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IWP 30. Oktober 2022

Die Redefreiheit ist in Gefahr, sagt Ayaan Hirsi Ali.

Ayaan Hirsi Ali, Member of the Council on Foreign Relations, speaks during the Swiss Economic Forum SEF in Interlaken, Switzerland, Friday, June 3, 2022. (KEYSTONE/Anthony Anex)

In westlichen Ländern ist die Redefreiheit in Gefahr, hat die niederländisch-amerikanische Frauenrechtlerin und Politikwissenschafterin Ayaan Hirsi Ali in der 20. Reichmuth & Co Lecture an der Universität Luzern gesagt. Als Bedrohung bezeichnet sie in erster Linie den «Wokeismus» (von englisch «woke», erwacht bzw. erleuchtet). Dabei handle es sich um eine in den Universitäten der USA entstandene Bewegung, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben habe, aber letztlich nur nach politischer Macht strebe, referierte Hirsi Ali.

«Als ich in die Niederlande kam, war der Westen frei und tolerant.»

ayaan hirsi ali

Als Hirsi Ali in die Niederlande kam, sei der Westen frei und tolerant gewesen. Als das Buch «Die satanischen Verse» des indisch-britischen Autors Salman Rushdie 1989 eine Debatte über die Grenzen der Redefreiheit entfachte, sei der Westen für die Grundrechte seine Bürger eingestanden. Damals beschützte die englische Premierministerin Margreth Thatcher trotz gänzlich unterschiedlicher politischer Ansichten den indisch-britischen Schriftsteller, nachdem das iranische Staatsoberhaupt Ayatollah Khomeini eine Fatwa gegen ihn erlassen hatte. Obwohl auch in westlichen Ländern Kritik an Rushdies Buch geübt wurde, stand die Redefreiheit nie zur Diskussion.

Dies habe sich in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts grundlegend geändert. Nach dem Mord am niederländischen Regisseur Theo van Gogh im Jahre 2004 und später dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo war das Entsetzen in westlichen Gesellschaften und Medien zwar gross. Dennoch wurden seither zunehmend Stimmen laut, die im Grundsatz Verständnis für die Anliegen der Radikalislamisten zeigten. Wo religiöse Gefühle verletzt werden, höre die Meinungsfreiheit auf, lautete der Tenor.

«Heute ist die freie Meinungsäusserung im Westen nicht mehr nur von aussen bedroht.»

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Heute werde die Meinungsfreiheit in der westlichen Welt vor allem durch die «Woke»-Bewegung gefährdet, stellte Hirsi Ali fest. Anhänger des Wokeismus behaupten, über ein «erwachtes» Bewusstsein für soziale, sexistische oder rassistische Diskriminierung zu verfügen. Mit ihren Theorien wollen sie Machtgruppen und die zu der Erhaltung ihrer Macht errichteten Strukturen «entlarven», führte Hirsi Ali aus. Die «Woke»-Bewegung trete im Namen von Gleichberechtigung und Antirassismus angeblich für den Schutz von Minderheiten ein, wozu sie die Gesellschaft nach Merkmalen wie Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Behinderung einteile. Dies führe aber seinerseits zu einem neuen rassistischen Blick und schwäche den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

«Der Wokeismus spaltet uns in feindliche Fraktionen. Er schwächt unsere hart errungene Freiheit und unser Vertrauen ineinander.»

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Das eigentliche Ziel der «Woke»-Bewegung sei gesellschaftspolitische Macht, sagte Hirsi Ali. Schon heute könne man in den USA keine öffentliche Debatte über gesellschaftlich relevante Themen mehr führen, ohne um seine Stelle fürchten zu müssen. Wer sich wokem Gedankengut verweigere, dem drohe Ächtung, Shitstorm und der soziale Tod. Damit sei der Wokeismus heute eine grössere Gefahr für die Meinungsfreiheit als der radikale Islam, sagt die Politikwissenschafterin.

Hirsi Ali fordert, dass sich der Westen auf seine Werte besinnt und für den Erhalt einer freien Gesellschaft kämpft. Sie plädiert dafür, woke Theorien in Frage zu stellen. Sie also gerade nicht zu verbieten, sondern zu überprüfen und argumentativ zu widerlegen – sie also der Redefreiheit auszusetzen.