Bei Platon findet sich die Idee, dass eine kleine Gruppe von besonders Gebildeten die Staatsgeschäfte lenken sollte. Darauf weist der Oxford-Historiker Prof. Dr. Oliver Zimmer im Videocast hin. Man bezeichne diese Herrschaft der Wissenden und Weisen als Epistokratie. Die Grundidee sei, dass Gebildete bessere politische Entscheidungen träfen als der gemeine Bürger. In der Antike waren die Epistokraten die Philosophen. In heutiger Zeit nähmen hingegen Wissenschafter, Intellektuelle, aber auch Berufsgruppen mit hohem Status wie Ärzte, Anwälte oder Richter, die Position der Epistokraten ein.
Als Beispiel für moderne Epistokraten könnten in vielen Demokratien die Verfassungsrichter gelten. Denn meist stünden diese über dem Souverän, dem Volk. Verfassungsgerichte können Gesetze, die das Parlament verabschiedet hat, als verfassungswidrig zurückweisen, sagt Zimmer. Die Begründung dafür laute, dass Verfassungsrichter besser wüssten, wie man die Grundsätze einer republikanischen, demokratischen Verfassung bewahre, als der Stimmbürger.
In der Schweiz hingegen herrsche diese Form der Epistokratie des Verfassungsgerichts nicht vor. In der Eidgenossenschaft werde stattdessen die Volkssouveränität höher als das Wort der Verfassungsrichter gewichtet. Ein Beispiel dafür sei das noch bis vor kurzem gültige, unterschiedliche Rentenalter für Frauen und Männer. Eigentlich verletze dieses Gesetz das Gleichheitsgebot der Schweizer Bundesverfassung. Doch die direkte Demokratie stehe hier über der Verfassung. Die Demokratie der Eidgenossenschaft bilde daher ein Bollwerk gegen Herrschaftsansprüche von Epistokraten, sagt Zimmer.
Oliver Zimmer hat im März 2024 zu diesem Thema das Buch «Prediger der Wahrheit: Von der Reformation zur modernen Elitenherrschaft» im Claudius Verlag veröffentlicht.
Ausserdem erfahren Sie im Video:
- Was der Unterschied zwischen einer Elite und einer Epistokratie ist
- Warum sich die Gruppen, die sich zu Epistokraten erheben, immer wieder wandeln
- Wie sich in den USA im 19. Jahrhundert eine Epistokratie der Verfassungsrichter etablierte
- Ob es auch in der Schweiz Epistokraten gibt