Studien
IWP 15. April 2025

Optionen für ein Handelsabkommen mit den USA.

USA GOVERNMENT TRUMP TARIFFS

Die Ausgangslage beim Handel ist angespannt: Vor der Entscheidung Donald Trumps vom 2. April 2025, dutzende Länder weltweit mit teils massiven Zöllen zu konfrontieren, wurde auch die Schweiz nicht bewahrt. Die tatsächliche Entwicklung entspricht dabei aber nicht immer der medialen Untergangsrhetorik: Zunächst galten Zölle von 31 Prozent, angesichts von Ausnahmen wurde der effektive Zollsatz aber auf etwa 18 Prozent geschätzt. Inzwischen wurden die Zölle für ein Quartal auf 10 Prozent gesetzt. Auch das ist zu viel, aber die Richtung zeigt nach unten. Und: Beide Seiten signalisierten zuletzt Verhandlungsbereitschaft, die Schweiz insbesondere in bisherigen Blockadefeldern.

Fest steht: Zölle sind ein beliebtes Druckmittel der US-Administration, und Zölle verursachen massiven volkswirtschaftlichen Schaden. Fest steht aber auch: Trump will Deals und keinen transatlantischen Handelskonflikt mit hohen wirtschaftlichen und langfristig politischen Kosten für ihn. Dank stabiler wirtschaftlicher Verflechtung, gegenseitiger Investitionen und wachsendem diplomatischen Willen sind Chancen auf ein neues Abkommen gegeben. Die Schweiz braucht nun schnell eine Verhandlungsgrundlage.

Eine wieder aufflammende Handelseskalation kann kein Ziel für die Bundes-Delegationen bei ihren nächsten Besuchen in Washington sein. Die Vereinigten Staaten sind als Land der wichtigste Handelspartner der Schweiz, was die Grösse wie die Dynamik angeht. Die Exporte in die USA verzeichneten zwischen 2015 und 2024 ein bemerkenswertes Wachstum von über 9 Prozent pro Jahr und erzielten 2024 einen Exportanteil von 16,5 Prozent. Damit sind die USA für den Handel schon jetzt bedeutender als die Schwergewichte China und Indien, und für den Export relevanter als die Nachbarn Deutschland, Frankreich oder Italien.

Entwicklung der schweizerischen Exporte in die Top-20-Länder des Jahres 2024, jährliches Wachstum und Exportanteil

Welche sinnvollen Optionen stehen uns zur Verfügung? Und was sind eigentlich die Effekte eines solchen Deals auf Wirtschaftskraft, Exporte, Branchen und Regionen? Die neue Studie des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern in Kooperation mit dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) und dem Kiel Instituts für Weltwirtschaft untersucht die BIP- und Handelseffekte von sechs Zukunftsszenarien zwischen der Schweiz und den USA:

  • Ein Freihandelsabkommen mit vollständigem Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen.
  • Ein ambitioniertes Abkommen ohne Zollabbau, aber mit umfassender regulatorischer Öffnung.
  • Ein pragmatisches Abkommen nach dem Vorbild bestehender EFTA-Verträge, bei dem sensible Bereiche wie die Landwirtschaft ausgeklammert bleiben.
  • Ein politisch motiviertes Abkommen, das vor allem das Güterhandelsdefizit der USA mit der Schweiz als Lieblingsthema von Donald Trump reduziert.
  • Ein Minimalabkommen, das nur einen milden Abbau von Handelshemmnissen vorsieht, und Dienstleistungen wie Landwirtschaft gleich ganz ausklammert.
  • Ein Handelskonflikt mit Strafzöllen

Alle Effekte wurden dabei im Vergleich zum Status Quo berechnet. Es ist jedoch zu befürchten, dass die Schweiz nicht mehr den Status Quo halten kann, sondern nur noch zwischen dem Handelskonflikt oder einem der Abkommen wählen kann – die Vorteile der Handelsszenarien wären entsprechend grösser.

Für alle Handelsliberalisierungen gilt: Die BIP- und Handelseffekte wären bedeutend. Bei einem ambitionierten Abkommen mit den USA würde das Schweizer BIP um bis zu 1.3 Prozent steigen. Dies entspricht dem Wachstumsimpuls, den ein Handelsabkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union nach dem Modell des EU-Kanada-Abkommens (CETA) bringen würde. Die Gesamtexporte würden bei einem solchen tiefen Handelsabkommen 8 Prozent zulegen, die Exporte in die USA würden gar um 77 Prozent steigen. Bei einem pragmatischen Abkommen würde die reale Wirtschaftskraft um 0,7 Prozent immer noch deutlich den Schweizer Wohlstand erhöhen. Selbst ein minimales Handelsabkommen hätte mit 0.2 Prozent noch positive Wohlfahrtseffekte.

Veränderung des realen BIP bei bilateralen Handelsabkommen, in Prozent.

Die wirtschaftlichen Vorteile wären breit abgestützt. Besonders stark würden Schlüsselbranchen wie die Pharmaindustrie, der Finanzsektor und der Maschinenbau zulegen, aber auch der Tourismus und der Sozialsektor gewinnen hinzu. Der starke Zugewinn der Produktion von bis zu 8 Prozent macht deutlich, wie abhängig die Branchen von stabilen transatlantischen Beziehungen sind, und wie gross das wirtschaftliche Potenzial in einer vertieften Partnerschaft ist. Gleichzeitig profitieren alle Landesteile – Zürich besonders durch den Dienstleistungssektor, aber auch Genf, die Ostschweiz und die Nordwestschweiz durch ihre exportorientierte Industrie.

Es gibt auch wenige Verlierer einer Handelsliberalisierung, was nicht überrascht. Aber: Die Verluste sind verkraftbar und könnten durch flankierende Massnahmen oder Übergangsfristen politisch mitgedacht werden. Die Landwirtschaft als politisch besonders sensibler Bereich würde selbst bei der umfangreichsten Liberalisierung nur 1.55 Prozent an Produktion einbüssen, der Rückgang wäre bei den pragmatischeren Szenarien nur 0.14 bis 0.72 Prozent. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass eine tragbare Lösung im Landwirtschaftsbereich erreichbar ist, ohne die Interessen dieser zentralen Branche zu opfern. Ein Veto wäre angesichts des sonst massiven Schadens für die Schweiz in einem No-Deal-Szenario kaum mehr tragbar.

Für die USA wären die Abkommen ebenso vorteilhaft. Sie steigern nicht nur das BIP insgesamt, es profitieren auch für Donald Trump politisch wichtige Sektoren. Ob der US-Automobilbau im Rust Belt, die Arbeiter im Bergbau, die hochspezialisierten Arbeitskräfte im Digitalbereich oder die Landwirtschaft im ländlichen Amerika: Sie alle würden durch ein Handelsabkommen mit der Schweiz gewinnen.

Es gibt Grund für Optimismus in turbulenten Zeiten. Trotz der handelspolitischen Eskalationen in jüngster Zeit bietet sich für die Schweiz eine Chance, ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA gezielt zu vertiefen. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass eine engere Kooperation erhebliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen kann. Vor dem Hintergrund der Ausrichtung der Trump-Administration könnte eine proaktive Handelsstrategie der Schweiz im Sinne eines «Dealmakings» erfolgversprechend sein. Der positive Verlauf des bilateralen Abkommens mit dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit zeigt, dass die Schweiz auch unabhängig von multilateralen EFTA-Strukturen handlungsfähig ist.

Die Schweiz hat mit ihrer Innovationskraft und ihrer Rolle als in vielen Sektoren führende Wirtschaftsnation ausgezeichnete Voraussetzungen, um sich als verlässlicher Partner für die USA zu positionieren. Ein pragmatischer, wirtschaftsfreundlicher Ansatz mit gezielten Verhandlungen kann langfristig für beide Länder erheblichen Wohlstand generieren und die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen auf eine neue Stufe heben – das dürfte auch Donald Trump nicht entgehen.