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Interview von Marcel Schelbert 26. Januar 2026

«Finanzmärkte denken kurzfristig und wirtschaftlich», sagt Felix W. Zulauf.

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Lieber Herr Zulauf, angesichts der momentanen Weltlage: Zögern Sie den Blick auf die News am Morgen möglichst lange hinaus – oder schauen Sie noch vor dem ersten Kaffee aufs Handy?

Momentan trifft der Spruch von Lenin die Situation am besten: «Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert, und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren.» Als Beobachter ist die Entwicklung spannend, aber als Bürger ungemütlich, denn eine neue Realpolitik macht sich breit. Das Völkerrecht ist weitgehend ausgehebelt und es dominiert die Macht des Stärkeren. Anarchie hat historisch immer zu Tragödien geführt. Ich befürchte in den kommenden Jahren grössere Verwerfungen und zunehmende Konflikte. Was wir heute sehen, ist lediglich der Auftakt dazu. Als ich 2018 begann, über kommende militärische Konflikte zu schreiben, wurde ich noch ausgelacht.

Sie sprechen die militärischen Konflikte an. Welche Auswirkungen auf die Finanzmärkte hat die jüngste Militäroperation der USA in Venezuela?

Kurzfristig dominiert Trumps Wille, mit allen möglichen Mitteln die Konjunktur weiter vorwärtszutreiben, fiskal- und geldpolitisch. Nominell wird die Wirtschaft weiter wachsen, real wird sich das dann aber mit der Zeit negativ auswirken – auf die Zinsen, die Währung und die Bewertung von Vermögenswerten. Kurzfristig werden aber die Unternehmungserträge noch weiter steigen, nominell. Gegen Mitte des Jahres erwarte ich dann aber eine Verschlechterung der Makro-Liquidität, welche die Börsenkurse treibt, und eine entsprechende Zunahme der Risiken für eine zyklische Korrektur.

Zur Person

Felix W. Zulauf hat über 40 Jahre Erfahrung in der Vermögensberatung und ist Experte für Finanzmärkte. Er publiziert regelmässig einen Börsenbrief zu Makrothemen wie Geopolitik, Konjunktur oder Aktienindices für eine institutionelle Kundschaft in über 30 Ländern und 5 Kontinenten. Zuvor war er Inhaber der Zulauf Asset Management AG in Zug, die er 2009 grösstenteils verkaufte und in sein privates Family Office umwandelte. Zulauf begann seine Karriere beim Schweizerischen Bankverein Anfang der 1970er Jahre und arbeitete in den 1980er Jahren bei der UBS als Globalstratege und Leiter der institutionellen Portfolio-Management-Gruppe.
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Sind es denn Ereignisse wie die amerikanische Militäraktion in Venezuela, die den Verlauf der Finanzmärkte bestimmen – oder reagieren die Märkte letztlich stärker auf langfristige wirtschaftliche Entwicklungen?

Die Finanzmärkte denken primär kurzfristig und wirtschaftlich; politische Ereignisse blenden sie weitgehend aus. Aber wenn politische Entwicklungen mit der Zeit die Konjunktur und wirtschaftlichen Strukturen verändern, dann ziehen die Finanzmärkte mit der Zeit nach und passen ihre Bewertungen der diversen Vermögenswerte an.

Wenn sich Risiken oft über Jahre aufbauen und im Nachhinein klar erkennbar sind: Weshalb scheitern selbst Experten dennoch immer wieder an der Vorhersage von Finanzkrisen?

Die Trickkiste der Behörden mit Manipulationen, um die Finanzmärkte bei Laune zu halten, ist gross. Und die Massenpsychologie führt dazu, dass steigende Kurse der beste Motivator für weitere Käufe sind. Dabei sollte es eigentlich umgekehrt sein: Wir haben gegenwärtig die tiefsten Cash-Positionen der institutionellen Anleger und die höchsten Bewertungen aller Zeiten in den USA sowie hohe Bewertungen anderswo.

«Die Trickkiste der Behörden mit Manipulationen, um die Finanzmärkte bei Laune zu halten, ist gross.»

Felix W. Zulauf

Dann sind Finanzkrisen also eigentlich unvorhersagbar?

Das Problem liegt woanders, denn viele Profis sehen die Probleme – aber wenn jemand zu früh aussteigt, wird er mit einer schlechteren Performance bestraft, weshalb er dieses Geschäftsrisiko, Kunden zu verlieren, nicht eingeht. Deshalb geht es immer länger, als viele glauben, bis die Blase platzt. Der genaue Zeitpunkt des Platzens einer Blase kann nicht präzise vorausgesagt werden, muss man jedoch auch nicht. Es reicht auszusteigen, wenn sich die Trends beginnen umzukehren. Normalerweise hat man dann noch genügend Zeit.

Dann machen wir die Probe aufs Exempel: Wann bricht Ihrer Meinung nach die nächste globale Finanzkrise aus?

Vermutlich wird die zweite Jahreshälfte schwierig, und das könnte sich dann bis ins Jahr 2027 hinziehen. Wir kennen den Auslöser aber noch nicht. Wenn beispielsweise ein Umsturz im Iran erfolgt und dort ein Wiederaufbau nach den langen Krisenjahren einsetzen würde, dann könnte dies die internationale Liquiditätslage genauso anspannen wie einst die deutsche Wiedervereinigung. Käme Venezuela noch hinzu, wäre der Druck umso stärker für höhere Realzinsen. Es gibt diverse Möglichkeiten, was potenziell passieren könnte. Dies heute vorauszusagen ist müssig. Ich verfolge die diversen Möglichkeiten und bin zuversichtlich, dass ich auch die nächste Wende nach unten noch bei hohen Kursen im Ansatz erkennen und damit für meine Abonnenten grosse Verluste verhindern kann.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der Staatsverschuldung in Europa und den USA?

Wenn Trump durchkommt und für 2027 das Militärbudget von gegenwärtig 900 Milliarden auf 1’500 Milliarden US-Dollar erhöht, dann drückt das die Zinsen nach oben. Wenn dann ein neuer Fed-Präsident die Trumpsche Politik umsetzt (Trump will Zinsen von 1 Prozent), dann würden die Anleihenrenditen stark steigen, wegen zunehmender erwarteter Inflation. Und sollte die Notenbank dann die Zinskurve manipulieren, also den Anstieg der langen Zinsen durch Käufe von Bonds verhindern, dann würde der US-Dollar fallen und die Teuerung noch mehr anheizen. Es läuft alles auf ein gefährliches Spiel hinaus, welches die USA, aber auch Europa, spielen. Alle leben über ihren Verhältnissen. Aber das war schon vor Trump der Fall, nur wird das jetzt weiter akzentuiert.

«Es läuft alles auf ein gefährliches Spiel hinaus, welches die USA, aber auch Europa, spielen. Alle leben über ihren Verhältnissen.»

Felix W. Zulauf

Der libanesische Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb betont, dass belastbare Einschätzungen vor allem dort entstehen, wo man selbst ein Risiko trägt. Investieren Sie selber in die Bereiche, die Sie Ihren Kunden zur Anlage empfehlen?

Ja, ich investiere und trade, auch wenn ich Gelegenheiten sehe. Aber ich bin in meinem Alter nicht mehr auf grösstmögliche Performance, sondern auf reale Kapitalerhaltung ausgerichtet. Meine Zeit als aggressiver Anleger in allen wichtigen Anlageklassen mit dem Eingehen grosser Risiken liegt schon einige Jahre hinter mir. Man muss als Anleger wissen, welches Spiel man spielen will und kann – und welches nicht. Wer sich überschätzt, endet meistens in Verlusten. Deshalb ist auch ein diszipliniertes Risikomanagement entscheidend.

Lassen Sie uns an Ihrer Expertise teilhaben: Welche Geldanlagen empfehlen Sie in der heutigen Zeit Schweizer Anlegern?

Für eine 30-jährige Person gilt etwas anderes als für eine 60-jährige. Man kann also nicht generalisieren. Grundsätzlich leben wir in einem System, das zu Inflationierung und Geldabwertung neigt. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren akzentuieren. Entsprechend würde ich auf Realwerte setzen. Immobilien sind meines Erachtens etwas ausgereizt, weil die Zinsen zu tief sind und die Demografie negativ wird. Die Zuwanderung in der Schweiz wird auch verflachen. Die Immobilienmärkte in anderen europäischen Ländern sind schon deutlich gefallen, und in den USA gehen die Preise auch schon seit ca. zwei Jahren zurück.

Also keine Immobilien mehr kaufen – was halten Sie von Aktien?

Die Aktien sind seit Herbst 2022 deutlich gestiegen und historisch hoch bewertet. Die Anleger halten heute ebenso viele Aktien oder mehr als an den historisch wichtigsten Höchstpunkten der letzten 80 Jahre. Wenn die Bewertung hoch ist, dann sind die zukünftigen Anlagerenditen niedrig – und umgekehrt. Ich denke also, dass wir wohl im Laufe dieses Jahres zyklisch aussteigen und Liquidität aufbauen müssen, um später bei günstigeren Kursen wieder zuzukaufen.

Und Gold?

Auch die Edelmetalle sind hoch. Wir sehen aber mit der veränderten geopolitischen Lage, dass Gold wieder zu einer sehr wichtigen Reservewährung geworden ist. Konflikte aller Art, auch Kriege, werden die Edelmetalle in den nächsten Jahren weiter nach oben treiben. Aber momentan sind die Kurse überhitzt, und mehrmonatige Rückschläge bzw. Konsolidierungen sind nicht auszuschliessen. Falls diese kommen, kann man dann wieder zukaufen.

«Grundsätzlich leben wir in einem System, das zu Inflationierung und Geldabwertung neigt.»

Felix W. Zulauf

Wo lauern die grössten Gefahren für Schweizer Anleger?

Die Marktrisiken kann man managen. Die grossen Gefahren sehe ich primär auf der juristischen Seite. Wir leben in einer Zeit, in der Regierungen vor nichts mehr zurückschrecken und das Recht zunehmend mit Füssen getreten wird. Totalitäre Tendenzen sind überall festzustellen. Und da die staatlichen Kassen überall leer sind, werden sich diverse Regierungen dort bedienen, wo es etwas zu holen gibt. Entsprechend muss der Jurisdiktion der Anlagen und ihrer Depotstelle zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die meisten Anleger vergessen das.

Wie wirkt sich die stetige Aufwertung des Schweizer Frankens auf Schweizer Anleger aus?

Vor gut 50 Jahren stand der US-Dollar noch bei 4.32 Franken und die D-Mark bei 1.21 Franken. Heute wird der US-Dollar bei 80 Rappen und der Euro umgerechnet in D-Mark bei 45 Rappen gehandelt. Und trotzdem exportiert die Schweiz mehr denn je. Die Schweiz ist mit einer harten Währung und niedriger Inflation besser gefahren als die Abwertungsländer. Ob die Schweiz noch die politische Kraft hat, sich selbst zu disziplinieren, ist eine andere Frage – ich habe meine Bedenken.

Das tönt fast so, als ob Sie kein Vertrauen mehr in die Schweizer Politik hätten?

Noch ist die Schweiz gut, aber sie ist auch nicht mehr so gut und solide, wie sie es einmal war. Wenn ein Kleinstaat, der seine wichtigste Waffe der Verteidigung, die bewaffnete integrale Neutralität, fahrlässig aufgibt, wie das der Bundesrat und die meisten Parlamentsparteien gemacht haben, so ist das tragisch für unser Land. Dies geschieht just in dem Moment, in dem eine glaubwürdige Neutralität so wichtig wäre, was eine fehlende Weitsichtigkeit der heutigen Politikergeneration aufzeigt. Dies hat die Solidität der Schweiz deutlich abgewertet.

Ein grosser Trumpf der Schweiz gegenüber vielen anderen Ländern ist die tiefe Schuldenquote. Kann der Bund also entspannt in die Zukunft blicken?

Natürlich sind die Aussenbilanzen und auch die Verschuldung nach innen im internationalen Vergleich noch gut, aber in der Tendenz erwarte ich überall Verschlechterungen. Und mit einer Exportquote von über 70 % des BIP (seit der Personenfreizügigkeit um rund 20 Prozentpunkte angestiegen) ist unsere wirtschaftliche Verwundbarkeit höher denn je. Unsere politische Führung ist nicht mehr erstklassig. Entsprechend wird der Franken wohl auch nicht mehr die Bedeutung erhalten wie in früheren Krisen. Mittelfristig wird sich mehr Kapital Richtung Asien hinbewegen. Tiefe Schulden sind wichtig und geben Spielraum in einer Krise, das haben wir bei Corona gesehen. Jedoch zieht auch in der Schweiz der Schlendrian ein, und unser Parlament ist unfähig, den Finanzhaushalt ausgeglichen zu gestalten.

«Noch ist die Schweiz gut, aber sie ist auch nicht mehr so gut und solide, wie sie es einmal war.»

Felix W. Zulauf

Wo sollte die Schweizer Politik Ihrer Meinung nach den Sparhebel ansetzen?

Unser Parlament ist unfähig, das Ausgabenwachstum zu bremsen. Die Verwaltung ist viel zu aufgeblasen, und allein dort könnten mehrere Hundert Millionen gespart werden. Ich befürchte, dass der Bund auf die schiefe Bahn gerät, denn wichtige neue Ausgaben stehen ja erst noch bevor, wie z.B. die Aufrüstung der Armee auf ein vernünftiges Niveau, damit die Landesverteidigung glaubwürdig wird, oder die 13. AHV-Rente. Und bei den meisten Kantonen und Gemeinden sieht es ähnlich aus. Die Schweiz entfernt sich zunehmend von einer verlässlichen und soliden Finanzpolitik. Und die überbordende Bürokratie ist ein grosses Übel.

Im Gegensatz zum Schweizer Franken verliert der Euro kontinuierlich an Wert. Wie schätzen Sie diese Entwicklung mit Blick auf Schweizer Anleger ein?

Das Problem Euro wird sich meines Erachtens im Laufe der Jahre akzentuieren, weil der Zerfall der EU und ihrer Währung zunehmend realistisch wird. Die EU verfolgt eine Politik fern der Realität, was den Abstieg Europas beschleunigen wird. Die Zentrifugalkräfte werden in der EU zunehmen, da aufgrund der miserablen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung die einzelnen Staaten zunehmend ihren eigenen Interessen nachgehen werden.

Sie scheinen stark an der Reformfähigkeit der Europäischen Union zu zweifeln?

Ich erwarte den beschleunigten Abstieg Europas mit Entwicklungen, wie sie sich die meisten noch nicht vorstellen können. Es würde mich nicht überraschen, wenn es die EU und den Euro im nächsten Jahrzehnt nicht mehr gäbe. Auch die Schweiz wird den Gürtel enger schnallen müssen. Schweizer Anleger müssen sich dieser Risiken bewusst sein und diese bewirtschaften.

Die Verträge Schweiz–EU werden heiss diskutiert. Was glauben Sie als Anlageexperte, welche Auswirkungen hätte die institutionelle Anbindung der Schweiz an die EU?

Wenn die Schweiz alle gegenwärtigen und zukünftigen Gesetze in diesen Teilbereichen automatisch übernehmen muss, dann werden unsere Unternehmen deutlich weniger effizient und bürokratischer werden. Das wird zu tieferen Erträgen, tieferen Investitionen, weniger Arbeitsplätzen, weniger Steuersubstrat und weniger Wohlstand führen. Es wäre das Dümmste, was die Schweiz in der heute verwirrenden Weltlage machen könnte. Deregulieren, Bürokratie abbauen, das eigene Haus in Ordnung bringen, wieder echte Neutralität glaubwürdig leben und sich nirgends langfristig binden, aber weltweit offen bleiben – das ist das beste Mittel, um durch diese schwierige Zeit zu kommen.