Interviews
Von Dr. Thomas M. Studer 20. März 2023

Adriel Jost: «Die Schweiz macht sich komplett abhängig von der UBS».

Passanten gehen am Credit Suisse Hauptsitz am Zuercher Paradeplatz vorbei, aufgenommen am Donnerstag, 10. Februar 2022 in Zuerich. (KEYSTONE/Michael Buholzer)

Executive Summary

  • Wer sagt, dass eine vorübergehende Verstaatlichung der CS ordnungspolitisch noch schlimmer gewesen wäre als die subventionierte Übernahme durch die UBS, macht es sich zu einfach. Unser Bankensystem ist per se nicht marktwirtschaftlich organisiert.
  • Wer reflexartig mehr Regulierung fordert, zielt ebenfalls am eigentlichen Problem vorbei. Bankenkrisen sind in unserem Bankensystem ungefähr so überraschend wie ein Mord in einem Krimi.

Lieber Herr Jost, was führte zum Untergang der Credit Suisse?

Adriel Jost: Zu viele Kunden haben der Bank zuletzt das Vertrauen entzogen. Zur Verunsicherung haben einerseits die über Jahre anhaltenden negativen Nachrichten geführt. In der kurzen Frist schuf andererseits die US-Bankenkrise rund um den Niedergang der Silicon Valley Bank den Nährboden für den Abzug weiterer Kundeneinlagen. Einzelne unbedarfte Aussagen führten schliesslich zur Panik. Die Credit Suisse erlebte dann einen klassischen Bankensturm, einen Bank-Run.

Der Credit Suisse brach also letztlich der Vertrauensverlust das Genick. Vertrauen ist etwas sehr Flüchtiges. Sehr rasch ist es weg. Diese sollte auch ein Reminder für die Zentralbanken sein. Auch unsere Währungen basieren nur auf Vertrauen. Und dieses Vertrauen wird von den Zentralbanken seit Jahren ebenfalls massiv getestet. Auch Währungen können einen Bank-Run erleben.

Trägt das Management der Credit Suisse die Schuld an der Misere?

Das Management der Credit Suisse hat viele Fehler gemacht. Die Abschreibungen rund um die Kollapse von Archego und Greensill sind nur zwei Beispiele davon. Doch die Bank konnte diese Verluste eigentlich tragen und war immer noch – im Branchenvergleich – sehr solide aufgestellt. Der Fall der Credit Suisse lässt sich deshalb nicht mit demjenigen der UBS im Jahr 2008 vergleichen, die mit ihren Investitionen so hohe Verluste einfuhr, dass sie Konkurs gegangen wäre.

Was ist von der Übernahme durch die UBS zu halten?

Ein eigenständiges Überleben der Credit Suisse war vor dem Hintergrund des Vertrauensverlustes nicht mehr möglich. Bundesrat, SNB und FINMA entschieden sich dafür, die Credit Suisse möglichst geordnet abzuwickeln, indem sie der UBS die Übernahme der CS ermöglichten.

Die UBS kommt damit sehr günstig zu viel Tafelsilber. Ob es ihr wirklich guttut, ist aber zu bezweifeln. Die Erfahrung zeigt: es ist äussert anspruchsvoll, Fusionen und Übernahmen in dieser Grössenordnung erfolgreich durchzuführen. Dies gilt im Bankensektor mit der hohen Bedeutung der Unternehmenskultur und den komplexen IT-Systemen ganz besonders.

«Die UBS wird über Jahre mit der Einverleibung der CS beschäftigt und der Schweizer Finanzplatz dadurch über Jahre geschwächt sein.»

Adriel Jost

Kein Wunder freuten sich die Finanzminister der Konkurrenzplätze London und New York sehr über die Lösung.

Wie beurteilen Sie die gewählte Lösung mit Blick auf die Schweiz?

Für die Schweizer Volkswirtschaft birgt die Übernahme grosse Risiken. Der sonst schon gemächliche Wettbewerb zwischen den Banken in der Schweiz wird weiter gebremst. Für international aufgestellte Unternehmen in der Schweiz bleibt nur noch eine Bank.

Noch entscheidender ist aber: Die Schweiz macht sich komplett abhängig von der UBS. Was passiert, wenn die nun noch grössere UBS dereinst wieder ein Problem haben wird? Vor nur 15 Jahren musste die UBS gerettet werden. Ein Vertrauensverlust ist bei jeder Bank rasch möglich. Das gilt nach dem zugelassenen Untergang der Credit Suisse ganz besonders. Es würde nur eine Verstaatlichung als Option übrigbleiben. Die UBS wird damit faktisch zu einer Staatsbank – allerdings mit hauptsächlich ausländischen Aktionären.

Warum wurde die Credit Suisse nicht vorübergehend verstaatlicht? Wenn schon eine Enteignung nötig ist, hätte der Staat die Credit Suisse für sehr wenig Geld ja ebenfalls übernehmen können.

Das grösste Anliegen des Bundesrats, der SNB und der FINMA scheint gewesen zu sein, «ordnungspolitisch korrekt zu handeln» und darum eine «privatwirtschaftliche Lösung» einem «Bailout» und einer Verstaatlichung vorzuziehen. Man beachte bitte die Anführungszeichen.

Was wäre denn ordnungspolitisch korrekt gewesen?

Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Denn es ist entscheidend, Banken nicht mit Nichtbanken zu vergleichen. Unser Bankensystem ist explizit nicht marktwirtschaftlich organisiert. So müssen sich Banken (dank Art. 481 OR) nicht an die sonst in der Marktwirtschaft zentralen Eigentumsrechte halten. Banken dürfen über die Einlagen von Kunden verfügen und müssen diese nicht aufbewahren, was sie auch ausgiebig tun. Ein Mangel an Liquidität und Bank-Runs sind darum Teil des bewusst gewählten Systems. Die Rolle einer Notenbank ist es, als Lender of Last Resort die Liquidität zu garantieren, um das Vertrauen zu erhöhen. Aber damit bleibt jede Bank letztlich vom Staat abhängig. Warum sich der Staat ausgerechnet bei einem Liquiditätsproblem einer Grossbank für eine Abwicklung und nicht für eine vorübergehende Verstaatlichung entscheidet, um ihr Zeit zur Wiederherstellung ihrer Glaubwürdigkeit zu geben, bleibt jedoch rätselhaft.

Was gilt es nun zu tun?

Die Ausführungen zum Bankensystem machen auch klar, dass es mit mehr Regulierung nicht einfach so getan ist. Die Credit Suisse ist nicht an mangelnder Regulierung gescheitert.

Zwar herrscht ausserhalb der Bankenkreise eigentlich ein Konsens, dass simple, dafür strenge Regeln wie eine Eigenkapitalbasis von mindestens 20 bis 30 Prozent der Bilanzsumme vernünftiger wären als die aktuellen detaillierten Vorschriften. Diese sind kaum zu durchschauen und hauptsächlich auf die vergangenen Krisen statt auf die noch unbekannten Probleme der nächsten Krisen ausgerichtet. Auch war allen Beteiligten klar, dass die Regeln zur Abwicklung von Too-Big-To-Fail-Banken im Notfall aufgrund der hohen Dynamik in solchen Krisenzeiten kaum funktionieren.

Aber: das Fehlen einer Kapitalbasis war nicht der Auslöser der Unsicherheiten rund um die Credit Suisse. Es waren Zweifel über die Liquiditätssituation, die zum Bank-Run geführt haben. Um Bank-Runs zu vermeiden, gäbe es Alternativen in Vollgeldsystemen (Banken können selbst kein Geld schöpfen und Einlagen müssen komplett hinterlegt werden) oder Free-Banking-Systemen (Banken geben eigenes Geld heraus und es gibt keine Zentralbank als Lender of Last Resort). Diese bringen aber eigene Nachteile mit sich, insbesondere fehlende marktwirtschaftliche Anreize im Vollgeldsystem und fehlende Effizienz aufgrund ausbleibenden Netzwerkeffekten im Free-Banking-System.

Ergo?

In unserem Bankensystem wäre es vernünftiger, wenn Zentralbanken ihre Funktion als Lender of Last Resort tatsächlich grosszügig erfüllen und den dadurch entstehenden Moral Hazard in Kauf nehmen, gleichzeitig aber in ihrer Geldpolitik restriktiv sind. Und zwar so restriktiv, dass nicht mit Gratisgeld der Nährboden für Übertreibungen und die nächste grosse Krise gelegt wird.

Zur Person

Adriel Jost ist seit März 2023 Fellow am IWP. Aktuell baut er ein neues Ökonomie-Startup auf. Von 2020 bis 2022 war er Partner und CEO des Beratungsunternehmens WPuls AG, von 2018 bis 2020 arbeitete er als Chefökonom von Wellershoff & Partners. Zuvor war er acht Jahre lang bei der Schweizerischen Nationalbank aktiv, davon drei Jahre als Berater des Vizepräsidenten des Direktoriums. Adriel verfügt über einen Doktortitel in International Affairs and Political Economy der Universität St. Gallen. Er ist im Kanton Luzern aufgewachsen und hat Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen, Singapur und Perth studiert. Adriel tritt regelmässig in Schweizer und internationalen Medien als Wirtschaftsexperte auf.
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