Lieber Herr Derungs, wie kommt ein ausgebildeter Linienpilot dazu, die Leitung der Zentralschweizer Industrie- und Handelskammer IHZ zu übernehmen?
Durch Missmanagement, Schicksal und vielfältige Interessen. Nach dem Grounding der Swissair orientierte ich mich neu. Ich habe Erfahrung an Universitäten, in der Medienwelt, im unternehmerischen Kontext gesammelt. Nach dem Zweitstudium der Rechtswissenschaften war ich bereit für die Aufgabe als Direktor der IHZ. So führte mich mein bisheriger Weg vom mutmasslichen Traumberuf Pilot zu meinem tatsächlichen Traumberuf im Dienst der Zentralschweizer Unternehmen. Es gibt für unser Team sehr viel zu tun, damit das Unternehmertum in unserer Region noch mehr wahrgenommen und geschätzt wird.
Abgesehen von der Schweiz selbst – was für grossartige Innovationen hat die Zentralschweiz noch hervorgebracht? Und bitte lassen Sie den Käse aus!
Das reicht vom Sackmesser (Victorinox), über Motoren für Marsmobile (Maxonmotor), hin zu vernetzten Kaffeemaschinen (Thermoplan), Weltmeister-Skis (Stöckli), Transport- und Trainingsflugzeugen für erschwerte Start- und Landebedingungen (Pilatus Flugzeugwerke), mehrstöckigen Holzbauten (Renggli AG), elektrische Traktoren (Rigitrac), diverse Anwendungen von Ultrahochleistungsbeton (Mauderli AG) bis hin zur biologischen Schädlingsbekämpfung (Andermatt Biocontrol). Mit Blick auf unsere IHZ-Mitgliederliste könnte man die Liste noch mit vielen weiteren Innovationen weiterführen. Der unternehmerische Geist, der Wille, etwas zu erreichen und zu gestalten und gleichzeitig einen Beitrag für eine funktionierende Gesellschaft zu leisten, beeindruckt mich. Und er spornt mich an. Ich wünsche mir, dass die Menschen unserer Region auch stolz darauf sind.
Der Jurabogen produziert Uhren, Genf hat die internationalen Organisationen, Zürich die Finanzindustrie – wofür steht die Zentralschweiz?
Die Zentralschweiz wird im Rest der Schweiz oftmals als reine Tourismusregion wahrgenommen. Mit jährlich 1,3 Millionen Logiernächten in der Stadt Luzern und 320'000 Übernachtungen in Engelberg mag das für einzelne Gemeinden stimmen. Aber der Beschäftigungsanteil des Tourismussektors ist eher tief. Beispielsweise arbeiten im Kanton Luzern 4,5 Prozent der Angestellten im direkten Gastronomie- und Beherbergungssektor. Wenn wir hingegen einen grundsätzlichen Blick auf die Region Zentralschweiz werfen, so würde ich zusammenfassen, dass es sich um einen wachsenden Wirtschaftsraum mit einer starken Industrie handelt.
Man assoziiert die «Zentralschweiz» doch zuallererst mit atemberaubenden Landschaften – aber Sie sagen, dass sie eigentlich ein Industriegebiet ist?
Die Zentralschweiz ist tatsächlich nicht nur postkartenreif, sondern auch industrieerprobt: Mit 22 Prozent der Beschäftigten arbeiten überdurchschnittlich viele Zentralschweizerinnen und Zentralschweizer in einem Industriebetrieb. Der industriellste Kanton ist übrigens Obwalden, wo beinahe ein Drittel der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe tätig ist. Der Anteil des Industriesektors an der Wirtschaftsleistung liegt noch höher. Im Gegensatz zu anderen Regionen hat die Zentralschweiz aber dank Diversifizierung ein geringeres Klumpenrisiko.
«Die Zentralschweiz ist tatsächlich nicht nur postkartenreif, sondern auch industrieerprobt.»
Gibt es keine regionalen Spezialisierungen?
Die einzelnen Zentralschweizer Kantone haben tatsächlich gewisse Schwerpunkte, im Besonderen mit Blick auf die Exporte. So steht der Kanton Luzern besonders für den Maschinenbau, der Kanton Uri für Metallerzeugnisse, der Kanton Schwyz für chemische Erzeugnisse, Zug für pharmazeutische Erzeugnisse, Obwalden für Elektrische Ausrüstungen und Nidwalden für «sonstige Fahrzeuge», wobei damit vor allem Flugzeuge im Vordergrund stehen. Diese Industrien bedienen die Welt!
Die Zentralschweiz ist in den letzten zehn Jahren im Vergleich zu den anderen Grossregionen wirtschaftlich am stärksten gewachsen. Was macht die Zentralschweizer Wirtschaft so erfolgreich?
Wir beobachten ein starkes BIP-Wachstum, und immer mehr Personen pendeln für die Arbeit in die Zentralschweiz. Allem voran sind es die Unternehmen, die dank ihrer Innovationsfähigkeit und Resilienz gut wirtschaften. Natürlich helfen die guten Rahmenbedingungen des Wirtschaftsstandorts. Mit einer der höchsten Berufsbildungsquoten können Unternehmen von gut ausgebildeten Arbeitskräften profitieren. Auch die politischen Rahmenbedingungen sind für Unternehmen weiterhin günstig.
Können Sie das etwas näher ausführen?
Die Wege zur Politik und Verwaltung sind im Vergleich zu anderen Regionen kurz, und das Zentralschweizer Stimmvolk ist sich den wirtschaftlichen Realitäten bewusst. Das ist wichtig, denn wirtschaftliche Realitäten müssen vor gut gemeinten Wunschszenarien stehen. Es gibt überzeugende Mehrheiten für tiefe Steuern und einen schlanken Staat. Man muss nur mal Reden und Ansprachen von Regierungsrätinnen und Regierungsräten der Zentralschweizer Kantone mit ihren Kollegen aus anderen Regionen vergleichen. Da kommt zumindest die Hoffnung auf, dass die Schweiz ihren liberalen Erfolgsweg weiterführen kann.
Wo drückt der Schuh? Wie beeinflussen die nationalen und die internationalen Rahmenbedingungen sowie aktuelle Entwicklungen die Unternehmen konkret?
Die Situation von Unternehmern ist von grosser Unsicherheit geprägt. Dies ergibt sich aus dem Zusammenwirken von unterschiedlichen Aspekten. Zentrale Probleme sind die Bereiche Geopolitik, Bürokratie und Infrastruktur. Gerade die geopolitischen Unsicherheiten, also der Ukrainekrieg und die Eskalation im Nahen Osten sind zentral. Aber auch die zunehmende Machtpolitik der grossen Blöcke, USA und China, hat direkte Auswirkungen auf uns.
Das müssen sie erklären!
Wir sind in diesem machtpolitischen Spiel oft Zielscheibe von Massnahmen der einflussreichen Staaten, die nach Wegen und Mitteln suchen, um nicht nur Einfluss geltend zu machen, sondern auch die ausufernde Staatsverschuldung einzudämmen. Unsere Unternehmen spüren dies durch steigende internationale Steuerlasten (OECD-Mindeststeuer) und durch europäische Regulierungen (AI-Act, Lieferkettengesetz, Green Deal etc.). Viele dieser Regulierungen wirken nicht wie geplant, sondern erschweren die wirtschaftliche Entwicklung und schränken den Wettbewerb und Fortschritt ein. Unternehmerisches Risiko auf sich zu nehmen, lohnt sich nicht mehr.
Die Welt steht vor grossen Herausforderungen und die EU versucht, diese mit Regulierung anzugehen. Droht Europa den Anschluss zu verlieren?
Bundesrat Guy Parmelin lieferte darauf am diesjährigen Zentralschweizer Wirtschaftsforum eine unmissverständliche bildliche Antwort: Die USA und China stehen sich im Technologie-Wettkampf auf dem Fussballfeld gegenüber. Sie versuchen, besser als ihr Gegner zu kombinieren, sie verteidigen geschickt und riskieren viel im Angriff. Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, entwickeln sie neue Geschäftsmodelle und erhoffen sich, die Partie dadurch für sich zu entscheiden. Europa hingegen befasst sich mit Vorgaben, Regulierungen und bürokratischer Administration und schlüpft damit in die Rolle des Schiedsrichters. Diese Rolle mag ehrenvoll sein. Bundesrat Parmelin verwies auf das damit verbundene Problem: Der Schiedsrichter hat noch nie ein Fussballspiel gewonnen. Die Folgen davon sind bereits deutlich sichtbar.
«Der Schiedsrichter hat noch nie ein Fussballspiel gewonnen.»
Sie sprechen von der Krise in Deutschland?
Genau, der Wirtschaftsmotor Europas stottert. Unser nördlicher Nachbar schlittert in eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise, die auch viele Unternehmen in der Zentralschweiz direkt spüren. Aufgrund der sinkenden Nachfrage in Deutschland müssen Schweizer Lieferanten, zum Beispiel aus der Automobilindustrie, mit sinkenden Aufträgen umgehen. Dasselbe geschieht in Frankreich.
Neben den geopolitischen Turbulenzen und der Bürokratie haben sie auch die Infrastruktur als zentrale Problem genannt. Wo sehen Sie in der Zentralschweiz Handlungsbedarf?
Wir haben grossen Nachholbedarf im Bereich der Mobilität (Ausbau von Strasse und Schiene), dem Wohnungsbau und der Energieproduktion. Bei Letzterem bedarf es bis 2050 eines Zubaus der Stromproduktion von 40 bis 50 Terrawattstunden. Das schaffen wir mit Solar und Wind nicht, d.h. es braucht eine technologieneutrale und offene Diskussion über sämtliche Möglichkeiten. Ohne Lösungen wird Energie noch teurer, und die Gesellschaft wird mit den Problemen fehlender Energieversorgung zu kämpfen haben.
Welche spezifischen Strategien und Innovationen können Unternehmen vor Ort entwickeln, um ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber diesen grossen externen Einflüssen zu stärken und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern?
Die Unternehmen müssen wie bis anhin flexibel auf diese Herausforderungen reagieren. Sie müssen dabei schnell sein und sich auf veränderte Marktsituationen und Realitäten anpassen und den Mut aufbringen, neue Pfade zu begehen. Markus Bucher, CEO der Pilatus Flugzeugwerke brachte es jüngst in einem Interview auf den Punkt: «Es gibt die schnellen Unternehmen und die toten».
Die Zentralschweiz steht also vor grossen Herausforderungen. Was gibt besonderen Anlass zur Freude?
Anlass zur Freude gibt die grundsätzliche Robustheit der Schweizer Industrie und der Gesamtwirtschaft. Unser Arbeitsmarkt ist im Vergleich zu anderen Staaten noch einigermassen flexibel ausgestaltet; wir haben ein starkes Bildungssystem mit einer herausragenden Berufsbildung einerseits und starker Grundlagenforschung an den eidgenössischen und kantonalen Hochschulen andererseits. Zudem haben wir es dank der Schuldenbremse mit Blick auf die Staatsfinanzen geschafft, die Staatsverschuldung nicht ausufern zu lassen. Diese institutionalisierte Selbstbeschränkung ist eine Art Versicherung für die kommenden Generationen, dass auch Sie über Gestaltungsspielraum verfügen.