Frau Ramsden, Sie sind Familienökonomin – Sie untersuchen, wie Menschen über Heirat, Kinder, Arbeitsteilung und Bildung entscheiden und welche Anreize dabei wirken. Was ist die überraschendste Erkenntnis aus Ihrer Forschung?
Eine meiner ersten Studien zur Familienpolitik – eine Analyse der Betreuungsgutscheine in der Stadt Luzern – zeigte, dass Subventionen für Kinderbetreuung die Erwerbstätigkeit von Müttern tatsächlich erhöhen und die finanzielle Situation der Haushalte verbessern können. Das konnten wir in Studien beweisen. Zuvor war ich skeptisch, ob finanzielle Anreize wirklich greifen und die Erwerbstätigkeit von Müttern erhöhen.
Dann ist die Botschaft so einfach: mehr Subventionen – und das Problem ist gelöst?
So einfach ist es nicht. Studien aus dem Ausland zeigen: Vergünstigte Kinderbetreuung führt häufig nicht nur zu mehr Erwerbstätigkeit, sondern ersetzt teilweise die Betreuung durch Grosseltern oder andere Angehörige.
Dann stossen Subventionen als politisches Instrument ab einem gewissen Punkt also an ihre Grenzen – was bewegt Menschen dann wirklich?
Finanzielle Anreize allein steuern Verhalten nicht. Tatsächlich haben spätere Arbeiten von mir gezeigt, wie stark andere Faktoren wirken. Entscheidungen über Erwerbstätigkeit, Kinder, Arbeitsteilung oder Bildung sind vielschichtig. Kulturelle Prägungen, soziale Normen oder die Frage, wie stark sich jemand über Beruf oder Familie definiert – das alles spielt eine noch grössere Rolle als ökonomische Faktoren.
In vielen Familien herrscht im Grunde Kommunismus: Alle teilen, niemand rechnet ab. Was kann die Ökonomik, die auf Eigennutz und Anreize setzt, überhaupt über Familien sagen?
Ich denke, dass diese Beschreibung etwas zu kurz greift. In vielen Familien spielen ökonomische Aspekte eine grössere Rolle, als man annimmt. Studien zeigen, dass finanzielle Konflikte ein relevanter Scheidungsgrund sind. Und spätestens bei Scheidungen oder Todesfällen wird sehr konkret (ab-)gerechnet. Gleichzeitig erleben viele Familien ganz praktische finanzielle Herausforderungen, etwa wenn unterschiedliche Konsumgewohnheiten aufeinandertreffen.
Also lauert der Ökonom auch in der glücklichsten Ehe – man sieht ihn nur nicht?
Die Ökonomik kann helfen, langfristigen Konsequenzen sichtbar zu machen. Beispielsweise: Welche Auswirkungen hat es auf die Altersvorsorge, wenn jemand weniger arbeitet? Welche Risiken entstehen durch fehlende Absicherung? Gerade in harmonischen Phasen lohnt sich ein nüchterner Blick auf ökonomische Realitäten. Und sie kann die Folgen für die Gesamtwirtschaft von individuellen Entscheiden aufzeigen: So haben Frauen Männer im Bildungsniveau inzwischen überholt, dennoch arbeiten sie vermehrt Teilzeit und sind weiterhin in vielen Berufen und insbesondere in Kaderpositionen weniger repräsentiert.
«So haben Frauen Männer im Bildungsniveau inzwischen überholt, dennoch arbeiten sie vermehrt Teilzeit und sind weiterhin in vielen Berufen und insbesondere in Kaderpositionen weniger repräsentiert.»
Werden wir konkret: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Familienentscheidung, bei der man sich von der Liebe leiten lässt und dabei die ökonomischen Aspekte zu sehr ausblendet?
Die hohe Teilzeitarbeit bei Frauen und Müttern deutet unter anderem darauf hin, dass sich viele Frauen nach der Heirat oder Geburt der Kinder weiterhin auf das Einkommen des Partners verlassen. Weniger zu arbeiten erscheint kurz- und mittelfristig sinnvoll – langfristige Effekte auf die finanzielle Unabhängigkeit werden jedoch oft unterschätzt.
Und was ist die wichtigste Familienentscheidung, bei der die ökonomischen Aspekte eine grössere Rolle spielen, als man sich selbst eingestehen will?
Bei der Altersvorsorge. Viele Frauen reduzieren ihr Pensum mit dem Argument, Kinderbetreuung lohne sich finanziell nicht. Das haben meine Doktormutter Monika Bütler und ich in Studien nachgewiesen. Doch das ist kurzfristig gedacht. Denn bei der Erwerbstätigkeit sollte nicht nur das aktuelle Einkommen betrachtet werden, sondern auch Pensionskassenbeiträge, Karriereentwicklung und spätere Rentenansprüche. Die Armutsstatistiken im Alter zeigen, dass diese langfristige Perspektive entscheidend ist.
Sie haben sich in Ihrer Forschung besonders auf die Schweiz konzentriert. Ein zentraler Pfeiler der Schweizer Familienpolitik ist die familienexterne Kinderbetreuung. Obwohl sie im internationalen Vergleich sehr teuer ist, bleibt die Frauenerwerbsquote hoch. Wie passt das zusammen?
Die Frauenerwerbsquote ist hoch, auch bei den Müttern – aber vor allem im Teilzeitbereich. Gleichzeitig spielen Grosseltern und andere Familienangehörige in der Schweiz eine zentrale Rolle bei der Kinderbetreuung. Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Kinder im Vorschulalter so betreut wird – teilweise häufiger als in Kindertagesstätten. Diese unbezahlte Betreuung ersetzt also kostenpflichtige Angebote. Deshalb kann trotz hoher Betreuungskosten eine hohe, wenn auch meist auf Teilzeit reduzierte, Erwerbsbeteiligung bestehen.
«Die Frauenerwerbsquote ist hoch, auch bei den Müttern – aber vor allem im Teilzeitbereich.»
Sie forschen zu Betreuungsgutscheinen. Wer profitiert von diesem System – und wer verliert?
Betreuungsgutscheine stärken die Wahlfreiheit der Eltern und können Wettbewerb unter Betreuungseinrichtungen fördern. In Luzern stieg nach der Einführung der Betreuungsgutscheine das Angebot deutlich, wobei sich aber nicht eindeutig belegen lässt, ob dies einzig auf das Gutscheinsystem zurückzuführen ist. In Luzern konnten insbesondere Mütter profitieren, deren Erwerbstätigkeit signifikant zunahm. Dadurch verbesserte sich die finanzielle Situation vieler Haushalte.
Aber steigt auch die Qualität der Betreuung?
Dies ist theoretisch zu erwarten, empirisch aber weniger eindeutig belegt. Studien aus verschiedenen Städten liefern hierzu kein klares Gesamtbild.
In letzter Zeit wird über eine stärkere Bundesrolle bei der Subventionierung der Kinderbetreuung diskutiert. Ist Familienpolitik aus ökonomischer Sicht eher Gemeinde- oder Bundesaufgabe?
In der Schweiz ist Familienpolitik primär Sache der Gemeinden. Ich begrüsse dies: Gemeinden sind näher an den lokalen Bedürfnissen ihrer Einwohnerinnen und Einwohner. So können regionale Unterschiede besser berücksichtigt werden. Gleichzeitig zeigen Studie, dass eine gezielte Bundesunterstützung als Starthilfe sinnvoll sein kann – sie kann Reformen erleichtern und ihre Akzeptanz erhöhen. Eine Balance zwischen lokaler Autonomie und nationaler Koordination scheint mir entscheidend.
Lassen Sie uns zum Schluss noch über etwas ganz anderes sprechen: Neben der Forschung schreiben Sie Romane und Krimis. Hilft Ihnen der ökonomische Blick auf menschliches Verhalten beim Schreiben – oder umgekehrt?
Absolut. Meine Forschung erklärt die strukturellen Zusammenhänge hinter individuellen Lebensläufen. Gleichzeitig hilft mir die literarische Perspektive, abstrakte Zahlen mit menschlichen Erfahrungen und Schicksalen zu verbinden. Hinter jeder Statistik stehen reale Lebensgeschichten. Es ist mir mit meinen Büchern ein Anliegen, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen erzählerisch greifbar zu machen. Zahlen werden erst dann wirklich verständlich und interessant, wenn man erkennt, wie stark sie mit dem eigenen Leben verknüpft sind.
«Hinter jeder Statistik stehen reale Lebensgeschichten.»
Woran arbeiten Sie gerade – und welche Forschungsfrage möchten Sie als nächstes angehen?
Ich arbeite heute an der ZHAW im Bereich öffentliches Finanzmanagement. Mich interessiert dabei beispielsweise, wie Machine Learning und moderne Methoden der Datenanalyse die Effizienz und Krisenfestigkeit öffentlicher Finanzen verbessern können. Familienpolitische Fragestellungen sind in meiner Arbeit indirekt weiterhin präsent, beispielsweise wenn wir mit Gemeinden über Prioritäten in ihren Budgets diskutieren. Die Schweizer Sozial- und Familienpolitik bleibt für mich ein Herzensthema – wissenschaftlich, literarisch und gesellschaftlich.