Interviews
Von Dr. Thomas M. Studer 20. März 2023

«Krippensubventionen bringen nicht viel», sagt Margit Osterloh.

Photo of a modern mom having an easy walk and shopping with her baby in the strollers, outdoors in the city

Liebe Frau Osterloh, die Schweiz hat kaum Polymechanikerinnen oder Informatikerinnen – warum?

Am wichtigsten sind nach wie vor die starken Geschlechterrollen, was männliche und weibliche Berufe anbetrifft. Männer sind MINT-lastig, Frauen engagieren sich eher in sozialen Berufen. Je stärker solche Vorstellungen verankert sind, desto höher sind die Kosten für jene, die davon abweichen, auch mit Blick auf Paarbeziehungen. Frauen ziehen Männer vor, die männlichen Rollenmodellen folgen, und Männer mögen eher Frauen, die weiblichen Modellen folgen. Zudem sind gerade leistungsfähige Frauen in Männerdomänen wettbewerbsavers gegenüber Männern. Wenn sie besser sind als die Männer, machen sie sich unbeliebt – also versuchen sie es erst gar nicht.

Klar – nun kommt die IWP-Frage: Welche Evidenz hierfür haben Sie in petto?

Die Soziologin Katja Rost und ich haben kürzlich eine Befragung von Akademikern und Akademikerinnen an der Universität Zürich durchgeführt. Wir haben zum einen gezeigt, dass der Frauenanteil mit jeder zusätzlichen Qualifikationsstufe abnimmt. Zum andern haben wir bei der jüngeren Generation im Alter von 20 bis 35 sowas von klassische Geschlechterrollen festgestellt, das hat uns schlichtweg umgehauen. Die Frauen wollen Kinder, wollen Teilzeit arbeiten, wollen Männer, die älter sind und die mehr verdienen als sie. Die Männer wollen Frauen, die jünger und weniger ehrgeizig im Beruf sind als sie und die Teilzeit arbeiten, wenn Kinder da sind.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Wohlstand und Geschlechterrollen?

Diese Frage lässt sich ganz klar mit Ja beantworten. Wir nennen dies das sogenannte «gender equality paradox». Wir wissen mittlerweile aus zahlreichen empirischen Befunden: Je wohlhabender ein Land ist, desto stärker gehen die Geschmäcker der Geschlechter wieder auseinander. In wohlhabenden Ländern ergreifen Frauen im Schnitt viel eher typisch weibliche Berufe. Dieser Zusammenhang ist empirisch nachweisbar.

Es gibt die gesellschaftliche Entwicklung zu mehr Teilzeitarbeit, gerade unter akademischen Frauen. Sehen Sie darin ein volkswirtschaftliches und/oder gesellschaftliches Problem?

Ja, beides. Die fiskalische Bildungsrendite von akademischen Teilzeitarbeitern – Frauen wie Männer – ist negativ, wie der Bildungsökonom Stefan C. Wolter von der Universität Bern regelmässig feststellt. Der Steuerzahler zahlt für die Ausbildung der Akademiker, und die ist sehr teuer. Arbeiten die Akademiker dann Teilzeit unter 70-80%, bekommt der Steuerzahler nicht zurück, was er investiert hat. Anders sieht es aus, wenn sich Berufsleute weiterbilden, hier ist die Bildungsrendite positiv. Das bedeutet konkret: Die Kassiererin in der Migros muss nicht nur die Kosten für ihre höhere Berufsbildung selber tragen, sie finanziert auch die Ausbildung der Akademiker mit. Zuletzt hat auch bei Männern die Teilzeitarbeit zugenommen. Das wird für die Gesellschaft zum Problem.

Um die Erwerbsbeteiligung der Mütter zu erhöhen, stimmte der Nationalrat diese Woche einem Finanzpaket von 700 Millionen Franken für Krippen zu. Was sagen Sie als Ökonomin zu dieser Massnahme?

Das wird sich wohl nicht auszahlen. Dazu hat der Arbeitsmarktökonom Josef Zweimüller von der Universität Zürich ausgiebig geforscht. Er hat für die Schweiz und Österreich gezeigt, dass Krippensubventionen nicht viel bringen. Es hängt am Wesentlichen von den Geschlechternormen ab, die die Leute haben. Es wird zwar viel Geld ausgegeben, jedoch wird sich an den Teilzeitpensen der Mütter nicht viel ändern.

Was wären aus ökonomischer Perspektive geeignete Anreize, Frauen zu ermuntern, ihre Pensen zu erhöhen?

Es gibt zwei Massnahmen, die beide unpopulär und politisch kaum durchsetzbar sind. Eine Möglichkeit wäre, die Kinderkrippensubventionierung vom Beschäftigungsgrad der Frauen abhängig zu machen. Arbeitet eine Mutter zum Beispiel weniger als 50%, bekommt sie keinen Krippenzuschuss. Die andere Möglichkeit ist die nachgelagerte Studienfinanzierung. Die Studiengebühren bleiben tief. Zur Kasse werden nur jene gebeten, die zwanzig Jahre nach dem Studienabschluss ihre Studienkosten über ihre Steuerzahlung nicht wieder in den Steuertopf zurückgezahlt haben. Vollzeitarbeitende Akademiker wären davon nicht betroffen, für viele würde sogar eine Teilzeitstelle von 80% genügen.

Gibt es auch noch andere Wege als über das Portemonnaie?

Man kann natürlich auch Massnahmen ergreifen, die zu besserer Information führen. Schwangere Frauen sollten im Rahmen der Geburtsvorbereitung auch über die Einbussen an ihrem Lebenseinkommen informiert werden, wenn sie nach der Geburt Teilzeit arbeiten. Lohneinbussen, Aufstiegseinbussen und Renteneinbussen summieren sich bei einer hohen Teilzeitbeschäftigung nämlich leicht auf mehrere Millionen Franken. Dann müsste man auch über dieses Bundesgerichtsurteil von 2021 informieren. Mütter haben nach einer Scheidung nicht mehr automatisch Anspruch auf persönlichen Unterhalt. Dieses Urteil sollte an sich eigentlich eingeschlagen haben wie eine Bombe, aber die Frauen haben immer noch nicht realisiert, dass sie in einem solchen Fall zwar die Kinder versorgt haben, aber keinen gescheiten Job haben und keine Karriereaussichten. Derweilen ist der Mann ist mit einer Jüngeren abgehauen. Toll, nicht?

Zur Person

Prof. Dr. Dr. h.c. Margit Osterloh ist permanente Gastprofessorin an der Universität Basel und emeritierte Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Ausserdem ist sie Forschungsdirektorin bei CREMA (Center for Research in Economics, Management and the Arts) in Zürich.    
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