Die Diskussion ist alt, die Reform dagegen neu: In der Sommersession 2025 hat der Ständerat einem Kompromiss zur Einführung der Individualbesteuerung zugestimmt. Die Schlussabstimmung zur Frage, ob in Zukunft jede steuerpflichtige Person unabhängig vom Zivilstand individuell besteuert werden soll, naht. Was bedeutet die potenziell grösste Steuerreform der Schweiz seit Jahrzehnten für Haushalte, für den Staat – und für den Arbeitsmarkt?
Unsere neue Studie mit dem Swiss Taxometer, dem modernen Simulationsmodell basierend auf neuesten Daten, gibt Antworten. Sie zeigt: Die Reform bringt finanzielle Entlastung auf breiter Front, sorgt für neue Dynamik auf dem Arbeitsmarkt (vor allem für Frauen) und wirkt sich so gut wie nicht auf die Ungleichheit aus. Aber es gibt auch Verlierer einer Reform.
Worum geht es?
Die Heiratsstrafe ist ein alter Bekannter in der Schweizer Steuerlandschaft. Jahrzehntelang wurden Ehepaare in vielen Fällen steuerlich benachteiligt – insbesondere, wenn beide Partner ähnlich viel verdienten. Zwar gab es immer wieder Reformversuche, von Botschaften bis Volksabstimmungen, doch keiner brachte den Durchbruch.
Der nun ausgehandelte Kompromiss sieht eine vollständige Abkehr von der bisherigen Besteuerung beim Bund vor. Neu soll das Einkommen unabhängig von der zivilrechtlichen Bindung versteuert werden. Alleinstehenden- und Verheiratetentarif fallen weg, eine neue Formel zur Steuerberechnung wird eingeführt. Auch Abzugspositionen wie der Zweiverdiener- oder der Verheiratetenabzug entfallen.
Was würde passieren?
Die Einführung der Individualbesteuerung würde den Steuerzahlern eine Entlastung von rund 594 Millionen CHF bringen. Diese Zahl berücksichtigt dabei die dynamischen Effekte auf dem Arbeitsmarkt. Für den Bund heisst das natürlich: Mindereinnahmen. Doch im Vergleich zum ursprünglichen indirekten Gegenvorschlag sind diese deutlich geringer. Die Reform wäre finanzpolitisch durchaus umsetzbar.
Im Durchschnitt ergibt sich ein Plus von 185 CHF pro Haushalt. Doch der Teufel steckt im Detail:
- Doppelverdienerpaare profitieren besonders stark. Verdienen beide Partner jeweils mindestens 75'000 CHF, steigt das verfügbare Einkommen um etwa 1'140 CHF jährlich.
- Alleinverdienerhaushalte sind die klaren Verlierer. Wer z. B. 150'000 CHF allein nach Hause bringt, muss mit einer Mehrbelastung von 2'010 CHF rechnen.
- Das 10. Einkommensdezil erhält die grösste absolute Entlastung – wenig überraschend, denn diese Haushalte zahlen heute schon die höchsten Steuern.
- Aber: Haushalte in der unteren Einkommenshälfte profitieren ebenso, v. a. wegen erhöhter Arbeitsanreize. Die Reform unterstützt also auch die Einkommensschwachen.
Ein zentrales Argument der Befürworter der Individualbesteuerung ist, dass sie die Erwerbsanreize insbesondere für Zweitverdiener stärkt, in der Realität oft Frauen. Und tatsächlich: Unsere Simulation zeigt, dass durch die Reform rund 15'400 Personen zusätzlich in den Arbeitsmarkt eintreten würden. Rechnet man auch die Ausweitung der Arbeitszeit mit ein, ergibt sich ein Zuwachs von 16'300 Vollzeitäquivalenten. Der grösste Teil dieser Effekte entfällt auf Frauen: Ihre Partizipation steigt fast dreimal so stark wie jene der Männer.
Was macht die Individualbesteuerung mit der Einkommensverteilung? Die Antwort: nicht viel. Der Gini-Koeffizient – ein Standardmass zur Messung von Ungleichheit – verändert sich nur marginal (+0.2 %). Auch das heisst: Die Reform ist sozialverträglich.
Was heisst das?
Das Ergebnis der Studie ist klar: Die politische Debatte ist weiterhin nicht gelöst. Die Heiratsstrafe wird abgeschafft, der Heiratsbonus aber auch. Gewinner stehen Verlierern gegenüber. Es werden absolut die Einkommensstärksten am meisten entlastet, es profitieren gleichzeitig aber auch die Einkommensschwachen. Der Arbeitsmarkt bekommt neuen Schwung, vor allem durch motivierte Arbeitnehmerinnen – doch geschieht dies mit einem Loch im Staatshaushalt, das es zu stopfen gilt.
Steuern nach dem Trauschein? Die Beantwortung dieser Frage obliegt dem Parlament - oder gar dem Stimmvolk überlassen. Die Auswirkungen sind nun besser absehbar.