«Die Geschichte hat uns wieder eingeholt», resümiert der Militär- und Strategieexperte Prof. Dr. Ulrich Zwygart im «Blick»-Interview zum Ukraine-Krieg mit Dr. René Scheu, Geschäftsführer des IWP. Zu lange habe der Westen die Augen vor den Vorgängen in Russland verschlossen, jedoch habe es seit über 15 Jahren Anzeichen dafür gegeben, dass ein neuer kalter Krieg aufflammen könne.
Niemand könne mehr den Ernstfall ausschliessen, sagt Zwygart. Damit stehe die Frage nach dem Stand der Wehrfähigkeit der Schweiz im Raum. Diesbezüglich fällt das Urteil des ehemaligen Offiziers gemischt aus. Die Akzeptanz der Armee sei in den vergangenen 30 Jahren gesunken und mit ihr das Militärbudget. Die Schweizer Armee verfüge heute über zu wenig Material, das teilweise nicht auf dem neuesten Stand der Technik sei.
Mit der Beschaffung von neuen Flugzeugen werde ein Schritt in die richtige Richtung unternommen. Dies reiche aber nicht aus, meint Zwygart. Wichtig sei, dass sich die Schweiz strategisch gut aufstelle – vernetzt, aber autark, weltoffen und gleichzeitig unabhängig:
«Lagerhaltung, Reservebildung, Kapitalbindung galten lange als verpönt – die Wirtschaft wurde auf Kosteneffizienz getrimmt. Wir müssen wieder lernen, dass globale Lieferketten anfällig und risikoreich sind.»
Ebenso wichtig sei strategisches geopolitisches Denken von Vertretern der Wirtschaft und der Politik – nur so können Abhängigkeiten von Staaten vermieden werden, die die Schweiz schwierige Situationen bringen könne. Während Russland eine militärische Vormachtstellung in Europa anstrebe, arbeite China an einer ökomischen und technologischen Position der Stärke in der Welt.
Wichtig seien aber nicht nur modernes Material und Technik, sondern auch kompetente und erfahrene Menschen, die nach modernen Grundsätzen geführt werden. Aus diesem Grund hält Ulrich Zwygart ein Revival der Milizarmee für wünschenswert. Wenn der Wehrwille so wie in der Ukraine gegeben sei, dürfe man die Schlagkraft der Schweizer Milizarmee keinesfalls unterschätzen.