Interviews
Von Dr. Melanie Häner 11. November 2022

Das IWP im Klassenzimmer: ein Fazit von Lehrer Martin Kammermann.

Rear view of female student sitting in the class and raising hand up to ask question during lecture. High school student raises hand and asks lecturer a question.

Die wirtschaftspolitische Bildung ist ein Herzensprojekt des IWP. An der Kantonsschule in Zug haben wir ein erstes Pilotprojekt gestartet. Dr. Melanie Häner brachte das IWP ins Klassenzimmer und unterrichtete zur Einkommensverteilung. Nun zieht sie mit Martin Kammermann, dem Fachverantwortlichen für Wirtschaft und Recht an der Kanti Zug, Fazit zum Pilotversuch.

Dr. Melanie Häner: Sie sind seit bald 20 Jahren als Gymnasiallehrer tätig. Was begeistert Sie an Ihrem Beruf?

Martin Kammermann: Die Vermittlung von Wissen und die kritische Auseinandersetzung mit wirtschafts- und gesellschaftspolitisch relevanten Inhalten gemeinsam mit jungen Menschen – das erachte ich als sehr befriedigend und sinnstiftend. Die Schülerinnen und Schüler sind dabei durchaus kritisch und bringen sich mit ihren Fragen und Meinungen in die Diskussion ein. Das belebt den Unterricht.

Inwiefern haben sich die thematischen Unterrichtsschwerpunkte im Bereich Volkswirtschaft über die letzten 20 Jahre verändert?

Mit der zunehmenden internationalen Verflechtung (Stichwort: Globalisierung) und daraus resultierenden Veränderungen werden das Bruttoinlandprodukt (BIP), die Freihandelstheorie und allgemein die internationale Arbeitsteilung aus verschiedenen Blickwinkeln untersucht und etwas kritischer als früher hinterfragt. So rücken die negativen Aspekte des ungebremsten Wirtschaftswachstums mehr in den Fokus. Auch das angenommene Menschenbild wird auf den Prüfstand gestellt. So gewinnen Aspekte aus der Verhaltenspsychologie immer mehr an Bedeutung, weil das Modell des homo oeconomicus zwar nicht falsch, aber doch unzureichend ist. Dies ist im Hinblick auf die Wirtschaftspolitik insofern von Bedeutung, da es die richtigen Anreize zu setzen gilt.

Wie stehen die Schülerinnen und Schüler im Grundsatz zu Wohlstand und Wachstum, von denen sie ja gerade im Kanton Zug stark profitieren? Wächst da eine Generation junger kritischer Geister heran?

Das würde ich so nicht sagen, da die Schülerinnen und Schüler gerade im Kanton Zug meist aus privilegierten Verhältnissen stammen und sich einen sehr hohen Lebensstandard mit vielen Konsummöglichkeiten gewohnt sind. Es ist für sie das erste Mal im Leben, dass sie mit Knappheit und Inflation konfrontiert sind und sich womöglich einschränken müssen. Aber natürlich nehmen sie durch die mediale Berichterstattung wahr, dass sich mit dem bis anhaltenden Wirtschaftswachstum auch soziale und ökologische Probleme ergeben. Einigen Schülerinnen und Schüler machen sich dazu denn auch berechtige Sorgen und hinterfragen das Loblied auf das Wirtschaftswachstum.

Welche Themenfelder kommen Ihrer Meinung nach im heutigen Lehrplan zu kurz?

Es kommt darauf an, welchen Lehrplan man meint. Im Schwerpunktfach haben wir genügend Zeit, um aktuelle wirtschaftspolitische Herausforderungen, wie die aktuelle Corona-Pandemie oder die hohe Inflation in Europa, bei 4 Lektionen pro Woche zu behandeln. Im Grundlagenfach muss man sich indes stark beschränken und kann in zwei Jahren mit jeweils 2 Wochenlektionen bloss einige Aspekte aus der Mikro- und Makro-Ökonomik behandeln. Für Exkurse bleibt da leider nur wenig Platz.

Wie gut sind Ihre Schüler über tagesaktuelle ökonomische Themen wie Altersvorsorge, Inflation oder Einkommenssteuern informiert?

Das hängt stark davon ab, wie politisch interessiert sie sind und ob solche Themen auch zuhause in der Familie diskutiert werden. Viele Schülerinnen und Schüler der oberen Klassen des Gymnasiums sind sehr interessiert und informieren sich über Online-Newsportale oder soziale Medien, was in der Welt passiert. Printmedien lesen sie weniger. Themen wie Altersvorsorge oder Steuern ist für sie erfahrungsgemäss noch weit weg, auch wenn ihnen die Relevanz für ihr eigenes Leben durchaus bewusst ist.

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass die Schüler auch mit der Wissenschaft in Berührung kommen?

Sehr wichtig, weil sie einerseits auf das wissenschaftliche Arbeiten im Hinblick auf ihre Matura-Arbeit vorbereitet werden sollen. Andererseits geht es in meinem Fach Wirtschaft und Recht nicht zuletzt darum, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, zielgerichtet Informationen zu suchen, zu verarbeiten und natürlich auch auszuwerten. Da hilft es sehr, wenn sie in Kontakt mit Leuten aus der Wissenschaft kommen.

Wie haben Sie den Pilotversuch «IWP im Klassenzimmer» erlebt, in dem es anhand der Daten der Swiss Inequality Database (SID) um die Einkommensverteilung in der Schweiz ging?

Spannend und kurzweilig. Die Klasse liess sich auf die komplexe Materie ein, dachte mit und stellte kritische Fragen. Es war wichtig und gut, dass die Schülerinnen und Schüler aktiv in den Unterricht einbezogen wurden. Eine ganze Lektion Frontalunterricht, wie es heute an der Universität leider immer noch gang und gäbe ist, hätte sich negativ auf die Motivation und die Konzentration der Klasse ausgewirkt. Die Qualität der Unterlagen war materiell wie formell sehr hoch, was von den Schülerinnen und Schülern durchaus geschätzt wird, auch wenn sie dies nicht offenkundig kommunizieren.

«Ein eigenes Bild über wirtschafts- und gesellschaftspolitisch relevante Themen ermöglicht fundierte Entscheidungen.»

Martin kammermann

Was möchten Sie Ihren Schülern im Bereich Wirtschaft mit auf den Weg geben?
Ich möchte sie in Wirtschaft und Recht vor allem dazu befähigen, sich mit Hilfe von verschiedenen Quellen und Praxisbeispielen ein eigenes Bild über die wirtschafts- und gesellschaftspolitisch relevanten Themen zu machen, damit sie einen fundierten Entscheid fällen können. Zudem geht es mir auch um die Vermittlung eines handlungsorientierten Wirtschafts- und Gesellschaftsverständnisses, damit die jungen Erwachsenen in wichtigen Fragen kompetent und engagiert mitreden und tätig werden können.

Zur Person

Martin Kammermann studierte an der Universität St. Gallen Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaftspädagogik und ist seit 2003 passionierter Lehrer für Wirtschaft und Recht an der Kantonsschule Zug. Dazwischen war er für ein Jahr an einer renommierten Secondary School in Ottawa (CAN) als Business Teacher tätig. Seit 2018 amtiert er als Fachvorstand Wirtschaft und Recht und seit 2020 als Fachverantwortlicher Immersion.
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