Von Dr. Martin Mosler, Bereichsleiter Fiskalpolitik.
Trotz der global hohen Inflationserwartungen hat sich die allgemeine wirtschaftspolitische wie politische Lage seit dem letzten Quartal weltweit verbessert. So werden sowohl die gegenwärtige Wirtschaftspolitik wie die politische Stabilität in den meisten Weltregionen deutlich optimistischer eingeschätzt als noch im Sommer 2022. Die befragten Experten lassen jedoch weiterhin Verbesserungsbedarf bei der Bewältigung wirtschaftspolitischer Herausforderungen in der Zukunft und der allgemeinen Performance ihrer Regierungen erkennen. Zu diesem Ergebnis kommt der Economic Experts Survey (EES), eine globale Umfrage des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern und des ifo Instituts unter 1’687 Wirtschaftsexperten aus 129 Ländern.
Wirtschaftspolitik: kurzfristige Entspannung, langfristige Herausforderungen
Die Bewertungen der Wirtschaftsexperten zur gegenwärtigen Wirtschaftspolitik in ihren Ländern unterscheiden sich auf globaler Ebene. So zählt wenig überraschend der osteuropäische Raum zu den roteingefärbten Weltregionen, in denen die Experten von einer Verschlechterung der Lage gegenüber dem Vorquartal ausgehen. Auch in Südamerika und Westafrika haben sich die wirtschaftspolitischen Einschätzungen gegenüber dem Sommer 2022 verdüstert. In den übrigen Weltregionen steht die Bewertungsampel der Teilnehmer von Universitäten, internationalen Organisationen oder multinationalen Unternehmen inzwischen jedoch nicht mehr auf Rot.
Global betrachtet überlagern sich gegenwärtig mehrere Trends. So sendet u.a. der russische Angriffskrieg auf die Ukraine wirtschaftspolitische Schockwellen um den Erdball. Belastend wirkt die weiter bestehende Unsicherheit bezüglich der ukrainischen Nahrungsmittelexporte, die Russland zwischenzeitlich komplett blockierte. Gleichzeitig schwächen sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie jedoch stetig ab. In Summe verbesserte sich die wirtschaftspolitische Lageeinschätzung etwa im gesamten asiatischen Raum, aber auch in Nordamerika und weiten Teilen Afrikas.
Die wirtschaftspolitische Bewertung setzt sich dabei zusammen aus den Einschätzungen der Experten zur aktuellen Wirtschaftspolitik und ihrer Beurteilung bezüglich zukünftiger Herausforderungen in der Wirtschaftspolitik. Im Vergleich der beiden Dimensionen wird deutlich, dass die Wirtschaftsexperten in aller Welt den langfristigen Ausblick auf die wirtschaftspolitische Lage im Durchschnitt deutlich schlechter einschätzen als die gegenwärtige Umsetzung der Wirtschaftspolitik in ihren Ländern.
Die europäischen Experten sind im Vergleich zu den meisten anderen Weltregionen in der Bewertung des wirtschaftspolitischen Umfeldes weniger optimistisch. Zwar hat sich bis auf Osteuropa die Bewertung gegenüber dem Vorquartal leicht gebessert, jedoch belasten weiterhin die Überlegungen zu möglichen Energieengpässen die Einschätzung der Teilnehmer. Speziell für die Schweiz bewerten die Experten der Skala von -100 bis +100 mit einem durchschnittlichen Wert von 13 die wirtschaftspolitische Lage deutlich besser als noch im vergangenen Sommer.
Die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen im Bereich der Wirtschaftspolitik zeichnet ein pessimistischeres Bild. Gerade in Osteuropa sind die wirtschaftspolitischen Aussichten noch düsterer als im Vorquartal. Zusätzlich zu den direkten Kriegsfolgen sehen die Experten wohl auch indirekte Verwerfungen wie gestörte Handelsbeziehungen. Generell fallen die Zukunftserwartungen der Teilnehmer in Europa im weltweiten Vergleich unterdurchschnittlich aus. So belastet auch der demografische Trend mit einer alternden Bevölkerung die wirtschaftspolitischen Erwartungen. Für die Eidgenossenschaft sehen die Wirtschaftsexperten in Summe der Einflüsse keine Änderung gegenüber der Situation im Sommer des laufenden Jahres.
Politische Lage: verbesserte Rahmenbedingungen weltweit
Die Verbesserung der wirtschaftspolitischen Bewertung schlägt sich auch in der politischen Lagebeurteilung nieder: Der Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen und politischen Einschätzungen ist weltweit ausgeprägt. In den meisten Weltregionen sehen die befragten Experten die politische Lage entsprechend deutlich optimistischer im Vergleich zum Vorquartal. Angesichts der weiter bestehenden wirtschaftspolitischen Herausforderungen ist es zu begrüssen, dass der politische Rahmen nun notwendige Wirtschaftsreformen anscheinend effektiver unterstützen kann als noch im Sommer 2022.
Die Bewertung des politischen Klimas besteht dabei zu gleichen Teilen aus den Einschätzungen der Experten zur Performance der Regierung und der politischen Stabilität in ihren Ländern zusammen. Im Durchschnitt verbesserten sich beide Dimensionen in der Wahrnehmung der Teilnehmer im Vergleich zum Vormonat. Während die politische Lage jedoch auf breiter Front optimistische Ergebnisse zu Tage fördert, ist die Einschätzung der politischen Performance von Regierungen polarisierter.
Die Performance der Regierung wird in vielen Weltregionen gegenüber dem Vorquartal als besser eingeschätzt. Spitzenreiter ist dabei Nordamerika, wo unter US-Präsident Biden Anfang September 2022 ein umfangreiches Reformpaket mit Schwerpunkten im Gesundheitsmarkt, Energieversorgung und Steuerpolitik verabschiedet wurde. Relativ neutral wird die Regierungsleistung in den europäischen Staaten bewertet, deren Politik weiterhin vom Konflikt in der Ukraine geprägt ist. Am unteren Ende des Spektrums befinden sich die südamerikanischen Staaten, wo beispielsweise in Kolumbien mit Gustavo Petro ein linksorientierter Politiker die Präsidentschaftswahlen gewinnen konnte. Für die Schweiz sehen die Experten mit einem durchschnittlichen Wert von -6 insgesamt eine leichte Verschlechterung der Regierungsleistung.
Die politische Stabilität wird weltweit optimistischer eingestuft als noch im Sommer des laufenden Jahres. Die regionalen Differenzen können teils mit nationalen Wahlen zusammenhängen. So bestätigte in Ostafrika etwa das oberste Gericht Kenias Anfang September 2022, dass William Ruto mit knapper Mehrheit die Präsidentenwahl für sich entscheiden konnte. Zum Umfragezeitpunkt war hingegen der Wahlausgang in Brasilien oder Italien noch ungewiss, was sich wohl auch in den vergleichsweise niedrigeren Umfrageergebnissen zeigt. Negativer wird die Lage etwa in Westafrika eingeschätzt, wo Ende September 2022 ein Staatsstreich zum Sturz des vorherigen Interimspräsidenten führte. Der Schweiz scheint ein Coup d’état nicht zu drohen: Mit einem Durchschnittswert von 13 sehen die Teilnehmer keine Gefährdung der politischen Stabilität.
Zusammenfassung: Verbesserung des Status Quo
Der EES hat auch im dritten Quartal 2022 ein differenziertes Bild der weltweiten Lageeinschätzung gezeichnet. In vielen Teilen der Welt sehen die Wirtschaftsexperten eine Verbesserung des Status Quo in Wirtschaftspolitik und politischen Rahmenbedingungen gegenüber dem Vorquartal. Die Ergebnisse lassen jedoch nur auf relative Veränderungen schliessen. Absolut betrachtet befindet sich die Weltwirtschaft weiter in schwierigem Fahrwasser. Vor allem die globale Inflationswelle und der andauernde russische Angriffskrieg, aber auch zunehmende politische Spannungen zwischen den China, den Vereinigten Staaten und Europa lassen die weitere wirtschaftspolitische Entwicklung ungewiss erscheinen.
Hintergrund: Economic Experts Survey
Der Economic Experts Survey (EES) ist eine vierteljährliche Umfragereihe unter internationalen Wirtschaftsexperten, die gemeinsam vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern und dem ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München durchgeführt wird. Der Economic Experts Survey (EES) misst auf globaler Ebene die Qualität von Wirtschaftspolitik und politischen Rahmenbedingungen anhand von Expertenaussagen. Die Ergebnisse werden vierteljährlich veröffentlicht. Der EES liefert durch die Einschätzungen der Teilnehmer zunächst qualitative Informationen, die für die folgende Interpretation der Ergebnisse aufbereitet werden. Die Ergebnisse des EES sind zeitnah und international vergleichbar. In der Umfrage werden den Experten die folgenden vier Kernfragen gestellt:
(1) Wie beurteilen Sie die aktuelle Wirtschaftspolitik Ihres Landes?
(2) Wie gut ist die Wirtschaftspolitik Ihres Landes auf die Herausforderungen der Zukunft ausgerichtet?
(3) Wie beurteilen Sie die Leistung der derzeitigen Regierung Ihres Landes?
(4) Wie beurteilen Sie die Stabilität der derzeitigen politischen Situation in Ihrem Land?
Nach jeder Frage folgt die Referenzaussage «Bitte vergleichen Sie es mit dem letzten Quartal und geben Sie eine untere und obere Grenze an». Die Experten geben eine entsprechende Einschätzung auf einer Skala von -100 («schlechter») bis +100 («besser») an. Die Angaben werden zuerst auf Länderebene und anschliessend innerhalb von Weltregionen gemittelt. Wir differenzieren nach 18 Weltregionen auf fünf Kontinenten, aufbauend auf der Definition der geografischen Regionen der Vereinten Nationen. Aufgrund von Datenbeschränkungen definieren wir alle Subregionen innerhalb Ozeaniens als eine Region und fassen die Regionen Zentralamerika und Karibik zu einer gemeinsamen Region zusammen. Die Gesamtbewertung bzw. die Weltkarte basieren für die Wirtschaftspolitik auf dem Mittelwert des regionalen Durchschnitts der Fragen (1) und (2) und für die politische Lage auf dem Mittelwert des regionalen Durchschnitts der Fragen (3) und (4). Das Aggregieren auf ein regionales Level dient vornehmlich der Wahrung der Anonymität der Teilnehmer, sodass keine Rückschlüsse auf individuelle Antworten möglich sind. Die Umfrage erfolgt auf Englisch.
Wir rekrutieren die Wirtschaftsexperten für die Umfrage aus zwei Gruppen. Die erste Gruppe sind renommierte Wirtschaftsexperten, die an Forschungsinstituten, Zentralbanken, multinationalen Unternehmen, Botschaften und internationalen Organisationen arbeiten. Die Experten aus dieser Gruppe sind handverlesen und haben Verbindungen zum international renommierten CESifo-Netzwerk. Die zweite Gruppe besteht aus führenden Akademikern und Forschern im Bereich der Wirtschaftswissenschaften gemäss internationalen Wissenschaftsrankings. Teilnehmer aus beiden Gruppen prägen oftmals die öffentlichen Wirtschaftsdebatten in ihrem Land. Wir kontaktieren die Top-Experten aller aufgeführten Länder per E-Mail mit der Einladung zur Teilnahme am EES, wobei jede Umfragewelle über einen Zeitraum von zwei Wochen läuft. Die Experten beantworten die Fragen online und können dabei das Land auswählen, für das sie ihre Expertise zur Verfügung stellen möchten. Die Wirtschaftsexperten nehmen freiwillig an der Umfrage teil und erhalten für die Teilnahme keine Vergütung.
Die Fragen sind bewusst allgemein und breit gestellt, um der vielfältigen Expertise der Teilnehmer Rechnung zu tragen. Bei der individuellen Beantwortung der Fragen wird somit ein Spektrum an Schwerpunkten der Experten abgebildet, während die dargestellten aggregierten Ergebnisse ein umfassendes Bild über die gesamte (Wirtschafts-)Politik widerspiegeln und nicht auf ein Themenfeld beschränkt sind.
An der dritten Welle der EES-Umfragereihe nahmen 1’687 Wirtschaftsexperten aus 129 Ländern teil. Die Umfrage lief vom 7. September 2022 bis zum 21. September 2022. Die Auswertung der Ergebnisse wird zwischen den Forschungsteams der beiden beteiligten Institute koordiniert. Die mögliche Interpretation der Ergebnisse wird ebenso von den Forschungsteams besprochen, die finale Auswertung und Publikation erfolgt jedoch individuell. Die hier dargestellte Interpretation der Ergebnisse entspricht der Einschätzung des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern.