Die Europäische Union stelle einen «Klub aus gedemütigten Imperien von einst» dar, sagt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch mit René Scheu, Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern. Die EU sei hervorgegangen aus den Überresten einst mächtiger Grossmächte, die nach dem Verlust ihrer imperialen Ansprüche eine neue politische und wirtschaftliche Ordnung suchten. Europa versuche heute, Grösse zu bewahren, ohne erneut imperiale Strukturen anzunehmen, sagt Sloterdijk.
Doch genau hier liege die Schwierigkeit. Alte Vorstellungen von Macht und Grösse seien noch immer tief im politischen Denken verankert und könnten das fragile Gleichgewicht zwischen Einheit und Vielfalt gefährden. Die Konsequenzen dieses historischen Erbes seien weitreichend. Es gibt jene Europäer, die den Rest der Welt moralisch missionieren wollen; dann gibt es jene Stimmen, die darum wetteifern, Europa schlechter zu machen als alle anderen; und es gibt jene, die auf eine immer stärkere Zentralisierung hinarbeiten.
Hinzu komme eine wachsende Geschichtsvergessenheit. Viele Europäer hätten den Bezug zu ihrer Vergangenheit verloren, da sie diese oft als belastend oder unangenehm empfänden. Diese Verdrängung untergrabe nicht nur das Bewusstsein für die gemeinsamen Errungenschaften Europas, sondern erschwere auch eine klare Orientierung in einer globalisierten Welt. Ohne eine reflektierte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte drohe Europa, seine Einheit und seine Bedeutung als globaler Akteur zu verlieren.
Ausserdem lesen Sie im Interview:
- Warum 1968 keine Revolution war
- Weshalb Peter Sloterdijk Europa als „Kontinent ohne Eigenschaften“ bezeichnet
- Was Peter Sloterdijk mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron im Elysée-Palast besprochen hat.