Herr Portmann, in einer neuen Studie haben Sie zusammen mit Frederik Blümel und Christoph Schaltegger vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern die Löhne in den Verwaltungen mit jenen in der Privatwirtschaft verglichen. Was sind die fünf wichtigsten Erkenntnisse?
- Bundesangestellte verdienen im Durchschnitt 12 % mehr als Angestellte in der Privatwirtschaft, die die gleichen Qualifikationen aufweisen. Dies zeigt unsere Auswertung der neusten Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE).
- Wir haben neu auch die Daten der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) ausgewertet und viele weitere Tests durchgeführt. Unsere bisherigen Resultate werden dadurch bestätigt – insbesondere für die Bundesangestellten.
- Beim Bund ist die Lohnprämie am unteren Ende der Lohnskala mit 19 % am höchsten und am oberen Ende der Lohnskala mit 4 % am tiefsten.
- Für Frauen beträgt die durchschnittliche Lohnprämie in der Bundesverwaltung 14.4 % und für Männer 11 %.
- Die Lohnprämie beim Bund fällt deutlich höher aus als die Prämie bei Kantonen und Gemeinden
Warum hat das IWP eine zweite Lohnstudie durchgeführt?
Nach der ersten Studie im Jahr 2023 wurden Fragen zum Einfluss der Daten und der Methodik an uns herangetragen. Beispielsweise stellten sich einzelne Kommentatoren auf den Standpunkt, dass nur die LSE-Daten für eine Lohnanalyse geeignet seien. In diesem und anderen Punkten haben wir nun Klärung geschaffen. Für den Bund fallen die Lohnprämien gemäss LSE sogar höher aus. Ansonsten liefern beide Datensätze ähnliche Resultate.
Die Frage bleibt, ob Arbeitskräfte aus der Privatwirtschaft und in der Verwaltung vergleichbar sind. Zöllner gibt es in der Privatwirtschaft zum Beispiel nicht – das gilt auch für viele andere Berufe.
Absolut. Auch sind Journalisten nach einem Wechsel in die Verwaltung keine Journalisten mehr, sondern beispielsweise Pressesprecher. Aus diesem Grund stützen wir den Vergleich von Angestellten in der Privatwirtschaft und der Verwaltung auf spezifische Merkmale und nicht Berufsbezeichnungen ab. Das wichtigste ist, dass die Angestellten in Merkmalen wie der Erfahrung, dem Alter, der Höhe des Bildungsabschlusses und der Studienrichtung übereinstimmen. Daraus bilden wir dann «statistische Zwillinge», die einen Vergleich erlauben.
Was sind die Gründe für die höheren Löhne beim Staat?
Mehrere Erklärungen sind denkbar und dürften gleichzeitig dafür verantwortlich sein. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Löhne in den unteren Lohnklassen beim Staat deutlich höher sind als in der Privatwirtschaft, während sie am oberen Ende nur geringfügig höher sind. Ein Erklärungsansatz ist, dass der Staat aus sozialpolitischen Überlegungen die niedrigen Löhne gegenüber dem Marktlohn anhebt und bei den hohen Löhnen Zurückhaltung übt.
Gibt es noch andere Gründe?
Ganz grundsätzlich ist der Staat weniger Wettbewerb ausgesetzt ist als gewinnorientierte Unternehmen. Zudem kann für andere Länder aufgezeigt werden, dass starker gewerkschaftlicher Einfluss im öffentlichen Sektor eine Rolle spielt. Für die Schweiz sind die Gründe empirisch bisher allerdings nicht untersucht.
In den Medien wird häufig über die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern berichtet. Experten betonen jedoch, dass diese Unterschiede nicht unbedingt darauf hinweisen, dass Frauen weniger verdienen. Das lässt die Frage aufkommen, ob die Lohnunterschiede zwischen öffentlichem und privatem Sektor wirklich bedeuten, dass der Staat seine Angestellten überbezahlt?
Zu den Lohnunterschieden zwischen Mann und Frau gibt es eine sehr umfassende Forschungsliteratur. Die letzten Jahre haben gezeigt: wenn die richtigen Faktoren in den Untersuchungen berücksichtigt werden, kann man die Lohnunterschiede erklären. Die unerklärten Lohnlücken fallen also geringer aus. Dies gilt insbesondere für die erwartete und tatsächliche Arbeitsunterbrüche aufgrund einer Mutterschaft.
Auch zu den Lohnunterschieden zwischen Staat und Privatwirtschaft wird seit Jahrzehnten geforscht. Es zeichnet sich nicht ab, dass Faktoren vernachlässigt wurden, die die Lohnlücke erklären würden. Unsere Ergebnisse sind daher zuverlässig. Natürlich kann man noch den einen oder anderen Faktor berücksichtigen. Unsere Ergebnisse zeigen aber: am Resultat ändert das qualitativ nichts.
Löhne sind wichtig, aber nicht alles. Welche Rolle spielen denn Vorsorgeleistungen, Urlaubstage und andere Leistungen des Arbeitgebers bei der Stellensuche und Lohnsetzung?
Arbeitnehmer beurteilen bei der Stellensuche das Gesamtpaket aus Lohn, Vorsorgeleistungen, Arbeitsklima, Sinnhaftigkeit der Tätigkeit, Jobsicherheit und vielem mehr. Bietet eine Arbeitsstelle viel Jobsicherheit oder besondere Vorsorgeleistungen, ist sie bei den Stellensuchenden auch bei vergleichsweise tiefem Lohn attraktiv. Wenn der Staat dank Faktoren, wie einer hohen Arbeitsplatzsicherheit punkten kann, müsste er deshalb Zurückhaltung bei den Löhnen üben können.
Können Sie die nichtmonetären Faktoren beim Lohnvergleich auch berücksichtigen?
Diese zusätzlichen Jobeigenschaften fliessen in unseren Lohnvergleich nicht ein. Dies ist eine Forschungslücke. Weil aber vieles dafür spricht, dass die Stellen in der Verwaltung nicht nur aufgrund der Löhne, sondern auch aufgrund der Arbeitsbedingungen und Zusatzleistungen vergleichsweise attraktiv sind, sind unsere Lohnschätzungen eher eine untere Grenze für die Attraktivität der Verwaltung. Dies gilt es zu berücksichtigen.
Auch die Verwaltungen kämpfen mit dem Fachkräftemangel. Der Tenor aus der Verwaltung lautet, für spezialisierte Stellen sei es mit den heutigen Löhnen schon nicht möglich, mit der Privatwirtschaft zu konkurrenzieren. Ist es da nicht verfehlt, von hohen Löhnen zu sprechen?
Die Quote der offenen Stellen ist zuletzt auch beim Staat angestiegen. Es fällt aber dem Staat immer noch leichter als der Privatwirtschaft, die offenen Stellen zeitnah zu besetzen. Unsere Lohnanalyse kann aufgrund der Datenlage nicht auf einzelne Anstellungsverhältnisse eingehen. Zwischen tiefen Löhnen für ausgewählte Stellenprofile und einer Lohnprämie im Durchschnitt besteht aber kein Widerspruch. Dies illustriert viel mehr die Problematik eines starren Lohnsystems: Trotz generell hohen Löhnen können die Löhne für einzelne Fachkräfte unattraktiv tief ausfallen.