Das vergangene Jahr 2022 war geprägt von einer Inflationswelle, wie sie nur wenige von uns zuvor erlebt haben – und das weltweit. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren von Störungen der Lieferketten bis zum Schreckgespenst des Energiemangels herausfordernd – auch das weltweit. Doch das vergangene Jahr ist inzwischen Geschichte, und wir schauen wirtschaftspolitisch in die Zukunft – und auch das, natürlich, weltweit.
Die Ergebnisse der vierten Umfragewelle des Economic Experts Survey (EES), einer global durchgeführten Umfragereihe des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern und des ifo Instituts in München, liegen vor. Über 1'500 Wirtschaftsexperten aus 133 Ländern haben ihre Schätzungen zur Inflation und zum Wirtschaftswachstum des laufenden Jahres 2023 und der kommenden Jahre bis 2026 abgegeben. Das Ergebnis ist klar: Die wirtschaftspolitische Strasse bleibt ziemlich kurvig, aber sie ist geräumt und befahrbar – und am Horizont steigt die Sonne wieder auf.
Für das Jahr 2023 liegt die erwartete Inflation nun bei 7.1 Prozent im weltweiten Mittel, was einen deutlichen Rückgang gegenüber der EES-Befragung im letzten Herbst darstellt. Die Weltinflation ist damit zwar weiter über dem Durchschnitt des letzten Jahrzehntes, soll sich in den kommenden Jahren aber weiter entspannen. Bildlich gesprochen: Die Fahrt führt weiter zwar über eine holprige Passstrasse, aber die Gefahr eines Absturzes scheint dank neuer Leitplanken gebannt. Für 2023 erwarten die Experten noch eine schwächelnde Konjunkturlage. Weltweit gemittelt soll das Wirtschaftswachstum bei 2.8 Prozent liegen. Erst danach wird auf das Gaspedal gedrückt, und mit Zuwächsen von 3.3 Prozent in 2023 bis 3.8 Prozent in 2026 steigert sich die weltweite Aktivität wieder.
Bei den Preissteigerungen haben die Zentralbanken weltweit die Bremse betätigt. Die zeitlich enge und zudem straffe Erhöhung der wichtigsten Leitzinsen hat zu einer Entspannung beim Preisdruck geführt. Die Vollbremsung lässt jedoch den Wirtschaftsmotor stottern. Immerhin sind die Schuldenstände nach den enormen fiskalischen Stützungsprogrammen während der Corona-Pandemie auf Rekordniveaus, während private Investitionsvorhaben unter den höheren Finanzierungskosten. Auch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine bringt weiter humanitäres Leid und ökonomische Turbulenzen. Das Risiko einer globalen Rezession ist erhöht.
Die Schweiz kennt sich zwar mit hochalpinen Passstrassen aus. Statt dem Berninapass führt die Inflationsstrasse jedoch gegenwärtig eher entspannt durch das Mittelland. So wird für das laufende Jahr nur eine leicht erhöhte Inflationsrate von 2.8 Prozent erwartet, die bereits im Jahr 2024 auf das SNB-Ziel der Preisstabilität fallen. Die Erwartungen zur wirtschaftlichen Aktivität sehen eine Steigerung um 0.9 Prozent im laufenden Jahr vor, die sich in den Folgejahren bei etwa 1.6 Prozent einpendeln soll. Neben dem insgesamt schwierigeren Finanzierungsumfeld fallen staatliche Ausgabenpakete im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie weg – was trotz der Dämpfung der Expertenantworten zum BIP-Wachstum jedoch ein gutes Signal ist.
Unsere europäischen Nachbarn leiden bei Inflation und Wirtschaftswachstum stärker unter den Energiepreise, die abhängig vom weiteren Verlauf des Krieges und der Handlungen von Russland wieder steigen könnten. In Nordamerika und China gehen die Investitionen im Immobiliensektor als Reaktion auf die steigenden Zinsen zurück. Gerade der asiatische Kontinent sieht sich zudem einem erwarteten Abflauen der Auslandsnachfrage gegenüber. Und in Afrika erreicht die regionale Verschuldung ein Niveau, das zuletzt Anfang der 2000er Jahre vor den Auswirkungen der Initiative für hochverschuldete arme Länder erreicht wurde.
Die wirtschaftspolitische Strasse hat weiter Schlaglöcher. Die globalen Inflationserwartungen haben jedoch vorerst ihren Höhepunkt erreicht, und die wirtschaftliche Aktivität scheint wieder Fahrt aufzunehmen. Der EES zeigt: Den Warnblinker können wir ausschalten und mit Optimus in das neue Jahr fahren, den Sicherheitsgurt sollten wir aber trotzdem anlegen – sicher ist sicher.