Ein General – das ist wohl die häufigste Antwort auf die Frage, wer Guillaume Henri Dufour war. Mit seinem Respekt gegenüber den Truppen des Sonderbunds und der Zivilbevölkerung hat der legendäre Befehlshaber im Bürgerkrieg von 1847 die Schweiz versöhnt. Jedoch war Dufour viel mehr. Er war einer der Gründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und hat als Kartograf hat er die erste detaillierte topographische Karte der Schweiz erstellt.
Der Schweizer Historiker und Publizist Prof. Dr. Joseph Jung hat das 175-Jahrejubiläum des Sonderbundkriegs zum Anlass genommen, das Leben und Wirken Dufour umfassend wissenschaftlich aufzuarbeiten. Zu dem kürzlich erschienen Buch haben Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger und Dr. Thomas M. Studer einen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte der Schweiz in den Jahren vor dem Sonderbundskrieg beigesteuert. Im Gespräch mit Thomas M. Studer erklärt Joseph Jung, inwiefern Dufour die Schweiz bis heute prägt – und was seine grössten Fehler waren.
Dr. Thomas M. Studer: Lieber Joe, du hast gerade eine umfassende Biographie über Guillaume Henri Dufour veröffentlicht. Warum ist es gerade heute spannend, sich mit Dufour zu befassen?
Prof. Dr. Joseph Jung: Guillaume Henri Dufour ist eine faszinierende Persönlichkeit, er gehört zu den grossen Figuren der Schweizer Geschichte, und er ist auch eine internationale Grösse. Die Frage stellt sich, wie wir heute mit historischen Figuren umgehen. Die einen werden vom Sockel heruntergeholt und in der Mottenkammer der Geschichte entsorgt. Doch Dufour reitet weiterhin hoch zu Ross auf einem kolossalen Sockel auf der Place Neuve in Genf. Er hat es verdient.
Was können wir gerade in den heutigen unruhigen Zeiten von Dufour lernen?
Lieber Thomas, die Frage stellt sich, ob man aus der Geschichte lernen will – ob man dies überhaupt kann. Dies wird zwar immer wieder postuliert, doch geschieht dies auch? Ich habe meine Zweifel. Und wer soll lernen, und was? Die Schülerinnen und Schüler in den Volksschulen, die Studentinnen und Studenten an den Hochschulen? Wie soll das gehen, wenn zusehends das Verständnis für die grossen Zusammenhänge fehlen, wenn Geschichte aus den Lehrplänen eliminiert wird, und wenn gerade die Schweizer Geschichte in den Hörsälen kaum mehr behandelt wird?
Wenn nicht Schüler, dann aber Politiker?
Sollen Politikerinnen und Politiker aus der Geschichte lernen? Gewöhnlich fehlt die Zeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die exekutiven wie legislativen Politikerinnen und Politiker hetzen durch die Traktandenlisten, konfrontiert mit komplexen Zusammenhängen und umgeben von Riesenbergen von Papieren, die sie kaum verarbeiten können. Man argumentiert aus der Gegenwart heraus, auch aus dem Hüftgelenk, die Sprechzeit ist auf das Minimum begrenzt, die Vergangenheit bleibt auf der Strecke. Wo bleibt die Zeit, grundsätzliche Gedanken und Reflexionen anzustellen? Spätestens nach 5 Minuten wird das Mikrofon abgestellt. Doch es sei gesagt: Wer vermöchte länger zuzuhören und das Gehörte kritisch zu bedenken?
Und welches waren seine grössten Irrtümer - auch mit Blick auf heute?
1847 hat Dufour die Schweiz gerettet. Doch 1856/57, im drohenden Krieg gegen Preussen, hätte er die Schweiz verspielt. So schnell kann es gehen. Dufour wurde von den technischen Entwicklungen überrollt. Seine Irrtümer? Dufour hat die preussischen Angriffspläne falsch gelesen. Sein Denken und Handeln waren in überholten Strukturen verhaftet. Doch auch die Schweizer Landesregierung war in der Verantwortung, und sie beging schwerwiegende Fehler. Sie befasste sich zu spät und zu wenig ernsthaft und gründlich mit der militärischen Bedrohung. Insgesamt fehlten der politischen wie der militärischen Führung die grundlegenden Voraussetzungen in moderner Kriegführung und Kriegsvorbereitung. Der Umgang mit der Neutralitätsfrage war fahrlässig.
Als General der eidgenössischen Truppen im Sonderbundskrieg von 1847 hat Dufour in einem Schlüsselmoment der Schweizer Geschichte eine zentrale Rolle inne. War er tatsächlich der Wegbereiter der modernen Schweiz, wie es gerne heisst?
Dufour hatte 1847 den schwierigsten Krieg zu führen, den ein General führen muss: einen Bürgerkrieg. Die Art und Weise, wie Dufour seine Truppen befehligte, war nichts anderes als eine Glanztat. Sein Geheimnis bestand darin, dass er das Kampfgeschehen nicht auf Zerstörung und Vernichtung ausrichtete. Er wollte physische und emotionale Verletzungen möglichst gering halten. Erst diese Strategie der Humanität machte den Bundesstaat von 1848 auch für die Verlierer des Bürgerkriegs zugänglich. Ja, Thomas, Dufour hat die neue Schweiz ermöglicht. Ohne ihn gäbe es 1848 nicht.
Dufour hatte viele Tätigkeitsfelder: Er war nicht nur als General, sondern auch als Kartograf, Ingenieur und Politiker eine zentrale Persönlichkeit der Geschichte des Schweizerischen Bundesstaats. Inwiefern prägt er die Schweiz bis heute?
Tatsächlich, Dufour hat in mehreren Disziplinen Grosses geleistet. Nicht als Politiker im engeren Sinn, in dieser Kategorie war er ein Hinterbänkler. Doch er war der Champion der Kartografie. Die nach ihm benannte Dufourkarte ging in die Geschichte ein. Er war auch ein Pionier des Brückenbaus. Menschlichkeit war Dufours Leitwert. Er war der erste Präsident des IKRK. Seine Vision der humanitären Kriegsführung ist von brennender Aktualität. So gesehen gehört das IKRK zu den schönsten und edelsten Werken der menschlichen Zivilisation.
Du bist ja auch ein hervorragender Kenner von Alfred Escher, dem wohl berühmtesten Schweizer Politiker und Wirtschaftsführer des 19. Jahrhunderts. Während Dufour 1847 eine bedeutende Rolle spielte, kann man sich die Entwicklung der Schweiz nach 1848 kaum ohne Escher vorstellen. Wo siehst du Parallelen zwischen Dufour und Escher? Wo unterschieden sie sich?
Wie ich gesagt habe, ist für mich der junge Bundesstaat ohne Dufour nicht denkbar. Doch dann brauchte es mehr als die Bundesverfassung von 1848, die ich übrigens als genialen Wurf bezeichne, als Geniestreich.
«Die Erfolgsgeschichte Schweiz war nur möglich dank dem wirtschaftsliberalen Zeitfenster der 1850/60er Jahre.»
Es brauchte Unternehmerpioniere und Grosskapitalisten, die mutig Projekte anpackten, Risiken trugen und investierten. Es waren nicht Politiker, die Strassen und Schienentrassees, Bahnhöfe, Brücken und Tunnels, Hotels und Fabriken und alle die vielen Infrastrukturen konzipierten, ohne die es die moderne Schweiz nicht gäbe. Es brauchte Ingenieure, Mathematiker, Geometer und Geologen. Und die Arbeiter auf den Baustellen. Escher war nicht nur Politiker, sondern auch ein Mann des Fortschritts. So erkannte er auch, dass der Forschungsplatz Schweiz für Wirtschaft und Gesellschaft unverzichtbar war. Lass es mich so sagen: Escher hat die Entwicklung der modernen Schweiz angestossen wie kein anderer. Er ist eine singuläre Figur. Mit seinen Ecken und Kanten ist Escher das Gegenstück des väterlichen, auf Versöhnung ausgerichteten Dufour.
Wie Dufour hatte auch Escher eine ganze Reihe von Tätigkeitsfeldern. Inwiefern konnte der junge Bundesstaat davon profitieren, dass Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft sich auch derart in der Politik engagierten?
Ein Geheimnis der Schweizer Erfolgsgeschichte nach 1848 war die enge Verbindung von Politik, Wirtschaft und Wissenschat. Ihre Kombination wurde zur Zauberformel im jungen Bundesstaat. Viele eidgenössische, kantonal oder kommunal tätige Politiker, die oftmals auf allen drei Ebenen zugleich wirkten, bekleideten parallel unternehmerische Spitzenpositionen. Diese Verflechtung war entscheidend. Ein Glück für die Schweiz.
Wenn man auf das Leben von Dufour und von Escher blickt, kann die Vermutung aufkommen, dass der Lauf der Dinge manchmal an einer einzigen Person hängt. Kannst du das bestätigen?
Es ist die ewige Streitfrage in der Geschichte, wer den Lauf der Dinge bestimmt. Sind es Strukturen, Prozesse und Systeme? Diese mögen im einzelnen Fall wichtig sein. Doch manchmal hängt alles an einer einzigen Person.
Bilder: Thomas Mathis.