Seit der Bundesstaatsgründung 1848 hat der Bund seine finanzpolitischen Kompetenzen laufend ausgeweitet. Dies wird im neuen Buch «Die Finanzgeschichte der Schweiz: Von der Gründung des Bundes bis heute» von Dr. Thomas Studer und Prof. Dr. Christoph Schaltegger vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern mit neuen Zahlen und Daten aufgezeigt. Das Buch ist am 11. März 2025 im Herder Verlag erschienen.
Die Publikation unternimmt eine Reise durch die über 170 jährige Finanzgeschichte der Schweiz – von der Gründung des modernen Bundesstaates im Jahr 1848 bis in die Gegenwart. Ein Blick auf die Entwicklung der Ausgaben und Einnahmen des Bundes verdeutlicht, wie sich dessen finanzpolitische Bedeutung im Laufe der Zeit gewandelt hat.
Nach der Gründung des Bundesstaates 1848 verfügte der Bund nur über sehr begrenzte Kompetenzen. Die wichtigste Aufgabe bestand in der Landesverteidigung, wofür dem Bund die Einnahmen aus dem zentralisierten Zollwesen übertragen wurden. Allerdings musste er die Kantone vollständig für die Abtretung der Zölle entschädigen – weshalb finanzielle Beiträge der Kantone an den Bund für fiskalische Notfälle in der Verfassung vorgesehen waren. Die Krisen des 20. Jahrhunderts führten zu einem beispiellosen Anstieg der finanziellen Anforderungen. Im Ersten Weltkrieg sah sich der Bund gezwungen, die Ausgaben erheblich zu erhöhen, um die Kosten der Landesverteidigung zu decken. Doch nach Kriegsende gingen die Ausgaben nicht mehr auf das Vorkriegsniveau zurück und die zeitlich befristete Kriegssteuer – die heutige direkte Bundessteuer – verstetigte sich. Während des Zweiten Weltkriegs kam die Warenumsatzsteuer, die heutige Mehrwertsteuer, hinzu und vervollständigte das Steuersystem des Bundes.
Dank steigender Einnahmen löste sich der Bund aus der finanziellen Abhängigkeit von den Kantonen und entwickelte sich zu einem eigenständigen Akteur mit starkem Einfluss auf die Kantone. Als die Staatsaufgaben in den 1960er-Jahren ausgebaut wurden, ging dies mit einer schleichenden Zentralisierung von Kompetenzen auf Bundesebene einher. Neue Staatsaufgaben wie der Umweltschutz oder der Bau der Nationalstrassen wurden dem Bund übertragen, der die Umsetzung gemäss dem Prinzip des Vollzugsföderalismus den Kantonen überliess. Durch die wachsende Aufgabenverflechtung übte der Bund zunehmenden Einfluss auf die Kantone aus. Weil das Wachstum der Ausgaben bald das der Einnahmen überstieg, geriet der Bund in eine langjährige Defizitperiode. Dank tiefgreifenden Reformen, die klare Regeln für die Staatsausgaben sowie einen Neuverteilung der Aufgaben zwischen den Staatsebenen umfassten, wurde in den 2000er-Jahren eine Stabilisierung erreicht. Allerdings schreitet der Prozess der schleichenden Zentralisierung seitdem unvermindert voran, weshalb sich die Politik schon bald wieder mit der Frage des Finanzausgleichs befassen muss.
Ausserdem erfahren Sie im Buch:
- Warum die Verstaatlichung der Eisenbahnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts für den Bund eine riskante Angelegenheit war
- Wie aus der Kriegssteuer die direkte Bundessteuer wurde
- Warum die Finanzierung der AHV über den Bund eine zentrale Weichenstellung der Finanzpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg darstellt.
- Warum regelbasierte Finanzpolitik für einen nachhaltigen Haushalt unabdingbar ist