, sieht so mancher Käufer den Schweizer Käse als ersetzbares Luxusgut an. Diese heikle Phase der Inflation traf auf gleichzeitige Preiserhöhungen bei Schweizer Käseproduzenten: Exporte von Appenzeller bis Emmentaler verteuerten sich zeitweise um 1 CHF pro Kilogramm. Diese toxische Mischung führte zu einem leichten Rückgang beim grenzüberschreitenden Verkauf.
Die Schweizer Käseproduzenten können sich unabhängig von allen wirtschaftlichen (Miss-)Erfolgen über eines immer freuen: die massive Unterstützung aller Steuerzahler. Egal ob man gerne Käse isst oder nicht, der Schweizer Bund überweist in unserer aller Namen jährlich 432 Mio. CHF an Zulagen alleine für die Vieh- und Milchwirtschaft. Diese Zahlen werden ergänzt durch 2'881 Mio. CHF an Direktzahlungen an die Landwirtschaft, die teils den Käseproduzenten zugute kommen, subventionierte Marketingorganisationen mit dutzenden Millionen CHF an Staatsgeldern und Hilfszahlungen durch Kantone. Schweizer Käse kostete einiges – transparent an der Einkaufskasse, aber auch weniger transparent durch Abermillionen an steuerfinanzierten Überweisungen. Der Käseexport ist zumindest teilweise teuer erkauft. Dabei würden viele Käseproduzenten dank ihrer Qualität und Effizienz sicherlich auch ohne Staatsgelder auskommen.
Was also ist das Fazit? Der Schweizer Käsemarkt ist weiterhin robust. Und: Nackte Handelsstatistiken sagen ohne ökonomische Interpretation wenig aus. Handelsdefizite sind per se kein Grund zur Panik. Donald Trump hatte diesen Grundsatz in den vier Jahren seiner US-Präsidentschaft nie verstanden. Sie als Leser dieses kurzen Beitrags sind in dieser Angelegenheit deutlich weiter.