Interviews
Von Dr. Thomas M. Studer 30. Oktober 2023

«Eine Erhöhung des Rentenalters wäre am effektivsten und fairsten», sagt Jackie Bauer.

Wp 15035 Jackie Bauer scaled

Frau Bauer, Sie setzen sich tagtäglich mit der Schweizer Altersvorsorge auseinander. Was sagen die jüngsten Zahlen zur Entwicklung der AHV?

Die AHV-Finanzen haben sich dank der jüngsten Reformen erholt. Aktuell rechnet das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) damit, dass die Ausgaben bis 2030 gedeckt sind. Das ist allerdings nur die kurze Sicht. Langfristig wissen wir, dass die AHV hoch verschuldet ist. Wegen der steigenden Lebenserwartung und des im Vergleich dazu geringen Referenzalters klafft eine Finanzierungslücke von rund 650 Milliarden – das sind fast 90 Prozent des BIP von 2019.

Kein Klecks. Doch Reformen in der Altersvorsorge sind schwer. Woran liegt’s?

An einer Vielzahl von Faktoren: das Problem von morgen ist heute nicht greifbar, der AHV-Fonds verfügt (noch) über Milliarden. Aber eben, der Schein trügt. Das weiss, wer rechnet. Reformdiskussionen werden jedoch vorwiegend auf emotionaler und nicht auf rationaler Ebene geführt. Und ein letzter Grund: die wählerstärksten Altersgruppen sind aktuell auch die geburtenstärksten.

Aktuell wird in den Medien viel über die Ungleichheit bei der Vorsorge gesprochen: Frauen haben demnach weniger Geld in der Pensionskasse als Männer. Was sind die Fakten?

Meiner Meinung nach ist das ein klassischer Fall von Symptombekämpfung statt Ursachenforschung. Schauen wir die Statistiken an, sehen wir, dass alle Frauen im Durchschnitt weniger Pensionskassenrente erhalten als Männer. Gehen wir aber einen Schritt tiefer in die Details, sehen wir, dass ledige Personen beider Geschlechter etwa gleich viel Rente erhalten und verheiratete Männer mehr Rente erhalten als unverheiratete. Wen wundert’s – die berufliche Vorsorge ist an die Erwerbsbeteiligung geknüpft. Bei Frauen beträgt diese durchschnittlich 60 Prozent, bei Männern 85 Prozent. Was zählt, ist jedoch nicht die absolute Rente, sondern der Lebensstandard, den man mit dem Renteneinkommen unterhalten kann. Dabei müssen Paare als eine ökonomische Einheit betrachtet werden, das heisst in vielen Fällen ist ein tieferes Renteneinkommen nicht mit einem tieferen Lebensstandard verbunden. Wenn wir diese Tatsache realistisch betrachten, könnten wir auch gezielt darüber diskutieren, wie wir den Frauen (und Männern), die von Altersarmut betroffen sind, konkret helfen können.

Was sind konkrete Reformmöglichkeiten, die in anderen Ländern bereits erfolgreich umgesetzt wurden?

Generell lässt sich sagen, dass das Leistungsprimat immer häufiger durch das Beitragsprimat ersetzt wird. Die Höhe der Rente ist somit nicht mehr vom zuletzt versicherten Lohn, sondern vom angesparten Kapital des Versicherten abhängig. Damit steigt je nach konkreter Ausgestaltung auch die Eigenverantwortung. Zudem wird das Rentenalter in vielen anderen Ländern konsequent erhöht oder an die Lebenserwartung angepasst. Auch die Einnahmen zusätzlich zu erhöhen ist eine Möglichkeit, die vereinzelt genutzt wird. Wichtig zu beachten ist meiner Meinung nach, wie fair die Massnahmen auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen – nach Alter, Familienstand und Vermögen – verteilt sind. Unsere Analysen zeigen, dass die Rentenalter-Erhöhung für die Schweiz die effektivste und generationengerechteste Reformmassnahme wäre.

Das IWP schlägt eine Schuldenbremse in der AHV vor. Wie müsste diese aus Ihrer Sicht ausgestaltet sein?

Zunächst wäre der Bremsauslöser zu definieren – wenn die Einnahmen nicht mehr ausreichen, um die Ausgaben zu decken, oder wenn der AHV-Fonds unter einen bestimmten Wert prozentual zu den Ausgaben fällt. Dann müsste definiert werden, wie die Reaktion aussieht. Mehr Einnahmen beispielsweise durch Beitrags- oder Steuererhöhungen. Länger Arbeiten durch einen automatischen Anstieg des Referenzalters, weniger Auszahlungen durch Rentenkürzungen oder keine Anpassungen an die Inflation. Meiner Meinung nach wäre ein Vorsorgesystem, das sich automatisch an die äusseren Bedingungen – vor allem Lebenserwartung und Wirtschaftsumfeld – anpassen kann, die beste Lösung.

Bei so viel politischer Blockade: Müsste das Schweizer Vorsorgesystem nicht einfach die Eigenverantwortung der Bürger in Bezug auf ihre Altersvorsorge stärker betonen?

Jein, Eigenverantwortung ist in meinen Augen elementar wichtig für einen finanziell abgesicherten Ruhestand. Wir haben drei Säulen im Schweizer Vorsorgesystem, was auch im internationalen Vergleich eine gute und breite Basis darstellt. Innerhalb dieser drei Säulen gibt es obligatorische und «sorgenfreie» Komponenten, wo wir uns auf das System verlassen können. Aber es bietet auch genug Raum für Eigenverantwortung im überobligatorischen Teil der 2. Säule und in der Säule 3a.

Konkreter?

Eine einfache Rechnung zeigt, dass eine Person, die über 44 Erwerbsjahre regelmässig den vollen 3a-Beitrag leistet, über 300’000 Franken ansparen kann. Mit Zinseszinseffekt und durchschnittlich 3% Rendite kann sich dieser Betrag fast verdoppeln. Das reicht, um die «Vorsorgelücke» zu füllen. Wir sehen in Umfragen auch, dass viele die 3. Säule nicht nutzen, weil sie es vergessen oder kein Vertrauen in die Finanzmärkte haben, aber nicht, weil sie es sich nicht leisten können. Meiner Meinung nach haben wir es hier mit dem menschlichen Phänomen der zeitlich inkonsistenten Präferenzen zu tun, und dieses Problem müssen wir lösen.

Zur Person

Jackie Bauer ist Ökonomin und seit März 2023 Program Manager am UBS Sustainability and Impact Institute. Zuvor war sie von 2020 bis März 2023 Direktorin des Head Retirement & Public Policy Research am UBS Chief Investment Office. Von 2017 bis 2020 hatte sie die Position eines Associate Director, Economist & Pension Expert, am UBS Chief Investment Office, Swiss Investment Office inne. Bauer doktoriert seit 2020 in Politischer Ökonomie an der Universität Luzern. Zuvor schloss sie Ihren Master in Management und Economics 2014 an der Universität Zürich ab.
Wp 15015 J Bauer