«Wer hätte das gedacht, dass die Zeit noch einmal so brenzlig wird?», hat Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Werner Sinn in seinem Vortrag am 24. April 2026 am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern gefragt. Der frühere Präsident des ifo-Instituts knüpfte direkt an seinen Vortrag vom Vorjahr an – und führte die Analyse weiter. Damals hatte er gezeigt, warum Trumps Zollpolitik in Wirklichkeit ein finanzielles Druckinstrument ist. Heute ist die Lage noch ernster: Die USA geben inzwischen mehr für ihren Schuldendienst aus als für ihre Verteidigung. Grönland, Venezuela, Ukraine – alles Deals zur Vermögensbeschaffung eines überschuldeten Landes. Europa komme in diesem Kalkül schlicht nicht vor. Trump respektiere Russland und China – aber die Europäer nicht.
Der eigentliche Kern des Vortrags dreht sich um die Frage, was Europa nun tun soll – und warum es so lange gezögert hat. Dazu zeichnete Sinn eine wenig bekannte Geschichtsstunde nach: Helmut Kohl habe die D-Mark nicht aus Überzeugung geopfert, sondern als Preis für ein militärisches Schutzbündnis mit Frankreich. Was er wollte, war die Verteidigungsunion. Was er bekam, war den Euro. Mitterrand habe die Asymmetrie der Verhandlungen meisterhaft ausgenutzt – und damit eine Chance verspielt, die Europa bis heute nicht zurückgewonnen hat. Die EU könne keine Kriege führen, ihr Entscheidungsapparat sei für den Ernstfall schlicht ungeeignet. Was Macron nun als Antwort vorschlage – Eurobonds zur Finanzierung nationaler Aufrüstung –, wiederhole den alten Fehler: Geld vergemeinschaften, Armeen getrennt lassen.
Sinns Gegenentwurf ist eine European Defense Federation – zusammengelegte Streitkräfte, ein gemeinsames Oberkommando, eine von der EU unabhängige Entscheidungsinstitution analog zur EZB, eingebettet in die NATO. Die Zusammenlegung koste keinen einzigen Euro. Im Gegenteil: Der Wegfall von Doppelstrukturen allein wäre eine gewaltige Kosteneinsparung. Und die entscheidende Wirkung wäre sofort da – Abschreckung –, noch bevor ein einziges neues Waffensystem entwickelt wäre.
Weitere Themen des Vortrags:
- Warum die USA heute mehr Geld für Zinsen ausgeben als für Verteidigung – und was das für Trumps Aussenpolitik bedeutet.
- Welche konkreten ersten Schritte hin zu einer europäischen Verteidigungsunion realistisch sind.
- Ob die Schweizer Neutralität im neuen sicherheitspolitischen Umfeld noch zeitgemäss ist.