Interviews
Von Dr. Thomas M. Studer 17. Juli 2023

«Armut darf der Matura nicht im Weg stehen», sagt Patrick Hofstetter.

Schule Suhr

Unterricht der Klasse Primar 1C von Aline Isenschmid im Primarschulhaus Vinci in Suhr am 25. Juni 2018.

Was sind die Stärken des Schweizer Bildungssystems?

Stärken sind das duale Bildungssystem, seine Durchlässigkeit und der Föderalismus. Das duale Bildungssystem ist ursächlich für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Die Durchlässigkeit sorgt dafür, dass dieser Dualismus nicht zulasten der Jugendlichen geht, die früher als anderswo Richtungsentscheide treffen müssen. Der Föderalismus ist Voraussetzung für dezentrale, agile, bevölkerungsnahe und damit auch ressourcenschonende Lösungen.

Welches sind die grössten Baustellen?

Baustellen sind überzogene Ansprüche der Bildungsbürokratie, etwa im Frühsprachen-Konzept, in der Integration verhaltensauffälliger und lernschwacher Kinder, oder verkopfte Lehrpläne («Kompetenzorientierung»), welche Lehrkräfte und Klassen überfordern. Schliesslich die Politik, welche trotz Sonntagsreden auf die Berufsbildung höhere Maturitätsquoten begünstigt – und Eltern dazu bringt, Kinder ans Gymnasium zu schicken, für die eine anspruchsvolle Lehre viel zielführender wäre.

Ist man besser reich oder klug, wenn man in ein Gymnasium will?

Mir wurde einst gesagt: «Drei Eigenschaften können der eigenen Maturität im Wege stehen: Dummheit, Faulheit, Frechheit. Zwei davon mag es leiden.» Ob dem so ist, darüber lässt sich streiten. Dass Armut nicht dazugehören darf, lässt sich nicht bestreiten.

Bildung ist eine Kompetenz der Kantone – braucht es diesen Flickenteppich?

Natürlich. Zunächst ist Harmonisierung eine Illusion. Ich war Gymnasiallehrer in Biel, und meine Quartanerinnen und Quartaner – im Kanton Bern das erste Gymnasialjahr – kamen aus den Sekundarschulen zahlreicher Gemeinden. Ob jemand aus Biel, Nidau, Lyss, Aarberg oder Grenchen stammte, war trotz identischem Lehrplan stets spürbar. Das ist aber auch natürlich: das Umfeld, die Lehrkraft, der soziale Kontext – eine stärkere Vereinheitlichung ist weder machbar noch wünschenswert. Die Zentralisierung fördert nur die Bürokratie und verhindert lokale, spezifische Lösungen. Zentralismen sind Geschichte – die Zukunft gehört agilen Netzwerken.

Welche Rolle spielt Bildung in der Armee?

Bildung und Ausbildung sind entscheidend, damit sich unsere Armee in Friedenszeiten auf Krisen, Krieg und Katastrophen vorbereiten kann. Milizangehörige – Kader und Soldaten – verbringen eine deutliche Mehrheit ihrer Diensttage im Rahmen von Grundausbildungsdiensten und Fortbildungsdiensten. Das duale Bildungssystem ist auch hier von unschätzbarem Wert: wir nehmen Automechaniker mit dreijähriger Berufsbildung und bilden sie in 18 Wochen zum Panzermechaniker weiter. Ausländische Armeen müssen hingegen jede Funktion von Grund auf ausbilden. Auch bei Berufsmilitärs ist die Bildung entscheidend: Berufsunteroffiziere werden in zweijährigen Lehrgängen fachlich, didaktisch und pädagogisch – inklusive Zertifikat als Erwachsenenbildner – geschult. Berufsoffiziere schliessen ihre allgemein- und militärwissenschaftlichen Studien mit einem Bachelor oder DAS der ETH ab. In ihrem weiteren Berufsleben profitieren Berufsmilitärs von regelmässigen Kursen, von Weiterbildungswochen bis hin zu Masterstudiengängen an ausländischen Militärakademien.

An der Bildung sparen wird teuer – wie schätzen Sie diese Aussage ein?

Eine eingängige Formulierung, aber eine unzulässige Vereinfachung. Geld, das in die Bildung fliesst, kann anderswo nicht ausgegeben werden. Wenn ich mich für einen teuren, klingenden EMBA-Titel entscheide und gegen eine preiswerte, spezifische Weiterbildung, ist das ja auch nicht automatisch besser. Das gilt ebenso auf volkswirtschaftlicher Ebene. «Mehr ist mehr» kann in einer Welt begrenzter Ressourcen gar nicht richtig sein – auch nicht in der Bildungspolitik.

Der Anzahl Akademiker in der Schweiz ist seit Jahrzehnten am Steigen. Droht eine «Überakademisierung»?

In Bachelorvorlesungen denke ich mir bei vielen BWL-Studis, dass eine KV-Lehre und später allenfalls eine FH die bessere Wahl wäre. Das meine ich nicht herablassend, sondern mit Blick auf die individuellen Perspektiven. Wie viele von ihnen werden sich einmal wissenschaftlich betätigen? Die Umwälzungen im Arbeitsmarkt durch KI könnten zudem, für viele wohl unerwartet, primär zulasten akademischer Berufe gehen. Die Vorteile der Berufsbildung für erfüllende Berufs- und Lebenswege, aber auch für eine gesunde Volkswirtschaft, im Gegensatz zu einer vermehrten Akademisierung, dürften damit noch zunehmen. Gleichzeitig wächst der Anspruch an die Interdisziplinarität, was eigentlich Kernkompetenz der Universitäten im Humboldtschen Sinne wäre.

Dr. oec. Patrick Hofstetter

Patrick Hofstetter ist seit Oktober 2022 Fellow des IWP. Er hat nach dem Master of Science in Physics der Universität Bern zunächst als Gymnasiallehrer Physik und Mathematik unterrichtet, bevor er Militärwissenschaften an der Militärakademie an der ETH Zürich studierte. Er verfasste am Lehrstuhl für Human Resource Management an der Universität Zürich seine Dissertation, die 2017 mit dem Anerkennungspreis der Norbert-Thom-Stiftung für herausragende Dissertationen im Bereich Public Management / öffentliche Betriebswirtschaftslehre ausgezeichnet wurde. Seit dem 1. Februar 2020 ist Patrick Hofstetter als Leiter Weiterbildung für den Aufbau der Weiterbildungsakademie an der Universität Luzern verantwortlich. Er forscht am Center für Human Resource Management.
Wp 13413 IWP Fellow Hofstetter