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IWP 01. Februar 2022

Impuls zur Inflation.

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WORUM ES GEHT

Unternehmer sind mit ihr schon länger konfrontiert, aber neuerdings ist sie tägliches Gesprächsthema unter Konsumenten und Sparern: die Inflation. Nachdem die Frage stabilen Geldes in den letzten Jahren nur wenige ausserhalb der akademischen Zirkel beschäftigte, verunsichern die teilweise abrupten Preissteigerungen der letzten Monate die Öffentlichkeit immer stärker. Zu recht?

WARUM ES ZÄHLT

Ob das Gespenst der Inflation kurzzeitig unterbrochenen Lieferkettenengpässen geschuldet und also temporärer Natur sei oder ob es uns doch hartnäckiger begleiten dürfte, wird unter Experten kontrovers beurteilt. Wir vergleichen die heutige Situation mit den Szenarien der 1970er und 1920er Jahre – und gewinnen Erkenntnisse für die Gegenwart.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber man kann aus ihr lernen. Bezugspunkte in der Wirtschaftsgeschichte sind deshalb wichtig.

Der Ölpreis- und der Volcker-Schock
Kurz zur Erinnerung: 1973 war das Ende der Gold-Bindung des Dollars und der fixen Wechselkurse. Es war zugleich das Jahr eines dramatischen Ölpreisschocks, der die Energiepreise erhöhte. Und die amerikanische Regierung übte mit Wachstums- und Beschäftigungszielen enormen Druck auf die Zentralbank aus, die schliesslich zu einer allzu expansiven Geldpolitik neigte.

Als der Ökonom Paul Volcker im Jahre 1979 sein Amt als Chef der amerikanischen Zentralbank übernahm, war die Lage verworren. Die Inflationsrate überschoss die Marke von 9 Prozent. Nach Jahren mit einer hektischen Stop-and-go-Politik der Zentralbank befand sich die wichtigste Volkswirtschaft in einer Stagflation – dieser üblen Kombination aus hartnäckiger Inflation und wirtschaftlicher Stagnation mit beharrlicher Arbeitslosigkeit.

Der unverzügliche und beherzte Strategiewechsel Paul Volckers gleich nach seinem Amtsantritt hin zu einer strikten Disinflationsstrategie läutete die geldpolitische Wende ein. Volcker erhöhte die Leitzinsen unerschrocken bis auf 20 Prozent und liess die Inflation bis zum Sommer 1982 verhungern. Die Nebenwirkungen der Inflationsbekämpfung waren erheblich: Rezession in den USA und Krise der in US-Dollar verschuldeten Länder in Südamerika.

Verschuldung zehrt am Vertrauen
Wie aussagekräftig ist vor diesem Hintergrund der Vergleich der heutigen Situation mit den 1970er Jahren?

Die reale Entwicklung in den 1970er Jahren war alles andere als zwingend. Das grundsätzliche Problem lag in einem breiten Vertrauensverlust in den US-Dollar begründet: die Inflationserwartungen waren irgendwann nicht mehr fest verankert – in Erwartung ständig steigender Preise setzte eine verhängnisvolle Lohn-Preis-Spirale ein. Volckers Verdienst bestand darin, das Vertrauen in die Institutionen – in den Staat und sein Geld – wiederherzustellen.

«Volckers Verdienst bestand darin, das Vertrauen in die Institutionen – in den Staat und sein Geld – wiederherzustellen.»

Christoph A. Schaltegger

Zugleich war die Lage der USA damals eine andere als heute. Die Staatsverschuldung der USA lag anfangs der 1980er Jahre bei 25 Prozent der Wirtschaftsleistung. Im Vergleich zum heutigen, stark anschwellenden Stand von rund 130 Prozent ist das geradezu vernachlässigbar.

DIE EVIDENZ

In vielen europäischen Ländern sieht die Situation heute nicht viel anders aus: die durchschnittliche Schuldenquote der Staaten der Eurozone nähert sich der Marke von 100 Prozent an. Und diese Staatsschulden wurden und werden von den Zentralbanken aufgekauft, wodurch die Geldmenge stark steigt. Das unterscheidet die heutige Situation fundamental von jener in den 1970er Jahren.

Aktuell muss daher der finanzpolitische Kanal als zusätzliche Gefahr für die anheizende Inflation gesehen werden. Man spricht in der Literatur von fiskalischer Dominanz, wenn die Notenbanken ihre geldpolitischen Entscheide mit Blick auf die staatliche Verschuldung treffen. Dies kann für das Vertrauen in die zukünftige Geldwertstabilität nicht ohne Folgen bleiben.

Auch dafür gibt es einen dramatischen Referenzpunkt, der als lehrreiche Fallstudie dienen kann: die Deutsche Hyperinflation von 1923. Was war damals geschehen?

Die Deutsche Mark: Währung ohne Stabilitätsanker
Im Ersten Weltkrieg finanzierte sich der deutsche Staat wegen fehlender Steuerkompetenzen überwiegend über Staatsanleihen bei der eigenen Bevölkerung. Der ausstehende Schuldenstand lag 1918 bei 131 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Dabei blieb ein Teil der Staatsschuld ungedeckt und wurde durch die Reichsbank monetisiert, das heisst direkt finanziert. Die Reichsbank ihrerseits genoss faktisch keine Unabhängigkeit gegenüber der Reichsregierung – und die durch die Golddeckung der Banknoten eingebaute Bremse an der Kreditmaschine wurde im August 1914 aufgegeben. Die Mark verlor damit ihren Stabilitätsanker.

Die enorme Ausweitung der Geldmenge hatte zunächst kaum inflationäre Schübe ausgelöst. In der Kriegswirtschaft waren viele Preise behördlich kontrolliert, so dass die Inflation zurückgestaut wurde. Mit dem Ende des Krieges 1918 trat die Inflation dann aber offen zu Tage. Allerdings war der Preisauftrieb anfangs zu einem guten Teil der nachholenden Nachfrage geschuldet und daher nur temporär: Die Preise stabilisierten sich 1920/21 wieder – und dies trotz weiter steigender Geldmenge.

Politische Krisen als Auslöser der Hyperinflation
Auslösendes Moment des unkontrollierten Entwertungsprozesses lag auch hier in wiederholten politischen Krisen, die das Vertrauen in die Stabilität der Weimarer Republik nachhaltig beschädigten. Trotz der enormen Machtzunahme des Reiches durch die Zentralisierung der Steuerkompetenzen im Rahmen der Erzberger Steuerreformen blieben die schnell wechselnden Regierungen labil und verharrten in der Defizitfinanzierung steigender Ausgabenansprüche. Fast 90 Prozent der Einnahmen im Haushalt wurden über Staatsanleihen gedeckt.

Eine Rückkehr zu stabilen Währungsverhältnissen hätte der Andockung an einen Stabilitätsanker wie das Gold bedurft. Dies hätte freilich eine kurzfristige Rezession und politischen Widerstand ausgelöst. Dafür brachten die schwachen Regierungen der Weimarer Republik aber nicht die Kraft auf. Es kam zu einem dauernden Nachfrageüberhang, der sich ab Sommer 1923 verselbständigte. Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation mussten die Löhne zweimal täglich ausbezahlt werden, da der Wert der Mark stündlich fiel. Trotzdem hielten die Reallöhne dem Tempo der Inflation nicht stand und sanken unter den Stand von 1913. Dramatische gesellschaftliche und soziale Verwerfungen waren die Folge. Die Flucht in Parallelwährungen und Sachwerte setzte ein.

Billiger als Tapeten: tapezieren mit Geldscheinen, Deutschland 1923.
Quelle: Wikipedia

Auch in den 1920er Jahren stand am Anfang der ausser Rand und Band geratenen Inflation ein Vertrauensverlust. Der spektakuläre Währungszusammenbruch endete erst, als sich der Staat im November 1923 zu einer Währungsreform durchrang. Mit der an Realvermögen gekoppelten Rentenmark und einer gegenüber der Reichsregierung restriktiven Kreditpolitik gelang es der Reichsbank Vertrauen in die neue Währung zu schaffen.

WAS DARAUS FOLGT

Was kann man aus diesen beiden Fallstudien also lernen?

Eine Inflation kann sich unter bestimmten Bedingungen – Nachfrage- und Geld-Überhang – jederzeit einstellen. Ausser Kontrolle gerät sie, wenn das Vertrauen in das Geld und die staatlichen Institutionen schwindet. Und wann das geschieht, wann also das System kippt, kann niemand genau sagen.

Dieser Vertrauensverlust kann effektiv durch eine sinnvolle Regelbindung gestoppt und vermieden werden. Eine auf die Stabilitätskultur ausgerichtete Fiskal- und Geldpolitik ist zentral für die Erwartungsbildung in der Wirtschaft, damit für die Preisentwicklung und damit für ein verlässliches gesellschaftliches Zusammenleben. Die Schweiz ist hier mit einer Nationalbank, die sich einer Kultur der Preisstabilität verpflichtet fühlt, gut aufgestellt.

Die regelgebundene Fiskal- und Geldpolitik beruht auf der klugen Selbstbindung der Akteure und ihres Handlungsspielraums. Wer die finanzpolitischen Spielräume einer Schuldenbremse für die Bedienung von Sonderinteressen der Verbände erweitern möchte, kann sich zwar des kurzfristigen politischen Applauses sicher sein. Mittelfristig führt die Unterwanderung der regelgebundenen Finanzpolitik aber zu einer ausufernden Anspruchsmentalität, die den Staat überfordert.

Gleiches gilt selbstverständlich für die Unabhängigkeit der Währungsbehörden und der Fokussierung ihres Mandats auf die Preisstabilität. Es ist an der Zeit, die während Jahren durch eine Stabilitätskultur aufgebaute Reputation wieder stärker zu betonen, dem Anschein einer fiskalischen Dominanz glaubhaft entgegenzutreten und den wirtschaftspolitischen Ansprüchen ohne Bezug zur Preisstabilität eine Absage zu erteilen.

Dieser Beitrag von Professor Dr. Christoph A. Schaltegger erschien in einer längeren Fassung in der Finanz- und Wirtschaft.