Weltinflation verharrt auf hohem Niveau
Die globalen Inflationserwartungen verharren weiterhin auf einem hohen Niveau: Für das laufende Jahr 2023 liegen die erwarteten Preissteigerungen im weltweiten Mittel bei 7 Prozent. Das ist das Ergebnis der aktuellen Welle des vierteljährlichen Economic Expert Surveys (EES) des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern und des ifo Instituts in München, an dem vom 14. Juni bis 2. Juli 2023 insgesamt 1'405 Wirtschaftsexperten aus 133 Ländern teilnahmen.
Mit einer erwarteten Inflationsrate von 6 Prozent weltweit für das Jahr 2024 wird im Mittel ein nur leichter Rückgang gegenüber dem laufenden Jahr erwartet. In der langen Frist bis 2026 bleiben die Inflationserwartungen mit 4.9 Prozent weiter hoch. Ein Vergleich der Umfrageergebnisse im Zeitablauf zeigt, dass die grossen Zinsschritte verschiedener Zentralbanken in den letzten Monaten auf weltweiter Ebene keine Wirkung entfaltet haben: Die kurz- wie langfristigen Inflationserwartungen im zweiten Quartal 2023 sind identisch mit der erwarteten Rate von der ersten Befragungswelle im laufenden Jahr.
Die Inflationserwartungen unterscheiden sich in den Weltregionen stark, liegen jedoch fast durchgehend über dem erklärten Ziel der Preisstabilität von vielen Zentralbanken. In Europa befinden sich die Erwartungen auf dem niedrigsten Niveau weltweit, sowohl für das aktuelle Jahr 2023 als auch für die Jahre 2024 und 2026. Speziell für die Schweiz werden Preissteigerungen von 2.8 Prozent für das laufende Jahr sowie mittelfristig von 2.3 Prozent bis 2024 und nur noch 1.8 Prozent für das Jahr 2026 erwartet.
In den amerikanischen Regionen gehen die Experten insgesamt von hohen Inflationsraten aus. In Nordamerika beträgt die erwartete Inflation für 2023 etwa 4.5 Prozent. Insbesondere in Südamerika sollen die Preissteigerungen gut 23.3 Prozent betragen, die Inflationserwartungen sind im Vergleich zum Vorquartal damit dennoch deutlich gesunken. Für die meisten Regionen Afrikas lassen sich steigende Inflationserwartungen ausgehend von einem bereits hohen Niveau feststellen. So liegen die erwarteten Preissteigerungen in Ostafrika etwa bei gut 110 Prozent für das Jahr 2023.
Gierflation als Inflationstreiber unrealistisch
In den letzten Monaten wurde auf Social Media vermehrt über die sogenannte Gierflation als Ursache der gegenwärtigen Preissteigerungen diskutiert. Ein primärer Treiber von Inflation seien demnach höhere Verkaufspreise, die Unternehmen aufgrund exzessiver Gewinnabsichten durchsetzen. Diese Gier der Firmen würde klassische Erklärungsansätze für Inflation von der Geldpolitik bis hin zu Lieferkettenproblemen ergänzen. Bei genauerer Betrachtung entbehrt dieser Ansatz jedoch einer fundierten wissenschaftlichen Analyse.
So existiert der beobachtete Zusammenhang zwischen Unternehmensgewinnen und Preissteigerungen in vielen Weltregionen schlicht nicht. In den Vereinigten Staaten steigen die Konsumentenpreise etwa weiterhin, obwohl die Gewinne amerikanischer Firmen zuletzt zurückgingen. Aber selbst in Europa, wo beide Datenreihen (noch) in eine ähnliche Richtung zeigen, kommt bei der Diskussion oft ein wichtiger Fakt zu kurz: Der empirische Zusammenhang ist zunächst nur eine Korrelation. Die Stärkung eines kausalen Zusammenhangs, etwa durch rigorose ökonometrische Untersuchungen oder geeignete Theoriemodelle, ist bisher weitestgehend ausgeblieben.
Damit die These der Gierflation in Bezug auf einen strukturellen Trend der Inflationserwartungen verfängt, sollten die Unternehmensgewinne zudem nicht nur auf kurzfristigen Angebots- und Nachfrageschocks wie in der jüngsten Vergangenheit basieren, sondern auf grundlegende Marktstrukturen zurückzuführen sein. Der Logik von Befürwortern der Gierflationsthese folgend, sollten Unternehmen in der Lage sein, abhängig von ihrer Gewinngier die Preise setzen zu können.
Diese Preissetzungsmacht ist in der volkswirtschaftlichen Lehre jedoch vornehmlich auf monopolistischen Märkten anzutreffen, bei denen nur ein bis wenige Unternehmen als Monopolist ein Gut oder eine Dienstleistung liefern kann. Bei vielen Gütern, selbst bei spezialisierten Gütern und Dienstleistungen, herrscht jedoch ein internationaler Wettbewerb vor, der zudem von Wettbewerbsbehörden weltweit überwacht wird. Bei weniger spezialisierten Gütern und Dienstleistungen scheint ein Ausweichen auf Alternativen bei exzessiven Preiserhöhungen noch besser möglich. Mithin können langfristige Marktstrukturen die These von Gierflation daher kaum stützen.
Relevant ist die Überlegung zu möglichen Politikmassnahmen. Als Befürworter der Gierflationsthese wäre man geneigt, Preiskontrollen zur Inflationsbekämpfung einzuführen. Diese Herangehensweise ist jedoch nicht nur angesichts der wenig robusten theoretischen wie empirischen wissenschaftlichen Grundlagen gefährlich. Es setzt zudem nicht vorhandene Informationen zur etwaigen Gier von Unternehmen in allen Wirtschaftssektoren voraus, wobei der Begriff der Gier selbst in der Volkswirtschaftslehre nicht einmal grundlegend wissenschaftlich definiert ist.
Fazit
Die globale Inflationswelle rollt weiterhin. Die erwarteten Preissteigerungen liegen im weltweiten Mittel bei 7 Prozent für das Jahr 2023, bei 6 Prozent für 2024 und bei 4.9 Prozent für das Jahr 2026. Die Gierflation erscheint kein geeigneter Ansatz, um diese Inflationsdynamik zu erklären.