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Interview von Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger 28. Oktober 2025

«Die Welt braucht etwa hundert Thatchers», sagt Niall Ferguson.

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Am 13. Oktober wäre die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher 100 Jahre alt geworden. Sie starb 2013, doch schon zu Lebzeiten hatte die «Eiserne Lady» beinahe mythischen Status erlangt. Wie schätzen Sie die historische Bedeutung dieser aussergewöhnlichen politischen Persönlichkeit ein?

Sie war bei Weitem die bedeutendste britische Führungspersönlichkeit seit Winston Churchill. Sie belebte nicht nur die britische Wirtschaft wieder, die nach 1945 jahrzehntelang als «der kranke Mann Europas» galt. Sie stellte auch Grossbritanniens Glaubwürdigkeit als Amerikas verlässlichster Verbündeter wieder her – und anders als Ronald Reagan blieb sie lange genug im Amt, um den Sieg des Westens im Kalten Krieg mitzuerleben. Dass sie die erste Premierministerin war – die erste in Europa ebenso wie in Grossbritannien – war nie das Wichtigste an ihr.

«Ich bin keine Konsenspolitikerin. Ich bin eine Überzeugungspolitikerin», sagte Thatcher einst. Mit einem starken Sinn für Pflicht, Prinzipien und Arbeitsethik modernisierte sie Grossbritannien und belebte das nationale Selbstvertrauen. Würden Sie sagen, dass Patriotismus und Glaube an die Marktwirtschaft die beiden Leitprinzipien ihrer politischen Vision waren?

Ja, obwohl ich hinzufügen würde, dass es eine dritte Säule des Thatcherismus gab – nämlich ihre Auffassung vom Individuum und der Familie als den zentralen Bausteinen der Gesellschaft. Zu einer Zeit, als die Labour Party noch am Kollektivismus der 1940er Jahre festhielt, erschien dieser soziale Konservatismus radikal. Ausserdem war sie eindeutig eine christliche Führungspersönlichkeit.

Zur Person

Prof. Dr. Niall Ferguson ist Milbank Family Senior Fellow der Hoover Institution an der Stanford University in Kalifornien und Mitglied des akademischen Beirats des IWP. Zuvor war er Professor an der Harvard University, der London School of Economics und der New York University sowie Gastprofessor am New College of the Humanities und Senior Research Fellow am Jesus College in Oxford. Er zählt zu den meistbeachteten Wirtschaftshistorikern der Gegenwart. Zuletzt sind von ihm erschienen: «Doom: The Politics of Catastrope» und «The Square and The Tower: Networks, Hierarchies and The Struggle for Global Power».
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Aufgewachsen als Tochter eines Lebensmittelhändlers im Nachkriegs-Britannien, entwickelte Margaret Thatcher starke Ansichten über Arbeit, Disziplin und Verantwortung. Wie viel des «Thatcherismus» war in ihrer persönlichen Geschichte verwurzelt – und nicht in Theorie oder Ideologie?

Der entscheidende Moment war, als ihre persönlichen Erfahrungen als Tochter eines Lebensmittelhändlers auf die Ideen von Friedrich Hayek und anderen liberalen und libertären Denkern trafen, mit denen sie in den 1970er Jahren in Berührung kam. Charles Moores Biografie enthält ein ausgezeichnetes Kapitel über das, was sie in den prägenden Jahren las, als sie Oppositionsführerin war. Die Geschichte, dass sie ein Exemplar von «Die Verfassung der Freiheit» in ihrer Handtasche trug, war keine Erfindung.

Margaret Hilda Thatcher (*1925-†2013) war von 1979 bis 1990 die Premierministerin des Vereinigten Königreichs.

Margaret Thatcher wurde stark von den ökonomischen Ideen F. A. Hayeks und Milton Friedmans beeinflusst. Hat sie sich aktiv mit Akademikern und Intellektuellen auseinandergesetzt, um ihrem Liberalisierungsprogramm eine breitere intellektuelle Grundlage zu geben?

Ja. Die «Thatcher-Revolution» wäre unmöglich gewesen ohne die Arbeit des Center for Policy Studies und des Institute of Economic Affairs. Sie waren für Thatcher das, was die Hoover Institution für Reagan war. Entscheidend ist, dass sie eine leidenschaftliche Leserin war und über einen sehr analytischen Verstand verfügte.

«Si vis pacem, para bellum» – «Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor» – könnte man als Zusammenfassung ihrer Sicherheitspolitik verstehen. Entgegen dem Rat vieler Berater entschied sie sich, wegen der Falklandinseln in den Krieg zu ziehen. Warum war sie bereit, ein so grosses Risiko einzugehen, zumal ihre Zustimmungswerte niedrig waren und Kriege selten Popularität bringen – zumindest anfangs?

Für Margaret Thatcher bestand kein Zweifel daran, dass die illegale Annexion der Inseln durch die argentinische Diktatur beantwortet werden musste – und sie vertrat denselben Standpunkt, als Saddam Hussein versuchte, Kuwait zu annektieren. Sie gehörte zu jener Generation von Konservativen, die die Appeasement-Politik, die in den 1930er Jahren zur Katastrophe geführt hatte, vollständig ablehnten. Dass so viele Mitglieder ihres Kabinetts Zweifel daran hatten, die Royal Navy zu den Falklands zu entsenden, schien sie nur noch mehr anzuspornen. Zum Glück waren die britischen Streitkräfte damals noch in der Lage, die Rückeroberung der Inseln in einer Art Blitzkrieg durchzuführen. Und natürlich stand die britische Öffentlichkeit auf ihrer Seite.

«Für Margaret Thatcher bestand kein Zweifel daran, dass die illegale Annexion der Inseln durch die argentinische Diktatur beantwortet werden musste.»

Niall Ferguson

In welchem historischen Kontext wurde Margaret Thatcher 1979 gewählt? Damals galt Grossbritannien als «der kranke Mann Europas». Im Wahlkampf posierte sie oft mit einem Besen und versprach, es sei «Zeit für eine gründliche Reinigung». Ist es gerechtfertigt zu sagen, dass Margaret Thatcher das Land vor dem wirtschaftlichen Ruin rettete?

Die 1970er Jahre waren eine miserable Zeit für die britische Wirtschaft. Die Inflation überstieg 22 % – der Höhepunkt war 1975. Noch schlimmer war das chronische Problem der streikenden Gewerkschaften. Und auch die Arbeitslosigkeit stieg, sodass es tatsächlich eine Phase der Stagflation war – schlimmer als in Deutschland oder der Schweiz. Thatcher löste das Problem mit radikalen fiskalischen, monetären und strukturellen Reformen. Bis 1987 war die Inflation auf 3,2 % gesunken. Die Gewerkschaften waren gebrochen. Und die wirtschaftlichen Reformen waren so wirkungsvoll, dass sie ihren Nachfolgern durch die 1990er Jahre halfen. Cool Britannia war mehr Thatchers Verdienst als Tony Blairs.

«Die 1970er Jahre waren eine miserable Zeit für die britische Wirtschaft.»

Niall Ferguson

Einer ihrer berühmtesten Sätze lautete: «The lady’s not for turning.» War diese Beharrlichkeit bei der Verfolgung politischer Ziele ihr prägendstes Merkmal?

Ja.

Und sind Politiker heute noch in der Lage, eine solche Entschlossenheit zu zeigen?

Nein – obwohl jeder, der von ihr lernen kann, wie wichtig es ist, nicht umzukehren, die Geschichte Europas verändern könnte.

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher und ihr Mann Denis Thatcher, links aussen, werden am 23. August 1984 von den Bundesräten Kurt Furgler, links, Leon Schlumpf, Mitte, und Pierre Aubert, rechts, auf dem Landgut Lohn in Kehrsatz zu einem Essen eingeladen.

Margaret Thatcher und der US-Präsident Ronald Reagan verband nicht nur eine enge persönliche Freundschaft, sondern auch eine tiefe ideologische Übereinstimmung. Kann man sagen, sie war ein Kind ihrer Zeit – der Ära der liberal-konservativen Wende der 1980er Jahre?

Nein, denn sie hat diese Wende erst möglich gemacht. Die 1980er Jahre waren das Kind von Margaret Thatcher.

In der Aussenpolitik wird Thatcher für ihre trotzige «No, no, no!»-Haltung in Erinnerung bleiben. Sie verteidigte leidenschaftlich die Souveränität des Westminster-Parlaments gegen die Europäische Kommission – eine Haltung, die letztlich zu ihrem Sturz beitrug. War das Sturheit und Unbesonnenheit – oder vielmehr Standhaftigkeit und Weitsicht?

Thatcher hatte völlig recht: Jacques Delors’ Projekt, Europa durch eine Währungsunion politisch zu vereinigen, stellte eine inakzeptable Bedrohung der britischen Souveränität dar. Diejenigen, die anderer Meinung waren, sind durch die Ereignisse widerlegt worden. Wäre das Vereinigte Königreich dem Euro beigetreten, wie Blair es in Erwägung zog, wäre das katastrophal gewesen.

«Thatcher hatte völlig recht: Jacques Delors’ Projekt, Europa durch eine Währungsunion politisch zu vereinigen, stellte eine inakzeptable Bedrohung der britischen Souveränität dar.»

Niall Ferguson

Was ist Margaret Thatchers wirtschaftliches Vermächtnis? War ihr Liberalisierungsprojekt letztlich erfolgreich?

Es war ein gewaltiger Erfolg – aber einer, der von ihren Nachfolgern nach und nach vergeudet und nach 2016 endgültig zunichtegemacht wurde.

Heute stehen die drei grossen europäischen Volkswirtschaften – Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich – vor erheblichen Herausforderungen. Wie würde Margaret Thatcher die heutigen wirtschaftlichen Probleme angehen, wenn sie an der Macht wäre?

Zunächst würde sie erkennen, dass die heutigen Probleme ganz anderer Natur sind. Wir haben kein allgemeines Inflationsproblem, sondern ein Energiepreisproblem. Wir haben keine Massenarbeitslosigkeit, sondern die unbeabsichtigten Folgen übermässiger Zuwanderung.

Braucht die Welt – oder Grossbritannien – heute eine neue Margaret Thatcher?

Es gibt bereits eine – in Argentinien! Die Welt braucht etwa hundert Thatchers, denn mindestens so viele Volkswirtschaften benötigen Reformen von ihrem Kaliber.