Der Kapitalismus habe zu Unrecht einen schlechten Ruf, sagt Prof. Dr. Markus Gabriel in seiner Vorlesung an der Universität Luzern. Obwohl der Massenwohlstand und die technologischen Innovationen Früchte des Kapitalismus seien, gelte er vielen als kalt und zynisch. Allerdings gebe es auch berechtigte Kritik: Die freien Märkte führten nicht immer automatisch zu einem ethisch vertretbaren Ergebnis, sagt der deutsche Starphilosoph.
Aus diesem Grund schlägt Markus Gabriel die Einführung einer neuen aufgeklärten Idee vor, wonach der – scheinbare – Widerspruch zwischen Ethik und Kapitalismus keiner mehr ist: den ethischen Kapitalismus. Konkret bedeute dies zum Beispiel, dass jedes Unternehmen eine Ethik-Abteilung schaffen sollte, mit einem «Chief Philosophy Officer» (CPO) an der Spitze. Die Ethik-Abteilung habe die Aufgabe, für das Unternehmen zu untersuchen, wie es sich in schwierigen ethischen Dilemma-Situationen richtig entscheiden könne. Bei der Entscheidung solle sich der CPO am «ethischen Realismus» orientieren. Gemäss diesem Ethik-Konzept gibt es auf jede richtig gestellte moralische Frage eine richtige Antwort.
Es sei Aufgabe der CPO, den neuesten Forschungsstand bezüglich moralischer Tatsachen zu kennen und diese auf konkrete Fälle anzuwenden. Als Beispiel nannte Gabriel den deutschen Konzern Siemens, der 2019 von den «Fridays for Future»-Aktivisten wegen der Kohleförderung in Australien angeprangert wurde. Die Ethik-Abteilung hätte in dieser Situation die gegensätzlichen Interessen – Vertragstreue und Umweltschutz – sinnvoll abwägen und die richtige Entscheidung können.
Wie der ethische Kapitalismus strukturell zu einer Gesellschaft beiträgt, erfahren Sie im Video.