Was sind die wichtigsten Gründe für die steigenden Kosten im Gesundheitsbereich?
Da wäre einerseits die zunehmende Alterung der Gesellschaft, verbunden mit mehr chronischen Krankheiten und einer längeren Lebenszeit mit stärkeren medizinischen Bedürfnissen. Und andererseits der medizinische Fortschritt, welcher es erlaubt, deutlich mehr Krankheiten als früher zu heilen oder zumindest zu verzögern, oft aber zu hohen Kosten. Hinzu kommen die Anreize. Es gibt Anreize für Ärzte, mehr und teurere Prozeduren zu verschreiben. Und es gibt auf Seite der Patienten, gerne viele Leistungen zu beziehen, schliesslich bezahlt es ja die Krankenversicherung.
Wie können wir der Kostenspirale entkommen, ohne die Gesundheitsversorgung zu schwächen?
Wenn das so einfach wäre, würden wir dieses Gespräch heute nicht führen! Allgemein gesagt geht es darum, für alle Akteure im System die richtigen Anreize zu setzen. Leistungserbringer sollen nicht davon profitieren, wenn sie mehr Leistungen verschreiben als nötig sind. Trotzdem sollen sie angemessen entschädigt werden, sonst haben wir in absehbarer Zukunft eine Situation mit langen Wartezeiten im Gesundheitswesen – etwa so wie im NHS in England.
Auf Patientenseite gilt das Gleiche. Es sollten keine überflüssigen Leistungen bezogen werden. Einige Massnahmen zu diesem Zweck gibt es bereits. Dazu gehören beispielsweise die Franchise, die 10%-Kostenbeteiligung oder auch Managed-Care-Modelle in der Krankenversicherung.
Weiter sollte es auch Lösungen in der Pharma-Branche geben, welche Innovationen zwar weiterhin attraktiv machen, aber hohe Gewinnabschöpfungen über viele Jahre vermeiden. Dabei könnte es schon helfen, dass nur noch Generika von der Krankenversicherung rückerstattet werden.
Und schliesslich wäre die optimale Lösung, wenn wir gar nicht mehr so oft krank würden! Prävention und Bildung im Bereich Gesundheitsverhalten sind langfristig wirksame Ansätze, die noch zu wenig eingesetzt werden.
Was wäre eine denkbar einfache, aber wirkungsvolle Massnahme (Pascal Couchepin lancierte einst die Idee einer Praxisgebühr von CHF 30 pro Arztbesuch)?
Pauschalen für Arztbesuche gibt es in einigen Ländern, etwa in Skandinavien. Und ja, sie können wirken.
Eine andere Möglichkeit wäre, unseren Krankenversicherungen etwas mehr Freiraum und Anreize zur Kostensenkung zu geben. Gezielte Informationskampagnen anhand von Kundendaten (beispielsweise zum Gebrauch von Generika) können sehr wirkungsvoll sein. Im Moment sind diese jedoch nicht erlaubt. Solche kostengünstigen Massnahmen sollten gefördert und nicht unterbunden werden – wieso nicht sogar mit einem Bonus für die innovativste Massnahme einer Krankenversicherung?
Das IWP plädiert für messbare Qualitätsvergleiche; eine verstärkte Koordination der Akteure, um Doppelspurigkeit zu vermeiden sowie eine Stärkung des föderalen Wettbewerbs. Was sind geeignete Anreize, um das Kostenbewusstsein und die Eigenverantwortung der Versicherten zu fördern?
Traditionell fokussieren wir stark auf finanzielle Anreize. Für die Versicherten ist das die Franchise, oder es könnte, wie oben vorgeschlagen, eine Praxisgebühr sein. Für Leistungserbringer könnte es eine weniger volumenabhängige Entlohnung sein, zum Beispiel mit einem ausgehandelten Fixsalär sowie einem Bonus für Effizienzgewinne oder Kosteneinsparungen.
Daneben sollten wir aber nicht vernachlässigen, dass auch Information einen grossen Einfluss haben kann. Je besser die Patienten informiert sind, desto eher können sie einschätzen, ob sie zu teure oder überflüssige Leistungen beziehen.
Was machen andere Länder besser als die Schweiz? Die Gesundheitsausgaben von Singapur machen nur gerade 4.5 % des BIP aus, während die Schweiz mit etwa 11.5 % dasteht – und dies bei gleicher Lebenserwartung.
Singapur hat ein spannendes Gesundheitssystem, das aber in seinen zugrundeliegenden Werten stark vom Schweizer System abweicht. Grundlage des Systems ist ein persönliches Gesundheitskonto, in welches alle Arbeitstätigen einen Teil ihres Lohnes einzahlen. Aus diesem Konto können sie dann ihre Gesundheitskosten – und die ihrer Familien – decken. Überschüssige Beiträge fliessen in das persönliche Rentenguthaben und können nach dem Tod vererbt werden. Somit versichert sich quasi jede Person selbst, indem sie in jungen Jahren spart und das Gesundheitskonto dann im Alter wieder leert. Ergänzt wird dieses System durch einen Fonds für teure Spitalaufenthalte und für armutsbetroffene Bürger.
Das System in Singapur gibt definitiv Anreize zum Sparen. Allerdings ist es deutlich weniger sozial als unser Schweizer System. Ärmere Personen – welche im Durchschnitt von mehr Gesundheitsproblemen betroffen sind – haben weniger finanzielle Mittel zur Verfügung, um ihre Gesundheitskosten zu decken. Meiner Meinung nach eine unglückliche Konstellation.
Und noch ein Wort der Vorsicht: Singapurs Bevölkerung ist im Durchschnitt 35.6 Jahre alt, verglichen mit 42.7 Jahren in der Schweiz. Der demographische Wandel wird auch das Gesundheitssystem in Singapur auf die Probe stellen.
Können Mehrkosten überhaupt vermieden werden, wenn die medizinischen Leistungen immer besser werden? Oder wirkt der medizinische Fortschritt dem Kostenanstieg gar entgegen?
Eine schwierige Frage. Der medizinische Fortschritt ist sehr heterogen. Einerseits werden effiziente und kostengünstige Medikamente entwickelt, wie beispielsweise Impfungen, die potentiell gegen Krebs wirken können. Andererseits wird der medizinische Fortschritt immer individualisierter, und wir haben alle bereits von Therapien gehört, die für eine einzelne Person mehrere Millionen Franken kosten können. Wir werden als Gesellschaft die Diskussion führen müssen, welche dieser Leistungen wir fördern und auch finanzieren möchten.
Eine häufig gehörte Forderung ist der Übergang von den Kopfprämien zu den einkommensabhängigen Krankenkassenprämien. Geht es hier nur um Umverteilung oder würde dies den Kostenanstieg tatsächlich bremsen?
Ich sehe a priori keinen überzeugenden Grund, wieso dies den Kostenanstieg bremsen würde. Bereits die heutigen Kopfprämien beinhalten ein Element der Umverteilung, natürlich von Gesunden zu Kranken, aber auch von höheren Einkommen zu tieferen Einkommen. Dies, da Personen mit tieferem Einkommen im Durchschnitt höhere Gesundheitsausgaben aufweisen. Zusätzlich würde eine einkommensabhängige Krankenkassenprämie zu weiteren Lohnnebenkosten und somit Verzerrungen auf dem Arbeitsmarkt führen.
Würde eine Einheitskasse die Kosten senken oder erhöhen? Und wie würde sie sich auf die Qualität der Dienstleistungen auswirken?
Im heutigen stark regulierten Markt würde eine Einheitskasse vermutlich die Kosten senken. Werbeausgaben würden weitgehend wegfallen, und die Administration könnte vereinheitlicht werden. Allerdings bin ich trotzdem keine Befürworterin der Einheitskasse. Vielmehr sollten wir das heutige System besser ausnützen. Wir sollten den Krankenversicherungen mehr Möglichkeiten geben, innovative Konzepte zur Kostensenkung umzusetzen. Und wir sollten gelungene Konzepte belohnen, zum Beispiel indem Krankenversicherungen einen Teil der Kosteneinsparungen einbehalten dürfen.
Was halten Sie vom Vorschlag einer Grundversorgung light, wie sie die FDP fordert?
Die Grundversorgung light hat einen grossen Schwachpunkt: Sie ist sehr attraktiv für Gesunde, während sie für Personen mit Gesundheitsproblemen unattraktiv ist. Wechseln nun alle gesunden Versicherten in die Grundversorgung light, muss die normale Krankenversicherung noch viel teurer werden, um die Kosten der «Übriggebliebenen» zu finanzieren. Ein klassisches Problem der adversen Selektion. Die ökonomische Theorie zeigt, dass ein solches System in vielen Fällen nicht stabil ist und schliesslich zum Kollaps der Grundversicherung führen könnte.
Was würde die Abschaffung der obligatorischen Grundversicherung bringen – was wären die Vor- und die Nachteile?
Wir kämen dann in die Richtung des Systems aus den USA. Eine freiwillige, unter Umständen durch den Arbeitgeber finanzierte, Krankenversicherung. Ergänzt durch ein soziales System für einkommensschwache Personen. Auch hier hätten wir das Problem, dass die Krankenversicherung für Gesunde nicht mehr attraktiv wäre. Wir müssten uns zudem mit der Fragestellung auseinandersetzen, was mit nicht versicherten Personen im Notfall geschehen würde. Wer würde dann ihre Gesundheitskosten übernehmen? Und zu guter Letzt: Ein Blick in die USA zeigt, dass dieses System keine Garantie für tiefere Gesundheitskosten ist. Die USA führt nämlich die Rangliste der Gesundheitskosten mit 18.82% des BIP deutlich an (Vergleich Schweiz: 11.8%).