Die Preisträger des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises wurden bekanntgegeben: Es handelt sich um Ben Bernanke, Douglas W. Diamond und Philip Dybvig. Die drei amerikanischen Ökonomen wurden für ihre Forschung zur Rolle der Banken in Finanzkrisen ausgezeichnet. Wir haben mit dem Luzerner Ökonomen Manuel Oechslin über ihren Beitrag für die Wirtschaftswissenschaften und die gesellschaftliche Relevanz ihrer Ergebnisse gesprochen.
Dr. Thomas Studer: Die Entscheidung der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, den diesjährigen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an die US-Forscher Ben Bernanke, Douglas Diamond und Philip Dybvig zu vergeben, wird von einigen Beobachtern als Überraschung gewertet. Warst Du auch überrascht – Ben Bernanke galt doch schon seit Jahren als herausragender Wissenschaftler?
Professor Dr. Manuel Oechslin: Ich habe mir im Vorfeld keine grossen Gedanken darüber gemacht, wer den Preis dieses Jahr wohl gewinnen würde. Daher konnte ich auch nicht wirklich überrascht sein. Selbstverständlich habe ich aber am Tag der Bekanntgabe kurz vor 12 Uhr die Nobel-Webpage aufgerufen – und war sehr zufrieden mit dem, was ich gesehen habe. Die Vergabe des Preises an Bernanke, Diamond und Dybvig zum jetzigen Zeitpunkt kann vielleicht auch vor dem Hintergrund des aufziehenden ökonomischen Sturms gesehen werden.
Die drei Ökonomen wurden für ihre Forschung über die Rolle von Banken in Finanzkrisen ausgezeichnet. Was war Ihr Beitrag für die Wirtschaftswissenschaften? Wie kann man die gesellschaftliche Relevanz ihrer Leistung kurz zusammenfassen?
Du sagst es: Die nun ausgezeichnete Forschung aus den frühen 1980er Jahren rückte etwas ins Zentrum, was bis zu diesem Zeitpunkt ein eher stiefmütterliches Dasein in makroökonomischen Modellen gefristet hatte: das Bankensystem. Mit der Herausarbeitung der zentralen Bedeutung des Bankensystems für jedwede Ökonomie war dann der fundamentale Folgegedanke sehr naheliegend: Sollte das Bankensystem einmal nur noch sehr eingeschränkt funktionieren, kann dies eine Ökonomie in den Abgrund reissen. Die theoretische Forschung von Diamond and Dybvig zu Bank-Runs hat unser Verständnis dafür geschärft, wie einzelne Banken oder gar das ganze System überhaupt in eine Krise schlittern können. Bernanke dokumentierte anhand der Great Depression, der tiefen Wirtschaftskrise in den USA der frühen 1930er Jahre, dass das damals schlingernde US-Bankensystem tatsächlich ein wichtiger Treiber der Depression war.
«Die gesellschaftliche Relevanz liegt unter anderem darin, dass Zentralbanken und Politik heute besser verstehen, wie sie in beginnenden Finanzkrisen gegensteuern sollten.»
Was genau sind Bernankes Erkenntnisse bezüglich der Great Depression? Wo lagen die Ursachen dieser epochalen Krise?
Lass mich an dieser Stelle wieder auf das oben verwendete Bild, «etwas ins Zentrum rücken», zurückkommen. Bis zu Bernankes Forschungsergebnissen aus den frühen 1980er Jahren wurde die Krise des US-Bankensystems der Jahre 1930 bis 1933 eher als Folge, als «Nebenschauplatz», der schweren Wirtschaftskrise gedeutet. Bernanke dokumentierte dann aber, dass der desolate Zustand des US-Bankensystems ein zentraler Faktor war, der die ursprüngliche Krise deutlich vertiefte und verlängerte. Der Zusammenbruch vieler Banken führte dazu, dass insbesondere die Kreditvergabe an kleinere Firmen und Haushalte massiv eingeschränkt war – mit negativen Folgen für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Bernanke klärte auch, warum nicht einfach neue Banken den Platz der gefallenen einnehmen und den schädlichen «credit crunch» beenden konnten. Bernanke hat sich also nicht so sehr mit den Auslösern der Depression befasst, sondern eher mit den Gründen für deren Tiefe und Länge.
Waren die Erkenntnisse der ausgezeichneten Forscher für die jüngste Finanzkrise von 2008 von Bedeutung und hat die Politik etwas daraus gelernt?
Die Erkenntnisse der drei Forscher scheinen die Politik in mehreren Dimensionen beeinflusst zu haben. Die Administration von Präsident Roosevelt hatte zwar schon 1933 intuitiv verstanden, dass eine Einlagensicherung helfen könnte, das US-Bankensystem zu stabilisieren. Diamond and Dybvig lieferten dann rund 50 Jahre später die theoretischen Grundlagen nach. Das hat vermutlich geholfen, dass heute viele Länder die Einlagensicherung kennen. Als Bernanke 2008 in seiner Rolle als Chef der US-Notenbank Fed mit Rettungsprogrammen beherzt gegen die aufkommende Panik im Bankensystem vorging, tat er dies sicherlich im Lichte seiner eigenen Forschungsergebnisse. Es ist nicht unplausibel, dass mit diesem beherzten Vorgehen eine tiefere Krise abgewendet werden konnte. Auch die nach der Finanzkrise verschärften Anforderungen an die Kapitalpuffer der Banken sind sicherlich konsistent mit den Erkenntnissen der drei ausgezeichneten Forscher.
Du hast eben die unter Bernankes Führung aufgelegten Rettungsprogramme für die Banken erwähnt. Diese verhinderten mutmasslich eine Implosion des Finanz- und Währungssystems. Sie wendeten jedoch Milliarden an Steuergeldern auf. Gelegentlich ist daher auch Kritik zu hören: Die gigantischen Bankenrettungsaktionen hätten ein grosses moralisches Risiko – also negative Anreize für ein solides Geschäftsgebaren - und damit ein neues Problem geschaffen: Firmen, die als «Too big to fail» gelten, können auf staatliche Rettung hoffen und gehen daher übermässige Risiken ein. Was sagst Du zu dieser Kritik? Hebeln die Folgerungen aus Bernankes Forschung die Grundsätze einer Marktwirtschaft aus, indem das Haftungsprinzip verletzt wird?
Du verweist auf einen wichtigen Punkt. Natürlich waren die Rettungsprogramme nicht unproblematisch, genau aus dem von dir geschilderten Grund. Allerdings kann man argumentieren, dass es ohne diese Programme ähnlich wie in den 1930er Jahren zu einer massiven Destabilisierung des Bankensystems gekommen wäre. Wie hätte die Alternative ausgeschaut? Oder frei nach Churchill: Die Rettungsprogramme waren die schlechtmöglichste Massnahme – mit Ausnahme aller verfügbaren Alternativen. Wegen des Problems der übermässigen Risiken sind dann eben nach 2008 auch die Kapitalanforderungen gestiegen.
Eine andere Kritik sagt, die Fed sei mit der von Bernanke verfolgten Politik in die fiskalische Dominanz geraten: Um Staat und Finanzmärkte zu stützen, hätte sie den Leitzins zu lange bei null Prozent gehalten. Damit seien gigantische Blasen an den Finanzmärkten entstanden. Ist das eine unfaire Kritik oder muss man das selbstkritisch im Nachhinein konstatieren?
Eine Kritik, die sich Zentralbanken wie etwa das Fed oder die EZB heute sicher gefallen lassen müssen, ist, dass sie die aufkommende Inflation zu lange für ein rasch vorüberziehendes Phänomen gehalten haben. Die Abkehr von der Nullzinspolitik kam deshalb zu spät. Als Folge fallen nun weltweit die Leitzinserhöhungen umso drastischer aus. Und hier wären wir wieder beim aufziehenden ökonomischen Sturm, den ich in der Antwort zu deiner ersten Frage erwähnt habe.